Die Fußball-Kolumne Warum erst ein Trainer in der Bundesliga entlassen wurde

Von Udo Muras

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Der einzige Trainer, der in dieser Bundesliga-Saison entlassen wurde: Tayfun Korkut erwischte es in Stuttgart. Foto: dpa/Patrick SeegerDer einzige Trainer, der in dieser Bundesliga-Saison entlassen wurde: Tayfun Korkut erwischte es in Stuttgart. Foto: dpa/Patrick Seeger

Frankfurt. Wie üblich gibt es viele Diskussionen rund um die Trainer in der Bundesliga – allen voran Niko Kovač. Doch in der aktuellen Saison wurde erst ein Trainer entlassen. Unser Kolumnist beschäftigt sich mit den Hintergründen.

Diese Kolumne streift ja oft durch vergangene Zeiten und so wird der Leser es mir nachsehen, dass ich ihm heute am Einlass mit einem Artikel aus dem Sport Magazin vom 16. Oktober 1958 komme. Er stammt vom späteren DFB-Präsidenten Hermann Neuberger, der damals als Journalist arbeitete und ein Tabuthema anstieß.

„Warum eigentlich keine Kritik am Trainer?“, stand in der Überschrift. Damit eröffnete er eine unerhörte Debatte, denn vor 60 Jahren waren Trainer noch Autoritäten und Respektspersonen wie Lehrer und Familienoberhäupter. Niemand kam auf die Idee, den Lehrer auszutauschen, wenn der Filius eine Fünf in Mathe nach Hause brachte. Trainerrauswürfe gehörten sich einfach nicht und wer es während der Saison doch tat, zog kollektive Empörung auf sich.

Die Entlassung von Trainer Jupp Heynckes, hier im Olympiastadion mit Co-Trainer Egon Coordes, war eine große Fehlentscheidung, sagte später Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß. Foto: imago/HJS

So war das in der guten alten Oberliga, und auch in den ersten Bundesligajahren taten sich Vereine noch schwer mit dem Ziehen der Reißleine, in den ersten drei Spielzeiten gab es 13 – so viele wie allein im Rekordjahr 1991/92. Die Aufgeregtheiten nahmen in dem Maße zu, in dem der Fußball Showgeschäft wurde. Die durchschnittliche Saison liefert 7,6 Trainerentlassungen. 

Und nun das: in dieser Saison flog erst ein Trainer. Tayfun Korkut ging in Stuttgart unter unwürdigen Umständen und ungeachtet seiner Verdienste in der Vorsaison. 

Der VfB bekam dafür ordentlich Dresche, auch für die verlogenen Treueschwüre seitens des Sportchefs – sogar von moralischen Instanzen wie Ottmar Hitzfeld. Natürlich hätte der VfB auch Dresche bekommen, wenn er mit Korkut weiter verloren hätte; Zwickmühle ist das Lieblingsspiel der Medien.

Vernunft statt Spaß

Aber die Kollegen hatten schon mal mehr Spaß. Hat es doch den Anschein, als sei Vernunft eingezogen in die Vorstandsreihen der Bundesliga. Lieber legen sich die Mächtigen mit den Medien an und verweisen auf die Verdienste und Charakterzüge ihrer Trainer. Die Medien verweisen auf die Fakten, darin sind sie gut und das ist auch ihre Aufgabe. 

Leverkusen etwa spielt die schwächste Saison seit 15 Jahren, Schalke den gruseligsten Fußball seit es dort Fußball gibt und hat schon genauso oft verloren wie in der kompletten Vorsaison, Hannover hatte zuletzt 1971 weniger Punkte, die Aufsteiger drohen direkt mit dem Fahrstuhl zurück in die 2. Liga zu sausen – aber alle Trainer bleiben. 

Welpenschutz statt Krise: Bayern-Präsident Uli Hoeneß (rechts) und Trainer Niko Kovac besuchten gemeinsam das Spiel der Bayern-Basketballer gegen Anadolu Efes Istanbul. Foto: imago/Oryk HAIST

Ausgestattet mit den heiligsten Treueschwüren der Vorstände. Selbst Niko Kovac, der die Bayern drei Plätze unter ihr Niveau manövriert hat, erhält Welpenschutz und wird von Bayern-Präsident Uli Hoeneß „bis aufs Blut verteidigt“. 

Die neue Treue ist rekordverdächtig, der Minuswert an Entlassungen liegt bei vier, zuletzt 1999/2000 erreicht. Den Zwischenstand von einer Entlassung nach 13 Spieltagen gab es zuletzt vor sechs Jahren, weniger nur vor 18, als der selige Jörg Berger in Frankfurt erst nach der Hinrunde als Erster flog.

Jörg Berger betreute Eintracht Frankfurt von 1989 bis 1991. 1999 wurde er zurückgeholt und rettete die Eintracht vor dem Abstieg. Foto: imago/Team 2

Woran es liegen mag, darüber könnte man sich stundenlang den Kopf zerbrechen. Wie sähe die Statistik wohl mit den Pulverfassklubs HSV und Köln aus? Ein berechtigter Einwand, der HSV wurde seinem Ruf auch in der 2. Bundesiga gerecht. 

Gibt es einfach keine Retter mehr, hat keiner mehr die Nummer von Felix Magath? Schrecken Beispiele wie das des nach acht sieglosen Spielen in Ingolstadt schon wieder geschassten Alexander Nouri ab oder sind unsere Boulevardmedien nicht mehr so gut/böse wie früher? 

In der 2. Bundesliga trennte sich Schlusslicht FC Ingolstadt in dieser Saison nach nur acht Spielen von Trainer Alexander Nouri. Foto: imago/Jan Huebner

Geäußert hat sich der Bund Deutscher Fußballlehrer; ich sprach mit dem netten Lutz Hangartner, dem Präsidenten des Berufsverbandes. Er betrachtet die Entwicklung mit vorsichtiger Freude in dem Wissen, dass eigentlich in jedem Herbst mit den Blättern die Trainer fallen. 

Dass dies aktuell nicht so ist, macht diese durch die Bayern-Krise schon besondere Saison zu einer besonders besonderen. Stand jetzt.


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