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Überwundene Lungenembolie Dzsenifer Marozsán: Der schockierendste Moment meines Lebens

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Harsewinkel: Fußball-Nationalspielerin Dzsenifer Marozsan steht mit ihrem Trainer Horst Hrubesch (r) an einem Fußballtor auf einem Trainingsplatz in Marienfeld. Die Spielerin war längere Zeit aufgrund einer Lungenembolie ausgefallen. Foto: Friso Gentsch/dpaHarsewinkel: Fußball-Nationalspielerin Dzsenifer Marozsan steht mit ihrem Trainer Horst Hrubesch (r) an einem Fußballtor auf einem Trainingsplatz in Marienfeld. Die Spielerin war längere Zeit aufgrund einer Lungenembolie ausgefallen. Foto: Friso Gentsch/dpa

Harsewinkel. Spielgestalterin, Edeltechnikerin, Jahrhunderttalent: Nur eine Auswahl der Superlative, die Nationalspielerin Dzsenifer Marozsán seit über zehn Jahren durch ihre Fußball-Ausnahmekarriere begleiten. Vor vier Monaten der Schock – plötzlich hätte nicht nur die Karriere, sondern alles vorbei sein können.

Vor dem Länderspiel in Osnabrück am Samstag gegen Italien (16 Uhr) sprach Deutschlands Nummer 10 erstmals vor größerer Runde über die ihre beidseitige Lungenembolie, die sie nun so gut wie überwunden hat.

„Es war der 50. Geburtstag meiner Mama, eigentlich ein ganz normaler, ein schöner Tag“, erinnert sich die 26-jährige Marozsán, als der Blick aus ihren hellbraunen Augen nachdenklich in die Ferne schweift. Weg aus dem holzvertäfelten dunklen Raum im DFB-Trainingscamp Klosterpforte bei Harsewinkel, hin in jene letzten Urlaubstage vor dem Start der Saisonvorbereitung bei Olympique Lyon, erfolgreichster Frauenfußball-Klub der Welt. Es waren die letzten Tage bei der Familie im Saarland, die der als durchaus sensibel bekannten Frau so wichtig ist. Tage, die plötzlich stechende Schulterschmerzen störten, die sich schnell bis runter in Marozsáns Brustkorb zogen.

Die folgende Odyssee durch mehrere Krankenhäuser – ausgelöst auch dadurch, dass die nicht leicht zu diagnostizierende Krankheit bei der ersten Visite nicht direkt erkannt wurde – schildert die im ungarischen Budapest geborene Sportlerin bemerkenswert offen wie detailliert. Genau wie die Ursache der Krankheit: Die Einnahme der Anti-Baby-Pille, verbunden mit dem Reisestress einer Profisportlerin, hatte eine Thrombose im Bein ausgelöst, die hoch in die Lunge gewandert ist. „Das war der schockierendste Moment meines Lebens. Für die erfolgreiche Heilung war aber wichtig, dass letztlich festgestellt wurde, wieso das ausgebrochen ist. Meine Mutter und mein Hund sind mir die ersten fünf Wochen nicht von der Seite gewichen“, erinnert sich Marozsán an den riesigen Beistand ihrer Familie, plus Zwergpinscher Nyuszka (zu deutsch: Häschen).


Die Krankheit war und ist ein krasser Einschnitt im Leben der dreimaligen Champions League-Siegerin, Europameisterin und Olympiasiegerin von Rio de Janeiro: Die Aufgeregtheit der Debatten nach der EM 2017, als Fußball-Experten angesichts des enttäuschenden Viertelfinal- Aus gegen Dänemark darüber stritten, ob die Kapitänin der DFB-Elf dem Druck der Verantwortung gewachsen sei, erscheint im Verhältnis plötzlich unwichtig und einfältig. „Ich bin erst 26 Jahre alt – ich wusste gar nicht, was eine Lungenembolie überhaupt ist“, sagt Marozsán.

Die dunkelhaarige, rassige Sportlerin, deren Tattoos am Arm gelegentlich hervorblitzen unter dem Kapuzenpulli in den Farben des Verbandes, ist eine besondere Spielerin, eine mit dem gewissen Etwas. Das macht sie zur Projektionsfläche großer Erwartungen, aber auch zur großen Zielscheibe für Kritik. Als sie nun sagt, sie sehe die Dinge nach überstandener Krankheit viel gelassener und genieße jeden Tag mit Spaß und Freude, nimmt man ihr das ab. „Man weiß nun zu schätzen, was Gesundheit bedeutet“, sagt sie – ohne Pathos, sondern mit Ruhe, die für die Reifung einer Persönlichkeit steht angesichts einer Erfahrung, die prägender ist als jedes EM-Viertelfinale.

So hat sie trotz ihres erfolgreichen Wiedereinstiegs für Lyon mit einem schönen Tor beim 5:0-Sieg in Dijon entschieden, das Comeback in der DFB-Elf noch nicht in Osnabrück zu feiern. „Ich bin erst bei 65 bis 70 Prozent. Bei Dingen, die automatisch gingen, muss ich aktuell noch zweimal auf den Ball schauen“, sagt Marozsán. Wichtiger als offiziell auf dem Platz zu stehen ist ihr auch am Samstag die schlichte Rückkehr in den Kreis Nationalelf: „Es hat mich riesig gefreut, alle wiederzusehen, ich bin super wieder aufgenommen worden.“


Noch drängt die Zeit auch nicht für das große Ziel: Die WM 2019, für die in Osnabrück die Vorbereitung beginnt – das Turnier in Frankreich, mit dem bereits ausverkauften Finale ausgerechnet in Marozsáns sportlicher Heimat Lyon. „Ich muss erst meine alte Form finden. Wir werden sehen, wie der Weg dorthin verläuft“, sagt Marozsán. Mit einer Ausgeglichenheit, die sie auf Dauer sogar stärker machen kann.


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