Thomas Helmer im Interview Bayern-Bosse sollten "jemanden in Stellung bringen, der sie beerben könnte"

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Sechs Jahre trug Thomas Helmer das Trikot des BVB (l), ehe er 1992 zum FC Bayern München wechselte. Dort blieb er sieben Jahre lang. Collage: imago/Horstmüller/HJSSechs Jahre trug Thomas Helmer das Trikot des BVB (l), ehe er 1992 zum FC Bayern München wechselte. Dort blieb er sieben Jahre lang. Collage: imago/Horstmüller/HJS

Hamburg. Thomas Helmer sieht Borussia Dortmund in der Favoritenrolle. Trotzdem traut er den Bayern eine Trendwende am Samstag zu.

Thomas Helmer kennt Borussia Dortmund und den FC Bayern München wie kein Zweiter, denn er hat bei beiden Vereinen gespielt. Insgesamt schnürte er in sechs Jahren beim BVB 190 Mal die Schuhe in der Bundesliga. Für die Bayern bestritt der 53-Jährige in sieben Jahren 191 Spiele in der Beletage. Im Interview spricht der TV-Moderator über das bevorstehende Duell der beiden Teams und warum er dieses Mal den BVB als Favoriten sieht. 

Herr Helmer, Sie haben insgesamt 244 Pflichtspiele für Bayern München bestritten und 233 für Borussia Dortmund. Schlägt Ihr Herz dennoch für einen Ihrer ehemaligen Vereine höher?

Thomas Helmer: Nein, ich tippe auch immer 2:2 bei jedem Aufeinandertreffen der beiden Teams. Da bin ich stur.

In der Champions League unter der Woche musste der BVB in Madrid seine erste Pflichtspielniederlage hinnehmen, während die Bayern gegen AEK Athen einen schmucklosen Sieg einfuhren. Haben diese beiden Ergebnisse irgendeine Auswirkung auf das Spiel am Samstag?

Helmer: Aus meiner Sicht überhaupt nicht. Ich hatte auch erwartet, dass der BVB nicht auf Teufel komm raus auf Sieg spielt. Natürlich wollten sie nicht unbedingt verlieren, aber nach dem 4:0 im Hinspiel war klar, dass der BVB den direkten Vergleich gegen Atletico gewinnen und meiner Meinung nach auch Gruppensieger werden wird. Bei den Bayern war der Sieg gegen AEK Athen ein Sinnbild der Leistungen der letzten Wochen. Also hat sich aus meiner Sicht nicht viel geändert.

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Für die Bayern war der Sieg aber schon wichtig, um zumindest mit einem guten Gefühl in das Duell mit Dortmund zu gehen, oder?

Helmer: Natürlich. Das Ergebnis steht an erster Stelle, aber es war für die Bayern ein Arbeitssieg. Mund abputzen und jetzt auf den BVB konzentrieren.

Der BVB kann schon mit mehr Leichtigkeit ins Spiel gehen, aber genau deshalb bin ich gespannt, wie sie mit der Favoritenrolle umgehen werden.

Nico Kovac hat am Mittwochabend gesagt, dass der BVB "leichter Favorit" ist. Obwohl der FC Bayern als amtierender Meister in den Signal Iduna Park kommt. Ist Dortmund für Sie auch in der Favoritenrolle? 

Helmer: Wenn man die Saison bisher sieht, hat der BVB schon einen besseren Eindruck gemacht. Deshalb kann man die Dortmunder schon im Vorteil sehen. Die Bayern haben natürlich auch wesentlich mehr zu verlieren, das darf man nicht vergessen. Sollten sie wirklich verlieren, wären es schon sieben Punkte, das ist dann schon eine Menge. Es wäre dann immer noch alles möglich nach elf Spieltagen, aber die Bayern hatten sich das schon anders vorgestellt. Der BVB kann schon mit mehr Leichtigkeit ins Spiel gehen, aber genau deshalb bin ich gespannt, wie sie mit der Favoritenrolle umgehen werden. Wird die Mannschaft verkrampfen oder spielt sie weiterhin so beeindruckenden Offensivfußball? Auch beim BVB gibt es noch Baustellen. Zum Beispiel wird es spannend zu sehen sein, wie die Borussen-Abwehr gegen die Bayern agieren wird.

Auch wenn ihr Tipp ein 2:2 ist: Befürchten Sie, dass die Bayern in Dortmund richtig unter die Räder kommen könnten? Gefühlt ist der BVB haushoher Favorit.

Helmer: Das glaube ich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Wenn die Bayern mit dem Rücken zur Wand stehen, dann gibt es meistens eine Trotzreaktion. Die Bayern sind in solchen Spielen auch sehr erfahren, sie wissen, was auf sie zukommt. Es sprechen auch einige Faktoren für den FC Bayern. Und die letzten Heimspiele von Dortmund waren nicht so überzeugend. Sie betreiben viel Aufwand und hatten gegen Augsburg schon Glück mit dem späten Siegtreffer. Gegen Hertha gab es auch nur ein Remis. Wenn die Bayern sich gut einstellen, dann wird es schwer für den BVB. Einen Kantersieg wird es nicht geben.

Am Sonntag moderiert Thomas Helmer auf Sport1 den Doppelpass. Hauptthema ist natürlich das Duell des BVB gegen Bayern München. Foto: SPORT1/Getty Images/Widmann

Ist es am Samstag dann für die Bayern eher eine Sache der Einstellung oder der Taktik? 

Helmer: Mit Einstellung hat das nichts zu tun. Welchen Spieler muss man für so eine Partie motivieren? Taktik ist schon ein gutes Stichwort. Der BVB ist offensiv schon sehr stark und hat schnelle Leute, da muss Bayern wahnsinnig aufpassen. Die Bayern haben auf der anderen Seite nicht das Tempo nach vorne, und sind aber bei Standardsituationen gefährlich und brauchen halt manchmal auch nur wenige Chancen, um Tore zu erzielen. Die Achillesferse beim BVB ist die Defensive, die wackelt manchmal noch.

Wie werden die Teams am Samstag ins Spiel gehen? Bayern wie immer mit viel Ballbesitz und der BVB abwartend und dann schnelle Konter? Oder wird sich Nico Kovac eine andere Taktik einfallen lassen?

Helmer: Nico Kovac wird sich den knappen Sieg des BVB gegen Augsburg und das Remis gegen Hertha angeschaut haben und eine Idee haben, wie er das Spiel angehen will. Die Effektivität geht den Bayern im Moment ein wenig ab. Ballbesitz und gutes Passspiel sind vielleicht auch ein gutes Mittel gegen die schnellen, trickreichen Offensivspieler beim BVB.

Selbst Uli Hoeneß sagte, dass die Bayern dieses Mal nicht als Favorit nach Dortmund fahren, sondern als Außenseiter zum ersten Mal seit langer Zeit. Ist das nur Geplänkel vom Bayern-Boss oder tatsächlich die Realität?

Helmer: Es ist von Beidem etwas. Der Uli weiß, dass die Bayern aktuell nicht den Fußball spielen, den sie sich erhofft haben. Einerseits ist das eine realistische Einschätzung von ihm, auf der anderen Seite will er die Favoritenrolle den Dortmundern zuschieben.

Bayern-Coach Nico Kovac steht unter Druck. Wie wichtig ist es für ihn, dass sich Präsident Uli Hoeneß noch einmal für ihn ausgesprochen hat? An seiner Aussage, er werde den 47-Jährigen "bis aufs Blut verteidigen", habe sich "nichts" geändert, erklärte Hoeneß. "Meine Aussagen gelten nicht immer nur für zwei, drei Wochen."

Helmer: Wenn Uli das so sagt, dann ist er auch davon überzeugt. Er geht natürlich auch nicht von einer Niederlage in Dortmund aus, so viel Selbstbewusstsein hat er noch. Die PK vor zwei Wochen war auch darauf gemünzt dem Trainer den Rücken zu stärken. Man muss nicht jede Woche etwas zum Trainer sagen. Am schlimmsten ist es ja, wenn man sagt, man stehe hinter dem Trainer, dann geht’s meistens ganz schnell. (lacht) 

Es ist nicht alleine die Schuld des Trainers und das weiß auch Uli Hoeneß.

Ich glaube, dass sich Hoeneß und Rummenigge gerade selbst ein wenig hinterfragen, ob sie in der Kaderplanung alles richtig gemacht haben. Ich denke nicht, dass sich die Beiden aus der Verantwortung herausnehmen. Sie haben bewusst einen jungen Trainer engagiert und wussten, was sie bekommen. Es ist nicht alleine die Schuld des Trainers und das weiß auch Uli Hoeneß.  

Das Topspiel am Samstag ist auch ein Duell der Trainer. Während es für Favre gerade wie am Schnürchen läuft, sind die Bayern nach dem tollen Start unter Kovac in die Krise geschlittert. Was macht Favre richtig und Kovac derzeit falsch?

Helmer: Ich glaube, dass es Nico Kovac mit der Rotation schon etwas übertrieben hat. Das ist ein Vorwurf, der ihm angelastet wird. Als Bayern-Trainer muss man ein guter Moderator sein, wie es Jupp Heynckes immer gemacht hat. Natürlich sind bei Bayern die Spieler, die auf der Bank sitzen, immer unzufrieden. Aber vielleicht hätte Kovac mal stark bleiben müssen und nicht so viel rotieren sollen. Er hat relativ schnell rotiert am Anfang der Saison, obwohl die meisten Spieler noch gar nicht so stark belastet waren, auch wegen des frühen WM-Aus der deutschen Mannschaft.

Alle reden über Jaden Sancho, aber Hakimi spielt auf seiner Position im Moment überragend.

Und Lucien Favre ist mit dem BVB in einen wahren "Flow" gekommen. Der Schlüsselspieler ist natürlich Marco Reus. Er ist so fit, wie nie. Zwischen den Beiden besteht auch eine große Vertrauensbasis, das merkt man total. Außerdem muss man dem BVB ein großes Kompliment machen. Der Verein musste in den letzten Jahren immer wieder wichtige Spieler gehen lassen und hat vor allem in dieser Saison sehr gute und vor allem auch junge Spieler eingekauft. Ich finde zum Beispiel Achram Hakimi sensationell. Alle reden über Jaden Sancho, aber Hakimi spielt auf seiner Position im Moment überragend. 

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Den Bayern muss man vielleicht zugutehalten, dass sich Kingsley Coman und Weltmeister Corentin Tolisso direkt am Anfang der Saison schwer verletzt haben. Von beiden Spielern hatten sich die Bayern viel versprochen.

Mit Thomas Delaney (l) und Axel Witsel hat der BVB zwei neue Spieler dazugeholt, die vor allem in Sachen Mentalität der Mannschaft einen Schub geben. Foto: imago/Sven Simon


Zurück zum Topspiel am Samstag: Was erwarten Sie von beiden Mannschaften? Wird Bayern den typischen Ballbesitz-Fußball spielen oder wird sich Kovac vielleicht eine neue Taktik ausdenken? Bleibt der BVB bei seiner kontrollierten Offensive?

Helmer: Ich kann nur sagen, dass es besonders für Bayern wichtig ist, in Führung zu gehen. Dem BVB traue ich im Moment eher zu, einen Rückstand aufzuholen. Bei den Bayern bin ich mir da nicht so sicher. Die Bayern müssen die Schnelligkeit des BVB stoppen und einfach beim Toreschießen effektiver werden. Ich glaube nicht, dass sie ihren Ballbesitz-Fußball einfach abstellen können. Das wird nicht funktionieren.

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Sollte der BVB das Spiel am Samstag gewinnen, kann man dann schon von einer Wachablösung sprechen? Oder ist der BVB weiterhin die Zukunft und die Bayern die Gegenwart?

Helmer: Puh, schwierige Frage. Ich glaube, dass der BVB den Umbruch gezwungener Maßen sehr schnell und konsequenter vollzogen hat. Sie haben vor allem mit Axel Witsel und Thomas Delaney Mentalität eingekauft. Typen, die eine Mannschaft mitziehen. Diese Spieler gibt es bei den Bayern zwar auch, aber die sind alle schon recht lange da und haben derzeit mit sich selbst zu kämpfen. Jerome Boateng ist immer wieder angeschlagen, Mats Hummels sucht auch seine Form. Arjen Robben und Franck Ribery können einfach nicht über die gesamte Saison Topleistungen abrufen. Vor allem im Mittelfeld fehlt den Bayern ein sogenannter „Mentalitätsspieler“ im Moment. Joshua Kimmich versucht immer mehr Verantwortung zu übernehmen, aber weder ein Javier Martinez, Thiago oder James sind solche Spieler-Charaktere.

Aktuell kann man sich den FC Bayern ohne die Beiden irgendwie noch nicht vorstellen. Der Impuls muss von den Beiden selbst kommen. Sie müssen vielleicht mal jemanden in Stellung bringen, der sie beerben könnte. Wie weit da die Überlegungen vorgeschritten sind, kann ich jedoch nicht sagen.


Muss es bei den Bayern vielleicht auch an der Vereinsspitze so langsam einen Umbruch geben?

Helmer: Ja, das muss sich zwangsläufig ändern. Rummenigge und Hoeneß haben schon gesagt, dass sie nicht mehr ewig die Verantwortung übernehmen können. Aktuell kann man sich den FC Bayern ohne die Beiden irgendwie noch nicht vorstellen. Ist aber wahrscheinlich auch nur ein Trugschluss. Der Impuls muss von den Beiden selbst kommen. Sie müssen vielleicht mal jemanden in Stellung bringen, der sie beerben könnte. Wie weit da die Überlegungen vorgeschritten sind, kann ich jedoch nicht sagen.

Eine Person, die in diese großen Fußstapfen treten könnte, ist aber nicht in Sicht, oder?

Helmer: Ich kenne zum Beispiel keinen Ex-Bayern-Spieler, der so vermessen wäre zu sagen, ich kann es besser oder genauso gut wie Hoeneß und Rummenigge. Man sieht gerade, wie schwierig es auch für Hasan Salihamidzic ist, sich freizuschwimmen unter den beiden Alphatieren.

Wie haben Sie die Posse um den Lisa Müller Instagram-Post verfolgt? Als Sie noch aktiv waren, war der FC Bayern ja besser als "FC Hollywood" bekannt?

Helmer: Für einen Ex-Bayern-Spieler ist es nichts Neues, das Interna an die Öffentlichkeit geraten. Oder dass irgendein Spieler, der unzufrieden ist, mal Dampf bei einem Journalisten ablässt. Ich fand das ganze Lisa-Müller-Thema gar nicht so schlimm, da bin ich anderes gewohnt. Es wird aber heutzutage einfach medial mehr „abgefeiert“ durch die sozialen Medien. Aber zurück zum Post: Lisa Müller hätte es einfach nicht machen sollen. Das hat auch Thomas Müller nichts genutzt.


Doppelpass am Sonntag: Alles zum Topspiel

Das Gigantenduell zwischen Dortmund und Bayern, die Umbruchsituation bei beiden Klubs und die erste Weichenstellung im Titelkampf. Zudem Borussia Mönchengladbachs aktueller Höhenflug auf Platz 2 der Liga. Moderator Thomas Helmer wird darüber mit Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, im "CHECK24 Doppelpass" auch anhand von Spielbildern diskutieren. Im Hilton Munich Airport Hotel werden am Sonntag, 11. November, live ab 11:00 Uhr Stefan Effenberg, SPORT1 Experte und Ex-Bayern-Kapitän, sowie SPORT1 Experte Reinhold Beckmann, Marco Fenske (RedaktionsNetzwerk Deutschland) und Daniel Berg (Funke Mediengruppe) zu Gast sein. Co-Moderatorin ist Ruth Hofmann.  

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