Die Fußball-Kolumne Copa Idiotica - Der Gegner gehört zum Spiel

Von Udo Muras

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Boca-Spieler Pablo Perez wurde bei den Ausschreitungen vor dem Final-Rückspiel der Copa Libertadores am Auge verletzt. Foto: dpa/Gustavo GarelloBoca-Spieler Pablo Perez wurde bei den Ausschreitungen vor dem Final-Rückspiel der Copa Libertadores am Auge verletzt. Foto: dpa/Gustavo Garello

Frankfurt. Diejenigen, die diese Kolumne hauptsächlich betrifft, werden sie wohl kaum lesen. Doch vertraue ich darauf, dass meine argentinischen Kollegen bereits ihrer Pflicht nachgekommen sind und die richtigen Worte für das gefunden haben, was sich da am Wochenende in Buenos Aires abgespielt hat – und was nicht.

Nicht abgespielt hat sich bekanntlich das Finale um den Copa Libertadores, dem südamerikanischen Pendant zur Champions League, das diesmal zwei Teams aus einer Stadt zusammengeführt hat. Boca Juniors und River Plate haben schon so manche Schlacht geschlagen, leider ist das Wort hier mal angebracht, aber nie auf einer solchen Bühne. 

So war im Lande der Gauchos nicht ganz zu Unrecht vom „Spiel des Jahrhunderts“ die Rede. Der Copa-Sieger wird in Hin- und Rückspiel ermittelt und des Dramas erster Teil war schon gelaufen (2:2) – doch zum zweiten kam es bekanntlich nicht mehr. Weil durchgeknallte Fans von River Plate den Mannschaftsbus von Boca bewarfen, weil Scheiben splitterten, weil Spieler getroffen wurden. Am Kopf, an den Augen. 

Die Polizei setzte am Samstag Tränengas gegen randalierende Fußballfans ein. Foto: dpa/Sebastian Pani

Auch das von der Polizei eingesetzte Tränengas und Pfefferspray hinterließ seine Spuren. Man muss froh sein, dass es keine Toten gab. Das Spiel wurde also abgesagt und auch für die Austragung am nächsten Tag sahen sich die Boca-Stars um Carlos Tevez nicht bereit. Völlig verständlich. 

Keinen Hauch von Verständnis hat der zivilisierte Mensch indes für die Untaten der Verrückten. Wir alle haben uns schon daran gewöhnt, dass es im Vorfeld von Spielen rivalisierender Klubs überall auf der Welt knallt – zwischen den „Fans“. Traurig, aber offenbar nicht zu ändern und die Folge von Erziehungsfehlern, die keine Polizeimaßnahme ausbügeln kann. 

Fußball oft Lebensinhalt von Fanatikern

Den sportlichen Gegner als Feind zu betrachten, bedeutet ein perverses Verhältnis zu der Sache zu haben, die man eigentlich liebt. Ist doch Fußball oft Lebensinhalt von Fanatikern, zumindest hat man sich ihm freiwillig zugewandt. Niemand wird gezwungen, Fan zu sein so wie niemand gezwungen wird, mit einer Modelleisenbahn zu spielen. Freiwillig tut man, was man mag. Dachte ich. 

Wenn der Hass dann sogar auf die Sportler selbst übertragen wird und in Exzessen wie nun in Buenos Aires führt, wird die Perversion auf die Spitze getrieben. Auch die dümmsten Steinewerfer, sofern sie nicht selbst zu viele ihrer Werkzeuge abbekommen haben, müssten wissen, dass man kein Spiel gewinnen kann, das nicht stattfindet. 

Nach dem Abbruch des Copa-Libertadores-Spiels blieben einige Fans enttäuscht im Stadion zurück. Foto: dpa/Gustavo Ortiz

Noch mal für alle: der Gegner gehört zum Spiel. Übrigens ebenso wie der Schiedsrichter. Wer sich dem verschließt, wird auch sonst kein leuchtendes Beispiel für Toleranz abgeben. Dann ist man schnell bei der Maxime „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“. Das führt zu einem Leben voller Konflikte und Probleme. Letztere haben die Argentinier derzeit ja ohnehin, was mancher Soziologe als Ursache der Exzesse anführt. 

Mich überzeugt das nicht. Wenn jeder, der seinen Job verliert, mit Steinen um sich wirft, dann sind wir – in der Steinzeit. Genug moralisiert.

Zur Anhängerschaft der deutschen Klubs zählen bekanntlich auch nicht nur Chorknaben. Und die Ablehnung des Gegners ist längst Kult in den Kurven. Vorbei die Zeit, als Schalke-Fans Hamburgs Uwe Seeler noch auf dem Platz umarmten, weil er ein Handspiel vor seinem Tor anzeigte – so geschehen Karfreitag 1956.

Vor dem Spiel SV Darmstadt 98 gegen Arminia Bielefeld, hier Schiedsrichter Peter Gabor, zeigte ein Darmstadt-Fan den Bielefeldern den Weg zum Stadion. Foto: imago/Alfred Harder

Oder dass anno 1978 ein Darmstadt-Fan im Bielefelder Bus mitfuhr, um den Arminen den Weg zum Stadion zu zeigen. Den Ultra will ich sehen, der das heute machen würde. Das verhindert nicht nur die Erfindung des Navis, das verhindert auch der Zeitgeist. Leider. 

Auch Schmähgesänge zeugen von keiner guten Kinderstube

Der verletzte Gegner, der am Boden liegt, ist stets eine „Sau“, die gefälligst wieder aufstehen möge. Beinbruch hin, Kreuzbandriss her. So lange es bei Schmähgesängen bleibt, die auch nicht von guter Kinderstube zeugen, nehmen wir all das längst hin. Dass Fanatiker den Gegner gehindert haben, zu spielen, ist auf höchster Ebene zum Glück kaum vorgekommen. 

Mal abgesehen vom noch immer dubiosen „Bubenstreich“ anno 1903, als das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft wegen eines gefälschten Telegramms, angeblich vom DFB, ausfiel und der Karlsruher FV deshalb nicht anreiste.

Fans von River Plate zeigen sich enttäuscht, nachdem das Finale aufgrund schwerer Ausschreitungen vor dem Stadion verlegt worden ist. Foto: Gustavo Ortiz/dpa

Das kostete ihn die Finalteilnahme, der DFB war der Meinung, der KFV hätte sich ja rückversichern müssen. Das tat dann auch weh, aber im Rückblick konnte man schon Monate später drüber lachen. Ich weiß nicht, wer gerade in Buenos Aires über das lachen kann, was Feinde des Sports und menschlicher Grundwerte da angerichtet haben.


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