"Gefährlich für die Gesundheit" Sechs Spiele in acht Tagen: Der Handball frisst seine Sportler

André Fischer

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Stoßen und Reißen, nein das ist nicht Gewichtheben, sondern Handball. Der körperbetonte Sport fordert viel Einsatz von seinen Protagonisten wie Fabian Wiede (Mitte). Foto: imago/ContrastStoßen und Reißen, nein das ist nicht Gewichtheben, sondern Handball. Der körperbetonte Sport fordert viel Einsatz von seinen Protagonisten wie Fabian Wiede (Mitte). Foto: imago/Contrast

Köln. Auch wenn Christian Prokop keine Müdigkeit bei seinen Jungs ausgemacht hat und so einem Journalisten bei der Pressekonferenz nach dem Island-Spiel vehement widersprach: Die Diskussion um die Überbelastung der werfenden Zunft ist neu entbrannt – mal wieder.

Seit Jahren frisst eine der schnellsten und spektakulärsten Sportarten seine Top-Kinder. Was zu viel ist, macht krank. Viel schlimmer als der physische Schmerz: wenn die Seele leidet. 

Sprints, Richtungswechsel, Sprünge, Mann gegen Mann: der Kontaktsport Handball ist geprägt durch das Zusammenspiel hochintensiver Phasen. Erholung? Keine Zeit. Die Terminhatz lässt kaum eine Spanne zum Durchpusten. Bei aller Euphorie für ein paar wilde, unverwundbar wirkende Kerle geht dieser Fakt in diesen berauschenden WM-Tagen schlicht unter.

Zwei Duelle innerhalb von 24 Stunden

„Wir sind zu den schlimmsten Zeiten des Sports zurückgekommen“, sagte unlängst Guillaume Gille, mit Didier Dinart als Trainer für den amtierenden Weltmeister aus Frankreich verantwortlich – und in Sorge. Zwei Duelle innerhalb von 24 Stunden – das ist schon mal der „Trott“. Die Grenze des Zumutbaren scheint längst erreicht. Auch für Ex-Bundestrainer Dagur Sigurdsson. Er verweist auf die Gefahr eines möglichen Burnouts. Ins gleiche Horn stößt Gudmundur Gudmundsson. Seine isländischen Wikinger stehen beim globalen Kräftemessen innerhalb von acht Tagen gleich sechsmal auf der Platte. Die Partie gegen Frankreich rundete am Sonntag eine echte Kraftprobe ab. „Das ist gefährlich für die Gesundheit der Spieler“, mahnt Gudmundsson. Erst am Mittwoch steigt der finale Vergleich mit den Brasilianern. Etwas Zeit zur Muße. Immerhin.

Auch die Spieler schlagen Alarm

Doch was tun? Namhafte Nationalspieler wie Holger Glandorf oder Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler aus dem aktuellen Kader haben bereits in der Vergangenheit Alarm geschlagen. Die Verkleinerung der Liga ins Spiel gebracht, eine längere Sommerpause als drei Wochen gefordert. Viele Ideen. Passiert ist herzlich wenig. Bis nichts. Der Vorstoß von Frank Bohmann, Geschäftsführer der Bundesliga, die Kader zu vergrößern, die Spielzeit zu verteilen, wird müde belächelt. Auf der internationalen Bühne ohnehin kaum realisierbar wegen der Vorgaben des Weltverbandes. 16 Spieler sind das Höchste der Gefühle – nur das Vereinte Korea bildete bei diesen Titelkämpfen mit 16 Süd- und vier Nordkoreanern die Ausnahme, nicht die Regel.

Wissenschaftler: Vier bis sieben Tage Erholung wären wünschenswert

Professor Dr. Kurt Steuer, Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und Unfallchirurgie am Godesberger Johanniter Waldkrankenhaus und Teamarzt der Deutschen, hat in einem Interview mit der „Sportschau“ mit seinen Worten tief blicken lassen: „Rein wissenschaftlich betrachtet, kann das nicht funktionieren, aber in der Realität muss es funktionieren.“ Vier bis sieben Tage Erholung seien wünschenswert. Regeneration deluxe. Nichts als Träumereien.

Aufstockung von EM und WM

Es kommt noch schlimmer. Durch die Aufstockung der EM ab 2020 von 16 auf 24 Nationen in den Gastgeberländern Norwegen, Österreich und Schweden sowie bei der WM 2021 in Ägypten von 24 auf 32 Teams bleibt das Thema heiß. Vielleicht hilft eine Portion Zynismus. Wie sagte einst Florian Kehrmann, Weltmeister 2007: „Ich zähle die Partien einfach nicht mehr.“ Wer’s glaubt.


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