„Cup Final“ im Gefangenen-Lager Edwin Dutton: Ein Fußballer-Schicksal aus dem Ersten Weltkrieg

Von Jens Reimer Prüß

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Deutscher Nationalspieler mit englischem Pass: Edwin Dutton, hier im Trikot des Berliner FC Preußen, mit dem er 1910 um die deutsche Meisterschaft spielte. Foto: Agon-VerlagDeutscher Nationalspieler mit englischem Pass: Edwin Dutton, hier im Trikot des Berliner FC Preußen, mit dem er 1910 um die deutsche Meisterschaft spielte. Foto: Agon-Verlag

Newcastle. Er war deutscher Fußball-Nationalspieler und hatte einen britischen Pass. Er wurde – zusammen mit 5000 Landsleuten – während des Ersten Weltkriegs in einem deutschen Lager gefangen gehalten. Vor 100 Jahren, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, kam Edwin Dutton frei.

Anpfiff zum „Cup Final“, Tottenham Hotspur gegen Oldham Athletic. Wie in jedem Jahr zieht das Pokalendspiel die fußballbegeisterten Engländer scharenweise an. Der 24-jährige Edwin Dutton stürmt bei den „Spurs“ links außen, sein Nebenmann ist der berühmte Torjäger Steve Bloomer. 

Tottenham gewinnt, und wer darauf gewettet hat, wird um Zigaretten, Briefpapier oder Tabak reicher. Ort des Geschehens: Nicht das Wembley-Stadion, sondern die Trabrennbahn Ruhleben vor den Toren Berlins.

Internierungslager auf der Trabrennbahn

Gefeiert wurde nach dem Schlusspfiff auch ein bisschen, soweit es die Umstände zuließen; schließlich patrouillierten Wachen, man war eingeschlossen, und von einer Wiedersehensfeier im Familienkreis konnten die Spieler nur träumen. 

Man schrieb November 1914, und die Trabrennbahn in Ruhleben war das größte Internierungslager für ausländische, überwiegend britische Zivilpersonen, die sich zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 in Deutschland aufgehalten hatten – als Geschäftsleute, Schiffsbesatzungen oder als Fußballspieler und -trainer deutscher Vereine.

Edwin Dutton auf einer Spielerkarte. Foto: Agon-Verlag

„Ruhleben“, vielen Berlinern hauptsächlich als U-Bahn-Station bekannt, ist im Bewusstsein vieler Briten nach wie vor präsent. Zwischen 4000 und 5500 britische Staatsbürger haben in dem Lager eingesessen, so wie umgekehrt auch viele Tausend Deutsche im Vereinigten Königreich interniert waren. Mit Fußball verkürzten viele sich die Zeit hinter dem Stacheldraht und in den Notunterkünften. „Tottenham“ und „Oldham“ waren die Fantasiebezeichnungen der Lagerteams, doch die Namen etlicher bekannter Fußballer, die in diesen Mannschaften standen, waren echt.

Dutton war DFB-Nationalspieler

Dass Edwin Dutton in Ruhleben einsaß, war eine üble Ironie der Geschichte, denn er war Nationalspieler des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Am 4. April 1909 hatte der Sohn des anglo-deutschen Sportpioniers Tom Dutton in Budapest mitgeholfen, ein beachtliches 3:3 gegen Ungarn zu erkämpfen. Sein Verein war der Berliner FC Preußen, mit dem er im folgenden Jahr in der Deutschen Meisterschaft antrat.

Nun war Dutton als „feindlicher Ausländer“ im Lager. Schlecht gedankt hatte Deutschland damit nicht nur ihm, sondern der ganzen Familie für deren Verdienste um die Leibesertüchtigung. Dutton senior, ein begeisterter Cricketer und Fußballer, hatte das Spiel mit dem Lederball schon um 1890 in Breslau populär gemacht und dann in der Hauptstadt den Berliner Thor- und Fußball-Club Britannia 1892 mitgegründet. 

Darüber hinaus machte sich Tom Dutton um die Ausrüstung der Sportler verdient, indem er Bälle, Fußballstiefel, Cricketschläger und Trikots aus seiner Heimat importierte und in ganz Deutschland vertrieb.

Anfänge bei Britannia Fußball

Sohn Edwin, in Deutschland geboren am 8. April 1890, spielte als Schüler in der väterlichen Britannia Fußball und Cricket, wechselte dann zu den Preußen. Ein Teamfoto aus dem Jahr 1911, abgedruckt im Fachblatt „Rasensport“, zeigt ihn im Trikot von Newcastle United – dem Verein, in dem fast achtzig Jahre später Kevin Keegan trainieren sollte. 

Nach Angaben des Vereinsarchivars Paul Joannou hatte United den Spieler auf einer Kontinent-Tour „entdeckt“ und als Spieler verpflichtet. Ein Jahr später kehrte Dutton zurück nach Berlin – und musste erst einmal reamateurisiert werden, was viel Palaver erforderte, da die Verbandsautoritäten keine Erfahrung damit hatten.

Ab Anfang 1913 wieder für Britannia 92 spielberechtigt, lief er im Januar bei einem Spiel in Paris bereits wieder für die Berliner Stadtauswahl auf. Doch während der Vater irgendwann Deutscher geworden war, hatte Edwin dies entweder versäumt, oder es spielte plötzlich keine Rolle mehr. Nach dem „Ausbruch“ des Ersten Weltkrieges ereilte ihn jedenfalls die Internierung. Ungefähr zur selben Zeit musste sein Verein den Namen Britannia schleunigst ablegen, seitdem heißt er Berliner SV 92.

Unerträgliche Zustände

Über das Lager Ruhleben und die Verhältnisse dort gibt es in Großbritannien eine Menge Literatur und Webseiten mit persönlichen Aufzeichnungen. Die Schilderungen des Lageralltags variieren stark. Einig sind sich die Zeitzeugen, dass die Unterbringung in den Pferdeställen und der weitläufigen Tribüne der Trabrennbahn kaum zu ertragen war. 

Sportliche und kulturelle Freizeit-Aktivitäten verschiedenster Art waren geduldet, und von einigen Quellen werden die „Ruhlebener“ als relativ privilegierte Gefangene bezeichnet. Doch es gibt auch ganz andere Einschätzungen, die von Verzweiflung, Depressionen und Selbstmorden sprechen.

Fußballlegende Steve Bloomer auch in Ruhleben

Steve Bloomer, einer der ganz Großen aus der Frühzeit des englischen Profifußballs, war schon zur Jahrhundertwende mit 138 Ligatoren in 216 Spielen für Derby County eine lebende Legende, erzählte einem Mitspieler über seine Zeit in Ruhleben: „Sie haben meinen Mut dreieinhalb Jahre lang zu brechen versucht – aber das ist ihnen nicht gelungen. Ich wünschte nur, ich könnte es ihnen eines Tages heimzahlen.“

Edwin Dutton war immerhin noch im besten Spieleralter, als er Ruhleben verlassen und den Versuch machen konnte, in England seine unterbrochene Fußballerkarriere fortzusetzen. 

Rückkehr nach England

Am 23. November 1918 meldete die Liverpool Daily Post die Ankunft von 200 Zivilpersonen aus Ruhleben im Hafen von Hull, darunter war Dutton. Seine Profikarriere konnte er nicht mehr fortsetzen, bei Newcastle United kam er nur noch zu Einsätzen in der Reservemannschaft.

Dutton wurde Trainer, zuerst in South Shields, später bei Ipswich Town. Sein Weg führte ihn wieder zurück nach Deutschland, wo das Know-how englischer Trainer in den Zwanzigerjahren besonders gefragt war. Von 1924 bis 1926 trainierte er die Stuttgarter Kickers.

Edwin Dutton, der deutsche Nationalspieler mit englischem Pass, der vier Jahre in einem Internierungslager eingesperrt war, setzte sich in Chester zur Ruhe und verstarb dort am 24. Mai 1972.


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