Interview mit Fanforscher Fanclub Nationalmannschaft? "Unkritische Unterhaltungsfans, Fans ohne Seele"

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Hamburg. Fanforscher Harald Lange beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Fankultur. Im Interview spricht er über verschiedene Fantypen und nimmt Bezug auf aktuelle Ereignisse.

Herr Lange, wie definieren Sie den Begriff Fan?  

Fanforscher Harald Lange: Der Begriff ist schwer zu definieren. Fansein bedeutet, etwas mit sehr viel Leidenschaft zu tun, sich mit etwas zu identifizieren. Das kann ein Produkt, eine Sportart, ein Musiker oder eine Mannschaft sein.

Ab wann darf man sich ruhigen Gewissens als "Fußballfan" bezeichnen?

Man ist dann Fan, wenn man bemerkt, dass man richtig traurig ist, wenn der eigene Verein verloren hat. Wenn man das nie bemerkt, ist man kein Fan.

Professor Harald Lange, Leiter des Institus für Sportwissenschaft der Universität Würzburg. Foto: Gunnar Bartsch/Universität Würzburg

Welche unterschiedlichen Fantypen gibt es?



Man kann da alle möglichen Schattierungen und Konnotationen finden. Eine ganz brauchbare ist die Unterscheidung in zwei Kategorien, die dann auch wieder Unterkategorien haben. Das erste wären Fans, die oft auch biografisch in ihrem Leben gebunden sind. Diese haben sich wie bei der Partnersuche oder der Ehe einmal entschieden und sind dann immer treu geblieben. Da ist es verpönt, den Verein zu wechseln, wenn dieser absteigt oder nicht mehr so gut spielt. Man bleibt einfach dabei. Das ist ein auffälliges Phänomen. Ich wüsste in unserer Gesellschaft keinen Lebensbereich, in dem Treue eine so große Rolle spielt und durch alle gesellschaftlichen Schichten hinweg so ernsthaft verfolgt wird, wie beim Fantum.

Welche Fankategorie steht dem entgegen? 

Das sind die sogenannten Erfolgsfans oder Konsumenten von Sportereignissen. Diese gehen immer dann hin, wenn sie gut unterhalten werden wollen. Das werden sie, wenn ihre Mannschaft gewinnt. Sie suchen sich dann die Teams heraus, die gerade oben stehen oder gehen zur Nationalmannschaft, wenn die gut spielt. Wenn es mal kriselt, dann gehen sie nicht mehr hin oder suchen sich tatsächlich einen anderen Verein, mit dem sie mehr anfangen können. Beide Gruppen laufen in die Stadien. Aber "Erfolgsfans" werden von den "echten" Fans belächelt und auch nicht als Fans sondern als Bezahlzuschauer gesehen.

Wie definieren Sie den Begriff "Modefan"?

Diese Kategorie hat zwar eine Schnittmenge mit den Erfolgsfans, es gibt aber auch Besonderheiten. Die sieht man vor allem dann, wenn Welt- oder Europameisterschaften sind. Sie kriegen es an der Supermarktkasse mit, dass da ein Ereignis ist. Dann verkleiden sie sich, malen sich mit Deutschlandfarben an, kaufen sich ein schickes Trikot und pilgern zu Public Viewings, wo sie sich unterhalten lassen wollen. Sie gehen zu solchen Großveranstaltungen, weil es gerade "in" ist. Scheidet die Mannschaft aus, sind sie aber auch ganz schnell wieder weg.

Ultras sind ganz anders gestrickt als HooligansHarald Lange

Welche kleineren Gruppen gibt es innerhalb der genannten Oberkategorien? 

Bei denen, die voll gebunden sind, ist die auffälligste Gruppe die der Ultras. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit Haut und Haaren dabei sind. Sie sind nach dem 24/7-Prinzip Fan. Ihr ganzes Leben ist dadurch bestimmt und es ist überall sichtbar. Von dieser Gruppierung ausgehend gibt es natürlich noch einmal Abstufungen.

Häufig werden Ultras auch als Hooligans bezeichnet. Wo laufen die Grenzen?

Hooligans waren ein Phänomen der späten 80er und 90er Jahre und damals ein richtiges Problem. Sie sprachen von der sogenannten "Dritten Halbzeit". Nach Spielende haben sie sich mit Hooligans anderer Mannschaften zum Prügeln verabredet. Sie sind auch vorwiegend wegen des Prügelns und der Randale überhaupt zu Spielen ins Stadion gegangen. Der Fußball war nur ein Anlass, weil man dort auf Gleichgesinnte treffen konnte. Mittlerweile gibt es nur noch wenige. Zwar spricht man in den Medien noch häufig von Hooligans, wenn es Gewalt gibt, aber wenn man sich die Geschichte der Bewegung anguckt, sind es nur noch Vereinzelte. Es ist keine prägende Subkultur mehr.

Und Ultras?

Ultras sind ganz anders gestrickt als Hooligans. Sie halten nichts von „Dritter Halbzeit“. Ihr 24/7-Prinzip verbietet ja, was anderes zu machen. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf dem Fußball und dem Sport, aber auch der Sportpolitik. Sie sind durchaus politisch engagiert. Dadurch fallen sie auch seit Jahren durch originellen, vorwiegend gewaltfreien Protest auf. Unter allen Jugendkulturen sind die Ultras gegenwärtig diejenige, die den größten Zulauf hat. Es ist wahrscheinlich die einzige Subkultur, die noch ein Gegenpol zum Establishment und zur Welt der Erwachsenen bietet.

An einem Strang ziehen – das wird gerade in Hannover und Berlin nur halbherzig getanHarald Lange

Immer wieder kommt es in Fangruppierungen zu „internen“ Auseinandersetzungen – beispielsweise schwelt in Hannover schon lange der „Kampf“ zwischen den sogenannten Ultras und den „normalen“ Fans. Auch bei Hertha BSC gab es zuletzt ähnliche Diskussionen.  

Man müsste versuchen, dass Fans an einem Strang ziehen. Aber das wird gerade in Hannover und Berlin nur halbherzig getan. Man bräuchte Formate, bei denen man sich trifft und austauscht. Dort könnte man natürlich unterschiedlicher Meinung sein, das gehört dazu, davon lebt Fankultur auch. Aber unterschiedliche Meinungen dürfen nicht dazu führen, dass man sich derart entzweit und gegeneinander kämpft. Da müssten wir gerade im Fußball den Diskurs pflegen.


Fanclub Nationalmannschaft? "Das sind unkritische Unterhaltungsfans, Fans ohne Seele"Harald Lange

Thema Nationalmannschaft: Wie beurteilen Sie den unter anderem nach der WM viel diskutierten Umgang des DFB mit Fans?

Der DFB geht aus wirtschaftlicher Sicht sehr professionell mit dem, was man Fans nennt, um. Und zwar so, dass er seine eigenen Fans kreiert. Für die Nationalmannschaft wurde der sogenannte Fanclub Nationalmannschaft gegründet. Dort gehen vorwiegend unkritische Unterhaltungsfans hin. Das sind Fans ohne Seele. Das heißt, die gehen heute zu Bayern gegen Hamburg, morgen gucken sie sich ein Eishockeyspiel an und übermorgen gehen sie ins Theater. Sie entscheiden danach, wo sie am besten unterhalten werden. Das ist gefährlich seitens des DFB und der Vereine, auf solche Fans zu setzen. Die bringen zwar kurzfristig Geld mit, aber sobald etwas anderes attraktiver ist, sind die weg. 

Die haben sich auch darauf verpflichten lassen, von diesem komischen Konstrukt "Die Mannschaft" angefixt zu sein. Sie haben gar nicht gemerkt, dass "Die Mannschaft" nur noch eine PR-Maschine ist und keine Mannschaft in dem Sinne mehr. Man muss Mitglied in diesem Fanclub sein, um überhaupt an Länderspielkarten zu kommen – und diese Mitgliedschaft kostet 15 Euro im Jahr. Selbst wenn man gar keine Karte kauft. Es ist eine Gelddruckmaschine, die da lanciert wird.


"Um die deutsche Fan-Kultur beneiden uns Fußballnationen weltweit"Harald Lange

Warum setzt der DFB nicht auf "echte" Fans?

Echte Fans sind für den DFB sehr unbequem. Weil die Protest machen. Die wollen bestimmte Entwicklungen bremsen und aufhalten. Die sind an Traditionen und nicht an Wirtschaft orientiert. Das ist den führenden Lenkern im DFB absolut ein Dorn im Auge. So auch die Ultras: Der DFB zittert vor ihnen, weiß aber nicht, wie er damit umgehen soll.

In Deutschland haben wir eine gewachsene Fankultur, um die uns weltweit andere Fußballnationen beneiden. Die ist bunt, die ist vielfältig, originell, leidenschaftlich, aber auch kritisch. Besonders wichtig: Sie sind treu. Das sind Konsumenten, die das, was beworben wird, auch konsumieren. Da wäre man als DFB eigentlich gut beraten, genau auf diese Fans zu setzen und diese Fankultur mit zu betreuen, mit zu entwickeln und nicht permanent gegen sie zu arbeiten.


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