Erfahrungsberichte von vier (Ex-)Profis Der Boxing Day in England: "Ich bin da vom Feind zum Freund geworden"

Meine Nachrichten

Um das Thema Sport Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Thomas Hitlesperger (oben links), Pascal Groß (o.r.), Christopher Schindler (u.l.) und Moritz Volz spielten beziehungsgweise spielen allesamt in England. Foto: imago/Icon SMI/Pius Koller/PA Images/PRiME Media ImagesThomas Hitlesperger (oben links), Pascal Groß (o.r.), Christopher Schindler (u.l.) und Moritz Volz spielten beziehungsgweise spielen allesamt in England. Foto: imago/Icon SMI/Pius Koller/PA Images/PRiME Media Images

London. Am 26. Dezember wird in England traditionell Fußball gespielt: Es ist Boxing Day. Vier ehemalige und aktuelle Profis aus Deutschland, die in England gespielt haben oder noch spielen, erzählen von ihren Erfahrungen an diesem speziellen Tag.

Der Boxing Day in England hat Tradition: Jedes Jahr am 26. Dezember füllen die Fans die Stadien in der Premier League und in unteren Spielklassen – für Fußballbegeisterte steht der zweite Weihnachtsfeiertag auf der Insel seit jeher ganz im Zeichen des runden Leders.

Diesen in Europa einmaligen Spieltag gibt es seit etwa 130 Jahren. Früher fanden Spiele auch schon am ersten Weihnachtsfeiertag statt, doch seit 1966 lässt der englische Fußballverband die Spiele am 26.12. austragen. 

Boxing Day: Vier Fußballer erzählen

Der Begriff Boxing Day steht allgemein für den zweiten Weihnachtsfeiertag und hat seinen Ursprung in der sogenannten "Christmas Box". Diese Geschenkschachtel erhielten seinerzeit Bedienstete in den Commonwealthländern von ihren reichen Arbeitgebern am Tag nach dem 25. Dezember – jenem Tag also, an dem die Briten ihre Geschenke auspacken. Da die Bediensteten erst einen Tag später an der Reihe waren, erhielt dieser Tag den Namen Boxing Day.

Was ist es für ein Gefühl, an Weihnachten Fußball zu spielen? Ist die Stimmung an diesem Spieltag eine andere? Wie läuft die Vorbereitung auf die Zeit rund um Weihnachten an, wenn meistens vor und auch nach den Feiertagen noch weitere, eng getaktete Spieltage anstehen? Wir haben ehemalige und aktuelle deutsche Profis in der Premier League nach ihren Erlebnissen gefragt.

Von Thomas Hitzlsperger

Thomas Hitzlsperger im Trikot von Aston Villa. Foto: dpa/Dave Thompson

"Der Boxing Day war immer ein besonderer Termin für mich. Es herrscht eine ganz eigene Stimmung an diesem Tag und für mich persönlich war es schön, weil mich zu dieser Zeit meistens Teile meiner Familie besucht haben. Man freut sich, wenn man als junger Spieler im Ausland Besuch hat und weiß, dass jemand aus der Familie im Stadion sitzt. Das ist ja nicht jede Woche der Fall. Da Heiligabend auch in England kein Spiel oder Training stattfindet, konnte ich diesen Tag so verbringen wie in Deutschland. Wir Deutsche feiern Weihnachten ja schon am 24. am Abend, also hatte ich hier keinen Nachteil. Die Engländer dagegen, die ja am 25. morgens feiern, mussten an diesem Tag oft zum Training. 

Einen Unterschied zur restlichen Zeit des Jahres war, dass durch die vielen Spiele die Trainingseinheiten nicht so intensiv waren wie sonst. Und da Spiele noch mehr Spaß machen, als zu trainieren, war das auch ein Vorteil. Ich persönlich mochte diese Zeit sehr gerne, wenn es grau und nass war, die Leute in Massen in die Stadien geströmt sind und heiß auf Fußball waren. Außerdem hatte das "Durchspielen" über Weihnachten und Silvester bis in den Januar hinein den angenehmen Nebeneffekt, dass man sich eine kräftezehrende Wintervorbereitung ersparte. Das war sehr angenehm. Die Belastung war dennoch nicht zu hoch. Meistens bekam man Ende Januar und im Februar etwas Zeit zum Verschnaufen. Denn dann werden viele FA-Cup-Spiele ausgetragen, und wenn man ausgeschieden war, hatte man eine Pause. Wenn man noch im Wettbewerb war, hat man es natürlich gerne durchgezogen."

Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger (36) spielte während seiner Karriere drei Mal in England: 2001 bis 2005 bei Aston Villa, 2010 bis 2011 bei West Ham United und 2012 bis 2013 beim FC Everton.

Von Christopher Schindler

Christopher Schindler wechselte 2016 vom damaligen Zweitligisten TSV 1860 München zu Huddersfield Town. Foto: imago/Action Plus

"Ich erlebe in diesem Jahr meinen dritten Boxing Day und dieses Mal wird es sicherlich ganz besonders Speziell: Wir spielen mit Huddersfield in der Premier League bei Manchester United. Es ist ein Lokalderby, beide Städte liegen nur rund 50 Kilometer voneinander entfernt. Dazu ist es noch ein Auftritt im altehrwürdigen Old Trafford, dem Theater der Träume. Eine passende Begegnung zum Boxing Day, der anstrengende Tage einläutet.

Ich muss zugeben, dass es für mich als Profi noch immer etwas gewöhnungsbedürftig ist, über Weihnachten und Neujahr einen so vollen Terminkalender zu haben. Wir haben dieses Jahr innerhalb von acht Tagen drei Spiele, das ist dann schon sehr hart und meiner Meinung nach des Guten ein wenig viel. Normalerweise hatte ich um diese Zeit immer Winterpause. Man ist zwischen den Spielen nur dabei, sich zu regenerieren und sich auf die nächste Partie vorzubereiten. Ich versuche in dieser Zeit eigentlich nur zu "funktionieren". Daher ist es eigentlich unmöglich, an ein ruhiges und besinnliches Weihnachten zu denken. Auch für die Familie ist es eine Umstellung gewesen und ist es noch immer. Wir versuchen in der Familie natürlich trotzdem, eine weihnachtliche Stimmung zu schaffen. Lustiger Nebeneffekt: Bislang haben die Nachbarn immer ein wenig misstrauisch geschaut, wenn sie gesehen haben, dass das Christkind die Geschenke für meine Tochter schon am 24. Dezember bringt."

Abwehrspieler Christopher Schindler (28) spielt seit 2016 bei Huddersfield Town. In seiner ersten Saison stieg der frühere 1860-Profi mit dem Außenseiter nach 45 Jahren wieder in die höchste englische Spielklasse auf und schaffte im ersten Jahr in der Premier League sensationell den Klassenerhalt.

Von Moritz Volz

Nach seiner Zeit in England spielte Moritz Volz (hier im Trikot des FC Fulham) noch für den FC St. Pauli und den TSV 1860 München. Foto: imago/Colorsport

"Ich habe zehn Jahre in England gespielt und muss zugeben, dass ich es anfangs ziemlich komisch fand, an Weihnachten Fußball zu spielen. Als ich den Begriff Boxing Day zum ersten Mal in jungen Jahren gehört habe, dachte ich noch: ‚Vielleicht ist Boxing Day der Tag, an dem Familienmitglieder, nachdem sie zwei Tage lang aufeinander gehockt sind, dann anfangen sich zu schlagen‘ (lacht). In meiner Zeit als Jugendspieler bei Arsenal habe ich an Weihnachten noch oft frei bekommen und konnte nach Hause reisen, später als Profi musste ich mich an diese Prozedur erst gewöhnen. Mittlerweile ist es aber so, dass am 26. Dezember Fußball für mich dazu gehört. Ich bin da wirklich vom Feind zum Freund geworden. In England ist dieser Boxing Day schon gar kein bedeutender Weihnachtsfeiertag mehr wie in Deutschland, sondern die Leute gehen wieder raus und sind viel unterwegs. Traditionell gibt es am 26. Dezember in England einen „Boxing Day Sale“, wo die Leute ihre Weihnachtsgeschenke- oder Gutscheine eintauschen oder einlösen können. Da sind die Städte schon wieder voll und vor den Kaufhäusern bilden sich lange Schlangen. Kulturell hat dieser Tag in England wirklich eine Bedeutung, und unter dieser Prämisse habe ich ihn schätzen und lieben gelernt. 

Was die Stimmung am Spieltag betrifft, tragen die Fans die Festtags- und Familienstimmung total ins Stadion und kommen mit "Santa Hats" oder mit Weihnachtspullis bekleidet ins Stadion. In England gibt es ja ohnehin einen inoffiziellen Wettstreit darüber, wer den ausgefallendsten Weihnachtspulli hat. Die Stimmung in den Stadien ist auch friedvoller, fröhlicher und weniger aufgeladen als für gewöhnlich, weil eben viel mehr Familien im Stadion sind als beispielsweise bei einem gewöhnlichen Montagabendspiel. Ich habe auch das Gefühl, dass die Fans in dieser Zeit vergebender und nachsichtiger sind, dass sie registrieren, dass es eine anstrengende Zeit für die Spieler ihrer Lieblingsmannschaften ist. Man hat auch den Eindruck, die Leute freuen sich, dass sie am Nachmittag oder frühen Abend raus an die frische Luft gehen können, nachdem sie sich zuvor zu Hause im Familienkreis vollgefuttert haben (lacht).

Manche Fans in England zelebrieren den Boxing Day gerne mit Kostümen. Foto: imago/Action Plus

Für die Trainer ist es natürlich nicht einfach, die Professionalität zu wahren und gleichzeitig Festtagsstimmung zuzulassen. Und als Spieler in England hast du eigentlich elf Monate lang keine Pause, es geht in einem Stück durch. Wenn man noch bedenkt, dass die Premier League eine der Ligen ist, in denen der Fußball am intensivsten ist, ist das schon hart. Auf Grund der Belastung ist auch das fußballerische Niveau rund um den Boxing Day nicht das allerhöchste. Ich finde es daher ganz gut, dass es im englischen Fußball bald eine kurze Winterpause – dann im Januar – geben wird. 

Mit Prosecco wurde angestoßen

Für mich ist rückblickend interessant zu sehen, wie oftmals ein Kompromiss gefunden wurde zwischen zum einen: Familie und Weihnachten feiern, auf der anderen Seite aber professionellem Sport nachzugehen. Häufig war es so, dass in dieser Zeit zu anderen Uhrzeiten trainiert wurde. Beispielsweise wurde am 25. Dezember nie Vormittags trainiert, damit die Väter zur Bescherung bei ihren Kindern sein konnten. Ich kann mich erinnern, wie wir uns mit Fulham einmal schon am 25. Dezember Nachmittags getroffen haben und ins Hotel gegangen sind. Am Abend wurde dann gemeinsam gegessen, aber es wurde dann natürlich keine Weihnachtsente aufgetragen. Aber mit einem Schluck Prosecco hat man schon angestoßen.

Apropos Anstoßen: Zur Tradition in England gehört natürlich eine richtige Weihnachtsfeier, ich denke das ist auch heute noch so. Aus Termingründen hat diese damals meistens schon Anfang Dezember stattgefunden. Für die Trainer ist so eine Weihnachtsfeier ein Minenfeld, denn ein freier Tag nach der Weihnachtsfeier gehört für die Spieler auf jeden Fall dazu. In der Championship (zweite englische Liga, Anm. d. Red.) sind es idealerweise sogar zwei, damit angemessen gefeiert werden kann. "

Moritz Volz (35) spielte insgesamt zehn Jahre auf der Insel. 1999 wechselte der Defensivspieler aus der U17 des FC Schalke in die Jugendabteilung des FC Arsenal. Seine weiteren Stationen in der Premier League und der Championship: FC Wimbledon, FC Fulham und Ipswich Town. Volz bestritt 125 Premier-League-, 22 Championship- und 28 Pokalspiele in England. Heute arbeitet Volz als Experte für den Streaminganbieter DAZN, der in diesem Jahr alle Spiele des Boxing Day in der "Goalzone" live überträgt.

Von Pascal Groß

Pascal Groß bestritt für 1899 Hoffenheim und den FC Ingolstadt insgesamt 70 Bundesligaspiele. Foto: imago/PRiME Media Images

"Ich habe im vergangenen Jahr meinen ersten Boxing Day als Spieler miterlebt und muss zugeben, dass ich in den Tagen davor schon ziemlich aufgeregt war. In Deutschland habe ich den Boxing Day immer verfolgt und nun sollte ich selbst dabei sein, das war grandios – für meine Mannschaft und mich ging es nach London an die Stamford Bridge zum FC Chelsea. Meine Eltern waren über Weihnachten zu Besuch und alle haben sich mit mir gefreut. Wenn man so will, war der Boxing Day mein größtes Weihnachtsgeschenk, auch wenn es dann nicht mit einem Sieg geklappt hat (Brighton verlor mit 0:2, Anm. d. Red.). Das Spiel an sich war eigentlich wie ein gewöhnliches Premier-League-Spiel, aber was mir drumherum auffiel war, wie die Menschen diesen Tag zelebrieren. Das ist schon eine ganz besondere Atmosphäre.

Zur Ruhe kommt man in dieser Zeit aber nicht wirklich, der Zeitplan ist schon extrem eng gestrickt. Wir mussten in der vergangenen Saison dann noch am 30. Dezember und keine 48 Stunden später am Neujahrstag noch einmal ran. Aber wir werden für diese Belastung am Limit ja ausgebildet und betreut. Am wichtigsten ist es in der Zeit, die Regenerationsphasen bestmöglich zu nutzen. Da müssen wir Spieler extrem professionell mit umgehen. Denn der Akku blinkt dann schon häufiger mal auf. Trotzdem dominiert bei mir in dieser Zeit einfach nur die pure Lust auf diese Spiele. Ganz England fiebert diesem Tag entgegen. Und dieser Funke der Vorfreude springt auf uns Spieler über, da kann ich für meine gesamte Mannschaft sprechen. Die Erschöpfung kann danach gern kommen. Aber bis dahin sind wir einfach nur positiv angespannt." 

Pascal Groß (27) wechselte im Sommer 2017 zu Premier-League-Aufsteiger Brighton Hove Albion und gehört zur Stammformation der "Seagulls". Mit seinem Siegtor im vorletzten Saisonspiel der Spielzeit 2017/2018 gegen Manchester United (1:0) machte der ehemalige Ingolstädter seinerzeit den vorzeitigen Klassenerhalt perfekt.

Die Spiele am diesjährigen Boxing Day:

13.30 Uhr:

FC Fulham - Wolverhampton Wanderers

16 Uhr:

FC Burnley - FC Everton

Crystal Palace - Cardiff City

Leicester City - Manchester City

FC Liverpool - Newcastle United

Manchester United - Huddersfield Town

Totteham Hotspur - AFC Bournemouth

18.15 Uhr:

Brighton & Hove Albion - FC Arsenal

20.30 Uhr:

FC Watford - FC Chelsea

(die Spiele werden live bei DAZN übertragen)


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN