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28.01.2019, 12:01 Uhr KOLUMNE

Der Quarterback: König unter den Mannschaftssportlern

Von Tobias Bosse


Tom Brady hat in diesem Jahr die Chance, zum sechsten Mal den Super Bowl zu gewinnen. Foto: dpa/Cj GuntherTom Brady hat in diesem Jahr die Chance, zum sechsten Mal den Super Bowl zu gewinnen. Foto: dpa/Cj Gunther 

Hamburg. Kaum jemand weiß, was die 22 Spieler beim American Football auf dem Feld überhaupt machen, aber eine Position kennen alle: Den Quarterback. Eine Huldigung unseres Autors an den König unter den Mannschaftssportlern.

Keine Angst, das wird nicht ein weiterer Artikel zum Thema, was der schönste Sport der Welt sei – besser als Fußball, Sex und überhaupt. Nein, hier soll lediglich eine Position die Wertschätzung erhalten, die ihr  hierzulande zu selten zuteil wird, weil dieser Sport in Deutschland ungefähr so viel Aufmerksamkeit erhält wie Fingernägel beim Friseur. Die Rede ist von American Football. Und bevor mir "Zeit"-Kolumnistin und Handball-Fanatikerin Sophie Passmann aufs Dach steigt, verkneife ich mir den Vergleich zu ihrer geliebten  Sportart lieber.

Jeder kennt den Quarterback

Für viele Deutsche wird der Sport mit dem komisch aussehenden Spielgerät aus Schweinsleder wohl für immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Tatsächlich ist es zwar gar nicht so kompliziert, aber darum soll es hier jetzt nicht gehen. Denn auch wenn kaum jemand weiß, was die 22 Spieler da auf dem Feld mit den ganzen Linien und Schiedsrichtern überhaupt machen, eine Position kennen alle: Den Quarterback. Man könnte fast sagen, die Position ist größer und bekannter als der Sport selbst – zumindest in Deutschland. 

Und das liegt nicht nur an den etlichen Teenie-Filmen, die Quarterbacks meistens als lässige, aber geistig beschränkte Sexsymbole skizzieren. Keine andere Position in Mannschaftssportarten ist derart verantwortungsvoll und entscheidend für Erfolg und Misserfolg eines Teams, wie die des Quarterbacks. Zudem ist auch kein Anforderungsprofil umfassender. Kurz gesagt: Quarterbacks sind die Könige unter den Mannschaftssportlern! 

Die Seele des Angriffsspiels

Von dem Moment an, wenn der Football an der Line of Scrimmage vom Center gesnapt wird (sowas wie der Anstoß eines Spielzugs), bricht unmittelbar vor den Augen des Quarterbacks das pure Chaos aus. Spieler, Helme und Knochen prallen mit voller Wucht aufeinander und jeder Spieler der gegnerischen Mannschaft (Defense) hat nur ein Ziel – den Quarterback. Hinzu kommt auch noch, dass der Quarterback den geringsten Körperschutz trägt, um möglichst flexibel beim Werfen des Footballs zu sein. 

Während also die Hälfte der Muskelprotze auf dem Feld versucht, seinen Allerwertesten hart auf den Boden zu befördern, muss er die Ruhe bewahren, den Überblick behalten, die Verteidigung lesen, Spielzüge improvisieren, Laufwege antizipieren und schließlich den perfekten Pass werfen, geschmeidig an den Running Back übergeben oder selbst laufen, um das entscheidende First Down (zehn Yards) innerhalb von vier Versuchen zu holen. Das alles binnen weniger Sekunden. Er ist der Dreh- und Angelpunkt sowie die Seele des gesamten Angriffsspiels einer Mannschaft.

Cool, Cooler, Brady

Einer der größten seiner Zunft, wenn nicht der größte Quarterback und meiner Analogie folgend somit auch Mannschaftssportler aller Zeiten, ist Tom Brady von den New England Patriots. Er wird dieses Jahr zum dritten Mal in Folge und zum neunten Mal insgesamt um die Vince Lombardi Trophy im Super Bowl spielen. Brady spielen zu sehen, insbesondere in den letzten Minuten wichtiger Spiele, ist wie Harry Houdini bei einem seiner Zaubertricks über die Schulter zu gucken – einfach magisch.


Mit welcher Ruhe und Gelassenheit er sein Team Yard für Yard nach vorne bringt, Spielzüge kurz vor Ablauf der Uhr noch ändert, weil er etwas in der Verteidigung erkannt hat, das niemand sonst sieht und seinen Mitspielern schließlich das Ei millimetergenau auf die Brust nagelt, ist schlicht atemberaubend und nahezu einzigartig. 

Eine vergleichbar ruhige Ausstrahlung hatte vielleicht noch Quarterback-Legende Joe Montana von den San Fransisco 49ers, dem nachgesagt wird, er habe bei entscheidenden Spielzügen Ausschau nach Promis im Publikum gehalten – so cool war er. Ob Tom Brady auch in diesem Jahr wieder cool genug sein wird, um am Ende als Gewinner dazustehen, wird sich am 3. Februar in Atlanta zeigen. Dann führt er seine New England Patriots gegen die Los Angeles Rams aufs Feld. Es wäre sein sechster Super-Bowl-Titel, der ihn wohl endgültig zum König unter den Königen machen würde.

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