St. Pauli-Aufsichtsratschefin Schwedler "Es gibt viel gelebten, strukturellen Sexismus in Verbänden und Vereinen"

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Sandra Schwedler ist seit mehr als vier Jahren Aufsichtsratsvorsitzende beim FC St. Pauli. Foto: imago/Oliver RuhnkeSandra Schwedler ist seit mehr als vier Jahren Aufsichtsratsvorsitzende beim FC St. Pauli. Foto: imago/Oliver Ruhnke

Hamburg. In ihren vier Jahren als Aufsichtsratsvorsitzende beim FC St. Pauli ist Sandra Schwedler nach eigenen Angaben mit reichlich Sexismus konfrontiert worden. Auch deshalb spricht sie sich nun für eine Frauenquote im Fußball aus. Doch beim DFB sieht man dafür keine Notwendigkeit.

Sandra Schwedler ist seit mehr als vier Jahren Aufsichtsratsvorsitzende beim FC St. Pauli. Lange war sie der Meinung, dass es eine Frauenquote im Fußball nicht brauche. Doch inzwischen hat sie die Realität umgestimmt: "Gerade nach den letzten vier Jahren und den Erfahrungen, wie das System 'Fußball' funktioniert, würde ich sagen, es wäre auf jeden Fall hilfreich." 

Nach wie vor gibt es nur eine Handvoll Frauen auf verantwortungsvollen Posten im deutschen Profifußball. Neben ihr gibt es beispielsweise mit Eva-Maria Federhenn und Cäcilia Alsfasser zwei Frauen im Aufsichtsrat des FSV Mainz 05 oder bei Fortuna Düsseldorf Martina Voss-Tecklenburg. Doch, "das ist viel zu wenig", ist sich Sandra Schwedler sicher. 

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Was plant die Regierung?

Der Fußball verschließt sich immer noch ähnlich stark vor Frauen in gehobenen Positionen, wie es die katholische Kirche tut. Auch in der freien Marktwirtschaft gab es lange wenig Unternehmen, die Führungspositionen mit Frauen besetzten. Deshalb entschied die Regierung sich dafür, per Gesetz einzuwirken. Für Aufsichtsräte von Unternehmen, die börsennotiert sind und der paritätischen Mitbestimmung unterliegen, gilt seit 2015 eine Frauenquote von 30 Prozent. 

Die Profifußball-Abteilungen von Erst- oder Zweitligisten sind zumeist von dem Gesamtverein ausgelagerte GmbHs und somit auch Kapitalgesellschaften. Diese unterliegen aktuell keiner Frauenquote und das wird sich wohl auch erstmal nicht ändern, wie das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz auf Nachfrage bestätigte: "Die Bundesregierung plant derzeit keine Ausweitung der gesetzlichen Regelung auf weitere Unternehmen."

Verbände und "gelebter Sexismus"

Sandra Schwedler würde die Einführung einer Frauenquote begrüßen, auch wenn diese nicht für die Ewigkeit sein müsse, sagt sie, aber es würde einen Anstoß geben und den nötigen Druck aufbauen, verantwortungsvolle Posten mit Frauen zu besetzen und sie auch dort zu belassen. Katja Kraus, ehemaliges Vorstandsmitglied beim Hamburger SV, schlug mit ihrer Forderung nach einer Frauenquote bereits im Dezember in dieselbe Kerbe.

Der Deutsche Fußball Bund (DFB) sah bislang keine Veranlassung dazu, Posten für Frauen zur Pflicht zu machen. Auch beim Verband haben Präsidiumsmitglieder mit zwei X-Chromosomen Seltenheitswert. Allein Hannelore Ratzeburg erweiterte 2007 die Männerrunde und kümmert sich seither um den Bereich Frauenfußball. 

Hannelore Ratzeburg, Vizepräsidentin Frauen- und Mädchenfußball beim DFB. Foto: dpa/lbn/Carmen Jaspersen

Schwedler benennt zwei Gründe dafür: "Viele denken, wenn es fähige Frauen gibt, dann werden die schon kandidieren und wenn die das nicht machen, scheint es die auch nicht zu geben. Zudem gibt es ganz viel gelebten, strukturellen Sexismus in den Verbänden und Vereinen." Das habe sie bereits mehrfach am eigenen Leibe erfahren müssen. 

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Wer muss den Anfang machen?

Wenn Sandra Schwedler beispielsweise auf Veranstaltungen des Vereins erscheint, gehen viele selbstverständlich davon aus, dass sie die Frau, Tochter oder Schwester eines Verantwortlichen sei und nicht selbst eine wichtige Funktionärin.

Für viele, insbesondere für Männer, sei die Trennung zwischen Frauen und Fußball fest in den Köpfen verankert, meint Schwedler und ergänzt: "Das geht schon in der Sprache los, weil wir von Fußball und Frauenfußball sprechen. Diese Trennung in der Sprache verursacht die Trennung in den Köpfen."

Die Verantwortung am Status Quo etwas zu ändern, sieht Schwedler beim Verband: "Der Verband muss in dieser Frage dringend eine Vorbildfunktion einnehmen." Das fange schon bei der Bezeichnung an. "Diese Unterscheidung zwischen Fußball und Frauenfußball gibt es in keinem anderen Sport. Das ist total irre und natürlich muss der Verband da eine Vorreiterrolle einnehmen."

Der DFB sieht keine Notwendigkeit

Auf Nachfrage beim DFB brüstet man sich zunächst mit dem vor zwei Jahren initiierten "Leadership-Programm für Frauen in Führungspositionen" sowie dem Verweis darauf, dass sich 89 Frauen unter den 212 hauptamtlichen Mitarbeitern des Verbands befänden – die wenigsten jedoch in Führungspositionen. Auch Schwedler tut sich mit einer Bewertung schwer: "Ich habe nach dem Beginn des Programms nie wieder etwas davon gehört, man sieht auf jeden Fall keine Ergebnisse." 

Es gibt keine Planungen, eine Frauenquote beim DFB einzuführen.DFB-Sprecher

Beim DFB verweigert man sich auf Nachfrage den Vorwürfen, das Leadership-Programm lediglich zur Image-Aufbesserung initiiert zu haben: "Bei dem Leadership-Programm handelt es sich nicht um eine Image-Kampagne", sagt ein Verbandssprecher und verweist darauf, dass 9 der 24 Teilnehmerinnen im Laufe des Programms eine Position im Verband auf Kreisebene übernommen hätten, fünf seien in einen DFB-Ausschuss oder eine DFB-Kommission berufen worden und zwei säßen nun in Gremien der Landesverbände.

Auch deshalb sehe man beim Verband schlicht keine Notwendigkeit für eine Frauenquote: "Es gibt keine Planungen, eine Frauenquote beim DFB einzuführen", sagte ein Sprecher unserer Redaktion. 

Druck auf den DFB durch eine Initiative?

Daran, dass Hannelore Ratzeburg seit 2007 keine weibliche Verstärkung an ihrer Seite im DFB-Präsidium bekommen hat, wird sich ohne Frauenquote vermutlich mittelfristig nichts ändern. 

Denn das Präsidium setzt sich unter anderem aus Vertretern der Regional- und Landesverbände sowie der DFL zusammen. Und um Teil des DFB-Präsidiums zu werden, muss eine Frau eine Führungsposition in einem Regional- oder Landesverband innehaben, kandidieren und sich von den Delegierten zu einem Mitglied des DFB-Präsidiums wählen lassen. Das Problem: Es gibt keine einzige Frau auf einer der insgesamt 38 möglichen Positionen. 

Eine Situation, die für die wenigen weiblichen Vereinsfunktionäre wie Sandra Schwedler nicht mehr tragbar ist. Sie könne sich daher zwar grundsätzlich vorstellen, eine Initiative zur Einführung einer Frauenquote mitzugestalten, aber für dieses weitere Engagement - außerhalb des eigenen Vereins - fehle es aktuell an Zeit.


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