zuletzt aktualisiert vor

Eurosport-Moderator Jan Henkel im Interview Bundesliga-Topspiel: "Dortmund ist im Umbruch deutlich weiter als Bayern"

Meine Nachrichten

Um das Thema Sport Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Eurosport-Moderator Jan Henkel. Foto: Eurosport/ Nadine RuppEurosport-Moderator Jan Henkel. Foto: Eurosport/ Nadine Rupp

Hamburg. Am Samstag trifft Borussia Dortmund im Bundesliga-Topspiel auf den FC Bayern. Im Interview gibt Eurosport-Moderator Jan Henkel seine Einschätzung zum Duell der Erzrivalen.

Jan Henkel moderiert und analysiert gemeinsam mit Experte Matthias Sammer bei Eurosport Spiele aus der Bundesliga. Wir haben mit dem 45-Jährigen über das am Samstag stattfindende Topspiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern gesprochen. 

Herr Henkel, Borussia Dortmund trifft als überzeugender Tabellenführer auf die bislang weniger überzeugenden Bayern: Wie sehen Sie den Fußball, den der BVB in dieser Saison bislang gespielt hat? 

Jan Henkel: Der BVB hat seine Saison erfolgreich mit einem Fußball begonnen, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht richtig gut war. Teilweise hatten sie noch große Probleme zu Saisonbeginn, auch beim 4:1 am 1. Spieltag gegen Leipzig. Nicht gut spielen, aber gewinnen: So etwas ist für die Entwicklung einer neu formierten Mannschaft extrem wichtig. Dadurch kommt Selbstvertrauen, man glaubt an sich und vieles geht leichter. Die Entwicklung ist dadurch schneller gegangen, als vielleicht gedacht.

Mit dem Selbstvertrauen und den Erfolgen kam auch das Spektakel …

Lucien Favre wollte anfangs Sicherheit ins Dortmunder Spiel bringen, die Mannschaft defensiv gut stehen lassen. Als dies gegeben war, hat Favre den Fußball ein wenig geändert und die Geschwindigkeit, die vor allem die Offensive hat, mit einfließen lassen. Die Mentalität ist eine ganz andere geworden. Die schwer erarbeiteten und teilweise auch glücklichen Siege zu Saisonbeginn haben da eine große Rolle gespielt.

Borussia Dortmund gegen FC Bayern: So haben sich die Vorzeichen verändert

Die Mannschaft musste also erst einmal verinnerlichen, was der neue Trainer Lucien Favre von ihr will. Wie man hört, arbeitet er ja sehr, sehr detailversessen ...

Sicherlich. Nach zwei Wochen kann es noch gar nicht sein, dass eine neu formierte Mannschaft schon weiß, was der Trainer von ihr will. Die Art und Weise wie Favre seine Spieler hinter sich bekommt, ist ein wichtiges Detail. Marco Reus hat mir zu Gladbacher Zeiten mal erzählt, wie ihm Favre die richtige Fußhaltung beim Freistoß erklärt hat. Reus hat sich das angehört, versucht umzusetzen und dann gemerkt: ‚Wow, mein Schuss geht ja jetzt richtig ab.‘ Wenn ein Trainer den Spielern solche Kleinigkeiten mitgibt und die Spieler dann merken, dass diese Vorgaben etwas verbessern, bekommt ein Trainer dadurch die Anerkennung der Spieler und bringt die Mannschaft hinter sich. Jetzt in Dortmund geht Favre sogar auf die Handhaltung der Spieler ein: Die Spieler sollen die Hand offen halten, denn wenn sie die Faust ballen, ist der Körper zu verkrampft.

Hat Favre den Vorteil, dass er bereits 2017 Wunschkandidat beim BVB war und deshalb Rückhalt von allen Seiten verspürt?

Vertrauen ist grundsätzlich wichtig. Man darf nicht unterschätzen, wie wichtig eine positive Atmosphäre für gute und erfolgreiche Arbeit ist, das ist überall so. Aber gerade in einer Gruppe und in einer Mannschaft ist die Stimmung elementar. Matthias Sammer sagt immer wieder: ‚Es kommt auf die letzten zwei Prozent an.‘ Und um diese rauszuholen, da brauchst du so viel. Dazu gehören eben auch Vertrauen, Wertschätzung und gute Stimmung mit dazu. Und all das findet Favre in Dortmund vor.

Jan Henkel (l.) moderiert und analysiert mit Experte Matthias Sammer die Bundesliga-Übertragungen auf Eurosport. Foto: Nadine Rupp/Europsort

Sie sprechen Matthias Sammer an. Welche Rolle spielt er als externer Berater des BVB?

Matthias Sammer hat im Fußballbereich schon alles gemacht, und zwar auf dem höchsten Niveau, das man sich vorstellen kann. Er hat als Spieler fast alles gewonnen, er war der jüngste Meistertrainer der deutschen Fußballgeschichte. Er war der erste Sportdirektor in der DFB-Geschichte und er war der erste Sportvorstand beim größten Verein in Deutschland. Sammer deckt 360 Grad davon ab, was ein Verein braucht. Wenn die Verantwortlichen von Borussia Dortmund sich mit ihm zusammensetzen und mit ihm über Inhalte sprechen, dann kann das den Verein nur weiterbringen.

Hoeneß zurückhaltend: "Wir sind nicht so arrogant, wie ihr alle glaubt"

Beim FC Bayern sieht es derzeit etwas anders aus. Wie sehen Sie das erste Saisondrittel des Rekordmeisters?

Zu Saisonbeginn haben die Bayern wie auch die Dortmunder sehr erfolgreich gespielt. Aber die Bayern haben auch richtig guten Fußball gespielt. Der FC Bayern war sehr schnell eine Niko-Kovac-Mannschaft, seine Handschrift war deutlich zu erkennen. Kovac hat dem Team etwas Neues beigebracht, was man vorher bei den Bayern noch nicht so gesehen hat: Das Umschaltspiel von der Offensive in die Defensive, bei Ballverlust relativ viele Leute hinter dem Ball haben und dann wieder schnell in die Offensivbewegung umzuschalten. Hier wird oft das neue Fußballdeutsch mit dem Begriff „Restverteidigung“ verwendet: Dass bei einer Offensivaktion noch genügend Spieler in der Verteidigung absichern. Vorher war das Spiel bei den Bayern etwas höher und risikoreicher angelegt. Anfangs war das sehr erfolgreich. Kleinigkeiten haben das dann kippen lassen. Mit dem 1:1 gegen Augsburg ging dann alles los: gar nicht schlecht gespielt, viele Chancen vergeben – ab diesem Spiel war dann ein Bruch drin.

Warum?

Vielleicht hat Niko Kovac ein bisschen zu viel rotiert, dadurch entstand dann bei dem einen oder anderen Spieler Unzufriedenheit. Das schlägt dann eben auf die Stimmung, so wie es im umgekehrten Fall in Dortmund eingetreten ist. In München hat sich dann ganz langsam eine Stimmung eingeschlichen, die bis zum jetzigen Zeitpunkt Topleistungen nicht mehr möglich gemacht hat.

Der eine oder andere Bayernspieler soll eben mit jener „Kovac-Handschrift“ unzufrieden sein, weil die vermehrte Defensivarbeit für die Offensivspieler ungewöhnlich ist und nicht dem Selbstverständnis des FC Bayern entspricht.

Grundsätzlich ist Kovacs Taktik erst einmal eine positive Weiterentwicklung, weil die Bayern das vorher nicht in ihrem Repertoire hatten. Was aber nicht passieren sollte ist, dass die ursprüngliche Stärke nicht mehr so auf dem Platz zu sehen ist, wie es jahrelang der Fall war. Also Positionsspiel, Kreativität in der Offensive, Ideenreichtum beim Kreieren von Torchancen. Das Verrückte ist: All diese Dinge sind vorhanden, quasi in der DNA der Spieler, der Mannschaft, des Vereins. Für mich ist die größte Frage: Wo ist das verloren gegangen? Ist das durch die Misserfolge, durch die leicht übertriebene Rotation verloren gegangen? Durch die verschlechterte Stimmung? Kann das sein? Beschäftigt sich jeder Spieler mehr mit sich selbst als mit der Mannschaft? Ich weiß es nicht. Aber es ist offensichtlich, dass die Dinge derzeit bei den Bayern nicht so vorhanden sind wie in den vergangenen Jahren.

Auch ein körperlicher und mentaler Verschleiss könnte eine Rolle spielen. Unlängst standen gegen Ajax gleich sieben Spieler in der Startelf, die auch schon 2013 im Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund von Anfang an spielten. Das spricht nicht für die Personalpolitik des FC Bayern …

Über die Personalpolitik bei den Bayern kann man diskutieren. Aber es ist auch schwierig. Nach 2013 hat man begonnen, sich über die Nachfolge von Schweinsteiger, Lahm, Robben und Ribéry Gedanken zu machen. Bei Schweinsteiger und Lahm hat das gut geklappt und der Gedanke, mit Gnabry und Coman zwei junge Spieler hinter Robben und Ribéry aufzubauen, war nicht verkehrt. Hätte man noch mehr Spieler für diese Positionen holen sollen? Ich weiß es nicht. Die Bayern hatten Pech, dass sich Coman so schwer verletzt hat zu Saisonbeginn. Auch in der Innenverteidigung: Zwei erfahrene Spieler mit Hummels und Boateng und ein jüngerer mit Süle. Dazu dann vielleicht ab nächsten Sommer Pavard. Das ist alles schon logisch. Nur auf den Außenpositionen im Abwehrbereich fehlt ein Back up für hinten links. Da gibt es vielleicht einen Spieler zu wenig. Diesen Weg so weiter zu gehen und kurzfristig zwei bis drei weitere jüngere Spieler zu verpflichten und einzubauen, das ist durchaus der richtige Weg.

Viel Theater, wenig Hoffnung? Das sind die Baustellen beim FC Bayern

Läuft der BVB den Bayern den Rang ab?

Bei Dortmund läuft es überragend, sie spielen tollen Fußball und man kann auch sagen: ‚Wir sehen gerade, wie Borussia Dortmund Bayern München überholt.‘ Vielleicht sehen wir gerade den Moment dieses Überholmanövers, weil sie einen jungen Kader haben, weil sie sich in der Führungsebene nicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen mussten, so wie es bei den Bayern der Fall war. Nur: Irgendwann wird diese Phase kommen beim BVB, wo diese jungen Spieler mal in ihrer Entwicklung stagnieren werden. Das ist einfach so. Die Kunst ist es, Konstanz in diese Leistungen reinzubringen. Das ist aber bei 18-, 19- oder 20-jährigen Talenten so schwierig, dass irgendwann die Phase der Stagnation kommen wird. Dann muss man sehen: Inwieweit haben sich die Bayern dann wieder gewappnet? Jetzt alles auf links zu drehen und von einem Machtwechsel zu sprechen, da bin ich nicht dabei. Selbst wenn der BVB das Spiel gewinnt.

Die Dortmunder sind aber gerüstet für die Zukunft.

Ja, in ihrem Umbruch ist die Borussia deutlich weiter als der FC Bayern. Altersstruktur der Mannschaft und Führungsstruktur des Vereins – da sind die Dortmunder für die nächsten Jahre großartig aufgestellt. Sie haben die bestmögliche Lösung gefunden.

Und Bayern?

Der Vertrag von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge läuft 2019 aus. Bleibt er? Bleibt Uli Hoeneß Präsident? Wer soll die Nachfolge übernehmen? Ein Satz von Uli Hoeneß aus diesem Sommer ist mir im Gedächtnis geblieben: Er sagte, er habe die Rechnung seiner Familie auf dem Tisch und die wolle und werde er irgendwann bezahlen. Heißt: Sich aus dem operativen Geschäft beim FC Bayern zurückzuziehen und sich seiner Familie zu widmen. Hoeneß sagte auch, dass Rummenigge und er nicht beide gemeinsam zurücktreten könnten. Für mich ist denkbar, dass Uli Hoeneß sich nach Ende dieser Saison zurückziehen wird.* Allerdings ist für mich nicht vorstellbar, dass er das tut, wenn die Bayern am Saisonende ohne Titel da stehen. Das macht er nicht.

Kann Dortmund seine vielversprechende Mannschaft zumindest kurzfristig zusammenhalten?

Die Dortmunder können künftig ein Verein werden, der seine Spieler behalten kann. Sei es durch vertraglich festgelegte Klauseln oder einfach, weil man den Spielern aufzeigen kann, was in Dortmund entstehen kann. So ein Abend wie beim 4:0 gegen Atletico Madrid kann da Wunder wirken, das war eine Message nach Außen, aber auch nach Innen. Die Spieler sehen, was in Dortmund möglich ist. Es reicht aber vermutlich jetzt noch nicht, um jedes Angebot, das in naher Zukunft sicherlich für Spieler wie Pulisic oder Sancho eintreffen wird, abzulehnen. Aber sie sind auf dem besten Weg dorthin.

BVB gegen FCB: Das große Experten-Quiz zum Bundesliga-Klassiker

*Kurz nach dem Interview sagte Uli Hoeneß am Donnerstagabend, dass er noch zwei drei Jahre weitermachen werde, ehe er die Geschicke an einen Nachfolger weitergeben werde.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN