Interview zur Handball-WM Bommes über Kretzschmar-Aussage: "Freund der Einzelfallbetrachtung"

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TV-Moderator Alexander Bommes war selbst aktiver Handballer. Für die ARD berichtet er aktuell von der Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark. Foto: Dpa/Lukas SchulzeTV-Moderator Alexander Bommes war selbst aktiver Handballer. Für die ARD berichtet er aktuell von der Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark. Foto: Dpa/Lukas Schulze

Berlin. Ex-Handballer Stefan Kretzschmar löste eine hitzige Debatte aus: Fehlt es dem Sport heutzutage an "Typen"? TV-Moderator Alexander Bommes verneint.

Handball ist ein Nischensport in Deutschland, hierzulande regiert König Fußball. "Wenn eine Sportart den Markt so dominiert wie Fußball, ist es für alle anderen Sportarten schwer", erklärte Sportwissenschaftler Thomas Horky unlängst im Interview mit unserer Redaktion. 

TV-Moderator Alexander Bommes war selbst aktiver Handballer und kennt die Mechanismen – über die mediale Aufmerksamkeit, die Chancen des DHB-Teams bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land sowie die Aussage von Ex-Handballer Stefan Kretzschmar über "fehlende Typen" im Profi-Sport spricht Bommes im Interview.

Herr Bommes, 2007 gab es das Sommermärchen im eigenen Land. Wie realistisch ist eine Wiederholung zwölf Jahre später?

Alexander Bommes: Der Titelgewinn wäre in meinen Augen eine Überraschung. Übersteht die deutsche Mannschaft aber heute gegen Russland und morgen gegen Frankreich die ersten echten Gradmesser, werden Ausgangsposition, Sicherheit und Selbstvertrauen von Tag zu Tag besser, und dann ist natürlich alles möglich.

Apropos 2007, nach dem WM-Erfolg im eigenen Land dachten viele: Das ist der Durchbruch des Handballsports in Deutschland. Doch schnell waren der Erfolg und die Euphorie vergessen….Wie erklären Sie es sich, dass sich der Handball in der Gunst der Deutschen weit abgeschlagen hinter Fußball befindet?

Damals gab es nach der WM eine wöchentliche Handballsendung in NDR und WDR, die allerdings aufgrund des ungünstigen Termins am Samstag und des zersplitterten Spielplans keinen Erfolg hatte. Chance krachend verpasst. Das ist heute ganz anders, der Handball ist medial gut aufgestellt, verbessert seine Strukturen kontinuierlich und tut gut daran, sich nicht mit dem Fußball zu vergleichen. Ein Zeichen von innerer Stärke ist es, auf sich selbst zu schauen.

Was muss der Handball-Sport in Deutschland tun, um aus seiner Nische zu kommen?

Das, was er tut und in jüngerer Vergangenheit getan hat. Seine Rolle akzeptieren, nicht klagen, sondern handeln. Die Bereitschaft, die jahrzehntelang gelebten Anwurfzeiten für einen Fernsehvertrag zu verändern, ist ein großer Schritt gewesen. Keine Sportart kommt voran, wenn sie im Widerstand gegen die Dominanz des Fußballs verharrt.

Aus Ihrer Sicht: Wieso ist Handball der beste Sport? Sie selbst spielten einst….

Das ist lange her... Den „besten Sport“ gibt es nicht, aber die Spannung, die Leidenschaft und die Authentizität faszinieren mich schon seit Kindheitstagen. Der Mannschaftsgedanke des Handballs hat mich sehr geprägt.

Fehlt es dem DHB-Team momentan an Ikonen? Pascal Hens, Johannes Bitter, Stefan Kretzschmar waren Spieler, die polarisierten.

Das waren bzw. sind wunderbare Spieler. Jetzt sind andere da. Und sie schreiben ihre eigene Geschichte. Der Eine schreibt sie lauter, der Andere schreibt sie leiser. Aber schauen Sie beispielsweise einem Patrick Wienczek heute Abend gegen Russland mal in die Augen und achten darauf, wie er jeden seiner 200 Zentimeter und jedes seiner 110 Kilogramm in den Dienst seiner Deutschen Nationalmannschaft stellt und wirft. Das braucht keine Überschrift oder Bezeichnung – das ist einfach Leistungs- und Mannschaftssport, wie man ihn kaum besser verkörpern kann.

Stefan Kretzschmar sagte jüngst, dem deutschen Sport fehle es an "Typen". Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Ich bin ein Freund der Einzelfallbetrachtung. Für mich ist jede Sportlerin oder jeder Sportler ein „Typ“, der bereit ist, sich selbst zu hinterfragen und auch öffentlich mal ernsthaft in den Dialog darüber zu gehen, was es eigentlich in uns Menschen ist, das uns auch mal scheitern lässt. Im „Sportschau Club“ in der ARD führen wir regelmäßig solche Gespräche, nach denen beide Seiten immer sehr glücklich sind.


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