Interview mit Osnabrücker Weltmeister Handballer Holger Glandorf über angeklebte Schnäuzer und zu wenig Schlaf

Von André Fischer

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Hier jubelt Holger Glandorf (rechts) über den WM-Sieg 2007. Foto: imagoHier jubelt Holger Glandorf (rechts) über den WM-Sieg 2007. Foto: imago

Münster . 18 Jahre Bundesliga, 13 Jahre Nationalmannschaft – Holger Glandorf hat in seiner Handball-Karriere so ziemlich alles erlebt. Und noch immer nicht genug. Mit 35 Jahren ist der gebürtige Osnabrücker bei Bundesliga-Spitzenreiter SG Flensburg-Handewitt ein gesetztes Nordlicht. Das globale Kräftemessen wird der Weltmeister von 2007 aus seiner Wahlheimat verfolgen.

Herr Glandorf, wo stecken Sie so kurz vor der WM im eigenen Land? 

In Flensburg. Wir waren in Österreich Ski fahren über Silvester. Da hatte ich endlich etwas Zeit für die Familie.

Da haben Sie ja rechtzeitig die Reißleine gezogen.

Ja, wir sind dem Winterchaos so eben entkommen.

Dürfen Sie denn auf die Bretter?

Ich dürfte, ja. Meines Wissens steht nichts anderes in meinem Vertrag. Aber ich habe bewusst verzichtet. Meine beiden Jungs sind gefahren. Ein Riesenspaß.

Wie alt sind die beiden?

Zehn und sieben Jahre alt.

Und angefixt vom Handball?

Total. Hier in Flensburg stellt sich ohnehin nicht die Frage, ob man Handball spielt, sondern nur wo.

Bei der SG nehme ich an?

So ist es.

Lassen Sie uns zurückblicken: Mit Heiner-Brand-Schnäuzer und goldener Pappkrone auf dem Haupt haben Sie am 4. Februar 2007 mit 19 000 begeisterten Menschen die größte Handball-Party aller Zeiten in der Köln-Arena gefeiert. 

Ja, die Erinnerungen sind aktuell natürlich sehr präsent. Und dementsprechend erreichen mich einige Interviewanfragen derzeit. Eine tolle Feier, an die ich mich noch gerne zurückerinnere.

Holen Sie den Schnäuzer an Karneval noch mal raus?

Leider habe ich den nicht mehr. Der hätte sich bis heute wohl aufgelöst. Das war alles so spontan damals. Plötzlich lagen da diese Burger-King-Kronen in der Kabine, die einige Spielerfrauen besorgt hatten und natürlich die bekannten Bärte.

In der Kabine herrschte ein reges Kommen und Gehen.

Ja. Ein riesiger Raum. Dort sind sonst die Kölner Haie daheim. Ich kann mich daran erinnern, dass auf einmal Elton von TV total vor mir stand. Dann habe ich viele alte Handballer gesehen. Alle wollten kurz Hallo sagen und gratulieren. Was da abging war der Wahnsinn. Ich hatte tage- und nächtelang eine Gänsehaut.

Zur Person

Ausgezeichnet für sportliche Erfolge
Sein Länderspieldebüt für die deutsche Nationalmannschaft hatte Holger Glandorf 2003 gegen Ungarn. Für seinen Erfolg bei der Weltmeisterschaft 2007 wurde er mit dem Silbernen Lorbeerblatt, die höchste verliehene sportliche Auszeichnung in Deutschland, ausgezeichnet. Bei der Handball-Europameisterschaft 2008 war er mit 36 Toren bester Torschütze der deutschen Mannschaft. Am 1. September 2014 erklärte Glandorf seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft, feierte jedoch am 9. Januar 2017 in einem Testspiel gegen Österreich sein Nationalmannschafts-Comeback. Bislang bestritt er 168 Länderspiele, in denen er 579 Tore erzielte. Mit seinem Verein SG Flensburg-Handewitt wurde Glandorf 2015 DHB-Pokalsieger, Champions-League-Sieger 2014 und Europapokalsieger der Pokalsieger 2012.


Wie viele Kaltschalen Gerstensaft hat sich der bekennende Kaffeetrinker Glandorf damals gegönnt?

Ein paar Kölsch waren das schon. Es waren genug Kisten in der Kabine. Das sei erlaubt. Wir haben einen Monat auf diesen Moment hingearbeitet. Ein unvergesslicher Abschluss war das.

Die Goldmedaille, wo ist die geblieben?

Wohl behütet in einer Vitrine. Da gehört sie hin, weil sie zum großen Teil aus Glas ist. Ich habe mitbekommen, wie einige Jungs das gute Stück haben fallen lassen. Ob sie jemals ersetzt wurden, weiß ich nicht.

Dass Sie äußerst bodenständig und alles andere als eine Rampensau sind, dokumentiert eine Anekdote am Tag nach dem Titelgewinn, als Sie schon am Vormittag auf dem Weg zur Familie waren, um Freundin Christin, heute Ihre Frau, zur Arbeit zu fahren.

Im Wiehler Rathaus gab es damals montags noch einen Empfang. Freiwillig. Ich habe nicht großartig darüber nachgedacht. Ich bin so. Meine Frau hat mir immer den Rücken freigehalten. Das ist doch normal.

Aber fahren durften Sie schon wieder?

Ein bisschen Schlaf und Regenerationszeit hatte ich schon. Wenn auch nicht viel. Es hat gereicht für den kurzen Trip nach Nordhorn.

16 Millionen Zuschauer zitterten vor zwölf Jahren vor den Bildschirmen mit. Es gab einen regelrechten Hype. Was glauben Sie, können die deutschen Jungs bei dieser WM ebenso mitreißen?

Das hoffe ich. Die Mannschaft hat ein unglaubliches Potenzial. Die Sendezeiten im Öffentlich-Rechtlichen könnten eine zusätzliche Motivation sein nach zwei Turnieren in der TV-Nische. Wenn man bedenkt, dass sich Handball in Deutschland langfristig als zweitgrößte Ballsportart hinter Fußball etablieren will, lohnt sich die Schweißarbeit.

Wer sind die Favoriten?

Die üblichen Verdächtigen. Die Dänen haben als Ausrichter riesen Möglichkeiten. Auch die Franzosen ohne Nikola Karabati muss man auf der Rechnung haben. Dazu Spanien, Kroatien, Schweden, Norwegen. Große Handball-Nationen. Und natürlich haben auch wir das Zeug, ganz vorne mitzumischen. Ich würde es den Jungs wünschen. Solche Momente gehen unter die Haut.

Kann ein Turnier im eigenen Land auch als Belastung wahrgenommen werden?

Schwer zu sagen. Auch wir haben uns damals im Eröffnungsspiel gegen Brasilien äußerst schwer getan und in der Gruppenphase gegen die Polen verloren. Als Gefahrenherd sehe ich die sozialen Medien. Darin wird schnell Stimmung gemacht, wenn es nicht so läuft. Gerade junge Spieler könnte das negativ beeinflussen. Auf der anderen Seite ist das ein riesen Ereignis vor der Haustür. Das sollte jeder genießen und es kann eine echte Euphoriewelle auslösen.

Wo und wie werden Sie diese WM verfolgen?

Ich werde die Spiele als Fan vor dem Bildschirm verfolgen. Das sind allesamt gute Jungs. Die haben Aufmerksamkeit verdient. Für das Halbfinale in Hamburg habe ich zwei Karten. Hoffentlich mit deutscher Beteiligung. Ein Finaleinzug wäre die Krönung.


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