DFB-Präsident im Interview Grindel: Fangruppen müssen sich von Gewalt distanzieren

Von Lars Zimmermann

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Will den Dialog fördern: DFB-Präsident Reinhard Grindel. Foto: Witters/Thorsten WagnerWill den Dialog fördern: DFB-Präsident Reinhard Grindel. Foto: Witters/Thorsten Wagner

Pinneberg. Für den Deutschen Fußball-Bund und seinen Präsidenten war 2018 kein einfaches Jahr. Im Interview äußert sich Reinhard Grindel zum Kampf gegen Gewalt im Stadion, dem Protest der Drittligisten und dem frühen Aus bei der Fußball-WM in Russland. Auch mit dem Weltverband FIFA geht der 57-jährige Niedersachse ins Gericht.

Herr Grindel, Pyro-Technik, Krawalle in und außerhalb der Stadien, massive Angriffe auf die Schiedsrichter – die Gewalt im Fußball scheint immer weiter zuzunehmen. Bereitet Ihnen diese Entwicklung Sorgen?

Der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und weil so viele auf den Fußball schauen, bietet dieser eine große öffentliche Plattform und zieht auch solche Menschen an, denen es weniger um Fußball als vielmehr darum geht, sich selbst darzustellen – leider auch indem sie gewalttätig werden und andere gefährden. Diese Entwicklung hatten wir in Deutschland bereits in Teilen der 80er- und 90er-Jahre. Das macht es aber natürlich nicht besser.

Wie kann man diese Entwicklung stoppen?

Um gegenzusteuern, ist es wichtig, dass alle zusammenwirken – DFB, DFL und die Vereine. Es macht keinen Sinn, wenn die Verbände einseitig Maßnahmen ergreifen und die Vereine diese nicht mittragen. Wir werden gemeinsam in den kommenden Wochen und Monaten nach Lösungen suchen. Wenn Maßnahmen etwas bringen sollen, müssen sich die Vereine klar positionieren. Die Vereine müssen den Fangruppierungen verdeutlichen, was zur Fankultur gehört und was nicht. Unsere Aufgabe als DFB ist, immer wieder zum Dialog aufzurufen. Es ist wichtig, mit den Gruppen im Gespräch zu sein, die sich zur Fanszene zählen. Der DFB hat bereits eine ganze Reihe von Vorleistungen erbracht, zum Beispiel das Aussetzen von Kollektivstrafen und eine größere Transparenz bei der Sportgerichtsbarkeit. Auch zu den Stehplätzen haben wir uns klar bekannt. Uns ist es im Gegenzug wichtig, dass sich alle Gruppierungen klar und eindeutig von Gewalt distanzieren.

Es gab schon viele Gespräche mit der Fanszene, und gerade Sie persönlich setzen sich immer wieder für den Dialog ein. Sind Sie enttäuscht, dass es trotz allem regelmäßig zu Ausschreitungen und Beleidigungen kommt?

Die Gespräche mit der Fanszene waren gut. Sie machten aber auch deutlich, dass viele Dinge, die die Fans stören, nur von den Vereinen und nicht von den Verbänden geändert werden können. Beispiele dafür sind die Änderungen der Anstoßzeiten und die Tatsache, dass Live-Spiele fast nur im Pay-TV zu sehen sind. Die Rahmenbedingungen legen genauso wie bei 50+1 die DFL und die einzelnen Vereine fest. Der DFB sieht seine Aufgabe darin, zwischen allen Beteiligten zu vermitteln.

Protest in der 3. Liga: Eine Minute lang standen die Spieler der Vereine - so wie hier in Wehen - still gegen den Stillstand. Foto: imago/Eibner


In der 1. und 2. Bundesliga stellten die Fans in den Stadien aus Protest gegen die zunehmende Kommerzialisierung zum Teil die Unterstützung ihrer Mannschaft ein, in der 3. Liga standen die Teams eine Minute lang still, um gegen das drohende Scheitern der Regionalliga-Reform zu protestieren. Aus Ihrer Sicht verständliche Proteste?

Ich rate allen Beteiligten, sich um Sachlichkeit zu bemühen. Überhaupt nicht einverstanden bin ich mit der Aktion der Drittligisten. Wir stehen erst am Anfang der Diskussionen, und es ist noch überhaupt nichts entschieden. Man kann nicht immer nur sagen, was alles nicht geht. Die Regionalligen fordern, dass der Meister aufsteigt, wollen aber an fünf Regionalligen festhalten. Das gilt insbesondere für den Norden und den Nordosten. Die Drittligisten möchten am liebsten nur drei Absteiger. Das passt nicht zusammen. Um einen Kompromiss zu finden, müssen sich alle Seiten bewegen.

Wenn es um Kritik an der zunehmenden Kommerzialisierung geht, rücken häufig die FIFA und vor allem deren Präsident Gianni Infantino in den Blickpunkt. Welchen Einfluss hat der DFB auf den Weltverband?

Im Zusammenwirken mit meinen Kollegen von der UEFA haben wir im FIFA-Council erreicht, dass Herr Infantino die Verhandlungen zur Reform der Club-Weltmeisterschaft nicht im Alleingang führt. Es gibt nun eine Arbeitsgruppe, in der alle Kontinentalverbände vertreten sind. Die soll dafür sorgen, dass die nationalen Ligen und die kontinentalen Clubwettbewerbe keinen Schaden nehmen. Nach meiner Ansicht besteht die Aufgabe der FIFA ohnehin in erster Linie darin, Weltmeisterschaften zu organisieren.

Ärgern Sie sich manchmal über Infantino?

Darauf kommt es nicht an. Wichtig ist, dass wir vernünftige Lösungen für den Fußball finden. Dafür ist es notwendig, dass in der UEFA alle Verbände zusammenhalten. Nur dann können wir Einfluss nehmen.

Wie fällt Ihre Bilanz für 2018 aus?

Sportlich war es mit Blick auf die WM natürlich ein enttäuschendes Jahr. Die Perspektiven sind aber gut. Insbesondere in den beiden letzten Länderspielen gegen Russland und die Niederlande haben wir gesehen, dass sich dort eine Mannschaft mit einem neuen Gesicht präsentiert, die attraktiven Fußball spielen will. Deswegen können wir selbstbewusst in die Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 gehen. Eine tolle Perspektive bringt auch der Zuschlag zur Ausrichtung der Euro 2024. Von diesem Turnier wird der Fußball in der Spitze und in der Breite profitieren.

Was wünschen Sie sich für 2019?

Eine souveräne Qualifikation unserer Nationalmannschaft und den Baubeginn der neuen DFB-Zentrale mit der Akademie auf dem Gelände der ehemaligen Galopprennbahn in Frankfurt. Privat ist Gesundheit für meine Familie und mich das Wichtigste.


Reinhard Grindel

wurde 2016 zum Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes gewählt. Zuvor war der 57 Jahre alte Niedersachse Schatzmeister des Verbandes und saß für die CDU im Deutschen Bundestag. Der ausgebildete Journalist ist verheiratet und hat zwei Söhne.

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