Leverkusens Sportdirektor im Interview Neuer Bayer-04-Boss Simon Rolfes: "Wir haben eine klare Philosophie"

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Ab dem 1. Dezember wird Simon Rolfes der neue Sportdirektor von Bayer 04 Leverkusen sein. Foto: dpa/Marius BeckerAb dem 1. Dezember wird Simon Rolfes der neue Sportdirektor von Bayer 04 Leverkusen sein. Foto: dpa/Marius Becker

Leverkusen. Simon Rolfes spielte jahrelang für Bayer Leverkusen, wurde nach seiner Karriere sogar Ehrenspielführer des Vereins. Jetzt wurde er zum Sportdirektor befördert. Im Interview erzählt er, wie er sich die Nachwuchsarbeit des Vereins in Zukunft vorstellt.

Erst im Sommer wurde Ex-Nationalspieler Simon Rolfes zum Leiter Jugend und Entwicklung beim Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen, vor wenigen Tagen verkündete der Werksclub dann seine Ernennung zum Sportdirektor. Ab 1. Dezember tritt der 36-Jährige die Nachfolge von Jonas Boldt an. Für die Zukunft hat Rolfes eine klare Vorstellung, wie die Mannschaft zusammengesetzt sein soll.

Herr Rolfes, Sie sind als junges Talent erst mit 17 Jahren zu Werder Bremen gewechselt – Wie hat sich mit Blick auf die Altersstrukturen das Scouting in den vergangenen Jahren verändert?

Simon Rolfes: Die Altersstrukturen sind natürlich weiter nach unten gegangen, allerdings war ich damals vor 20 Jahren spät dran (lacht). Es war tatsächlich der letzte Kaderplatz, der offen war. Insgesamt hat die Nachwuchsarbeit an Wichtigkeit für alle Clubs zugenommen, sie hat sich insbesondere durch die Nachwuchsleistungszentren (NLZ) viel stärker professionalisiert. Mit Letzteren hat eine frühere Förderung junger Spieler und Talente auf einem ganz anderen Niveau eingesetzt.

Was ist in Ihren Augen der Vorteil eines NLZ?

Die Strukturen und das Trainingsniveau sind dadurch besser geworden. Es ist ein gutes Wechselspiel von "Fordern" und "Fördern". Das passiert beispielsweise durch bessere Mitspieler im Training.

Zudem sind häufig auch deutlich besser ausgebildete Trainer im NLZ. Wir haben für unsere U17 und U19 insgesamt viel ausgebildete Fußballlehrer. Das ist in Deutschland außergewöhnlich.

"Wir wollen die Jungs aus unserer Region fördern"

Gibt es mit Blick auf die Reichweite des Scoutingnetzwerks von Bayer 04 aktuell Regionen, die besonders im Fokus stehen?

Unsere Philosophie ist, dass das Fundament unserer Mannschaft aus der Region kommt. Wir wollen die Jungs aus unserer Region fördern und nicht, dass die Mannschaft komplett zusammengewürfelt ist. Sonst geht die Identität des Vereins innerhalb der Mannschaft verloren.

Warum?

Es ist wichtig Jungs zu haben, die aus der Region kommen, weil sie sich voll mit dem Verein identifizieren. Beispiele sind da Kai Havertz, Benny Henrichs oder auch Gonzalo Castro. 

Diese Jungs sind hier aufgewachsen, haben das Bayer-Gen in sich und sind schon sehr früh zum Verein gekommen. Wir wollen Spieler wie sie auch weiterhin hier entwickeln und über die Jahre begleiten. Simon Rolfes

Ab welchem Alter fangen Sie bei Bayer Leverkusen konkret an zu scouten? 

Wir haben zwar bei den Jugendmannschaften eine U8, aber es gibt häufig Situationen, wo es noch keinen Sinn macht, einen so jungen Spieler zu holen. Da wartet man dann noch ein paar Jahre. In diesem Alter ist alles noch sehr spielerisch und kindgerecht.

Wie groß ist schon im Nachwuchsbereich die Konkurrenz durch andere große Vereine?

Im Westen ist die Konkurrenzsituation sehr hoch. Es gibt allein mit Dortmund, Schalke, Gladbach, Köln, Leverkusen und Düsseldorf schon sechs Bundesliga-Vereine. Aber hier wohnen auch viele Menschen, da gleicht sich das wieder etwas aus. Aber unabhängig von der Region: Wir haben eine klare Philosophie wie wir Fußballspielen und wie wir miteinander umgehen wollen. Da haben wir unsere eigene Marke und nach diesen Kriterien suchen wir unsere Spieler.

"Wir wollen die Jungs in den Profi-Bereich bringen"

Wo liegt beim Scouting im Profi-Fußball der Fokus: Neue Talente für den eigenen Verein und den eigenen Erfolg "heranzüchten" oder insbesondere mit Blick auf finanzielle Entlastung Quantität hervorbringen und anschließend so viele Spieler wie möglich gewinnbringend in europäische Ligen verkaufen?

Wir wollen die Jungs in den Profi-Bereich bringen und gemeinsam mit ihnen das Ziel verfolgen, dass sie irgendwann in der Bay-Arena spielen. Klar, das schaffen nicht alle, aber viele fassen eventuell anderswo Fuß – auch das freut uns dann.

„Gutes Scouting heißt Geld sparen“ – würden Sie dem zustimmen?

Das würde ich pauschal nicht sagen. Scouting bedeutet nichts anderes, als Spieler zu holen. Das heißt erstmal nicht, dass ich da Geld spare. Ich würde es eher anders sagen: „Spieler ausbilden, kann Geld sparen“. Natürlich müssen die Spieler irgendwann zu uns kommen, aber unterschreiben würde ich den genannten Satz nicht. Trotzdem ist gutes Scouting eine wichtige Komponente. Nur wenige Vereine können es sich später im Profi-Bereich leisten, die Mannschaft komplett zusammenzukaufen.

Wie durchlässig ist die Grenze in den Profibereich? Was wird dafür getan, dass mehr eigene Spieler den Sprung schaffen.

Bei uns ist die U19 die 2. Mannschaft. Da haben wir immer wieder Spieler, die bei den Profis mittrainieren und sich dadurch auch zeigen können. Das ist in vielen Vereinen nicht der Fall, da gibt’s dazwischen oft noch die U23. Benny Henrichs und Kai Havertz waren als U19 Spieler auch schon in der Profi-Mannschaft. 

Reicht es nicht direkt für die Profi-Mannschaft haben wir auch gute Erfahrung mit Spielerleihen in die 2. Liga oder zu anderen Bundesligisten gemacht – oft kamen die Jungs dann stärker zurück. Simon Rolfes

Warum verzichtet Bayer bewusst auf die U23? 

Wir glauben, dass eine U23, die in der vierten Liga spielt, nicht immer die optimale Förderung für die Jungs bedeutet. Es ist ein riesiger Sprung von vierter Liga zu CL-Ambitionen. Für manche Talente wie Havertz und Henrichs, die in der U19 hervorstechen, war es gut, dass es keine U23 gab. Denn so kann es ganz schnell zu den Profis gehen. Havertz hat als U19-Spieler schon mehr als 50 Bundesligaspiele gemacht. Das wäre mit einer U23 nicht so leicht gewesen. Am Ende schaffen es meist ein bis zwei Spieler pro Jahrgang den Sprung in den Profi-Bereich. Das ist auch eine realistische Zielgröße.


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