Analyse nach dem 0:6 im März Borussia Dortmund gegen FC Bayern: So haben sich die Vorzeichen verändert

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Lucien Favre (l.) oder Niko Kovac: Wer setzt sich am Samstag mit seinem Club durch? Foto: imago/Sven SimonLucien Favre (l.) oder Niko Kovac: Wer setzt sich am Samstag mit seinem Club durch? Foto: imago/Sven Simon

Hamburg. Am Samstag empfängt Borussia Dortmund zum Topspiel den FC Bayern. Noch im Frühjahr zeigten die Münchner beim 6:0-Sieg eine wahre Machtdemonstration. Seither ist aber viel passiert ...

31. März 2018: Der FC Bayern München besiegt am 28. Spieltag der Saison 2017/2018 Borussia Dortmund in der Allianz Arena mit 6:0 und bringt in der Tabelle zwischen sich und den Erzrivalen 21 Punkte. Die Bayern stehen kurz vor dem Gewinn ihrer 28. Deutschen Meisterschaft. Der BVB ist Dritter, zittert aber bis zum letzten Spieltag um die Qualifikation zur Champions League.

Robert Lewandowski erzielte beim 6:0 gegen den BVB einen Dreierpack. Foto: imago/Sven Simon

10. November 2018: Borussia Dortmund erwartet als ungeschlagener Tabellenführer der Bundesliga am 11. Spieltag den FC Bayern München. Fußball-Deutschland schwärmt vom spektakulären Offensivfußball der Dortmunder, die bereits 30 Tore erzielt haben. Die Bayern liegen mit vier Punkten Rückstand auf Platz 3. Während der BVB gefeiert wird, sorgt der Rekordmeister durch Diskussionen abseits des Spielfelds für mehr Aufsehen als durch attraktiven Fußball.

Zwei Garanten de Dortmunder Erfolgs: Marco Reus (l.) und Jadon Sancho. Foto: imago/Kirchner-Media

Nur etwas mehr als sieben Monate hat es gedauert, bis die Vorzeichen, unter denen die beiden Granden der Bundesliga aufeinandertreffen, sich komplett gedreht haben. Hier die gefeierten Dortmunder, die erstmals seit Jahren als Favorit in das mit Spannung ersehnte Duell gehen. Dort die kriselnden Münchner, für die das Wohl und Wehe der gesamten Saison in diesem einen Spiel zu liegen scheint. 

Die veränderte Ausgangslage für beide Teams zeigt zum einen, wie schnelllebig das Fußballgeschäft tatsächlich ist. Andererseits muss man konstatieren, dass der BVB in der Sommerpause viele Dinge zum Positiven hin verändert hat. Unterdessen kann man den Bayern einige Versäumnisse und Fehler unterstellen, die nach dem Ende der vergangenen Saison gemacht wurden. Ein Überblick:

Strukturen: Borussia Dortmund krempelte den eigenen Laden im Sommer komplett um. "Wir haben an vielen Stellschrauben gedreht und einiges verändert. Auch in der Führungsetage wurde jeder Stein umgedreht. Nicht nur der Kader wurde analysiert. Wo können wir uns verbessern? Neue Spielregeln wurden aufgestellt", sagt Sebastian Kehl. Der Ex-Kapitän, als Spieler 13 Jahre lang beim BVB und eine Institution im Verein, wurde als Leiter der Lizenzspielerabteilung installiert. Außerdem wurde Matthias Sammer als externer Berater hinzugeholt. Die Bosse Hans-Joachim Watzke (Geschäftsführer) und Michael Zorc (Sportdirektor) gaben Macht ab, verteilten diese auf weitere Schultern. In regelmäßigen Abständen trifft sich das Quartett und diskutiert die Lage in Mannschaft und Verein: "Wir saßen von Anfang zusammen und haben auch den Kader gemeinsam geplant. Es wird in unserer Runde kontrovers diskutiert. Das erzeugt Reibung, die uns gut tut. Es herrscht in dieser Runde eine gute Disziplin, jeder weiß um seine Rolle", erklärt Kehl.

Sebastian Kehl absolvierte für den BVB 274 Bundesligaspiele. Foto: imago/Sven Simon

Vom Rivalen hatte es zu Saisonbeginn ob der personellen Runderneuerung Spott gegeben. Der BVB müsse für den Transport seiner Berater "fast schon einen Gelenkbus einsetzen", hatte Bayern-Präsident Uli Hoeneß Ende August gestichelt. Drei Monate später sind solche Töne aus München nicht mehr zu vernehmen. Die Bayern sehen sich im direkten Duell als Außenseiter und ernten regelmäßig Kritik für ihren möglicherweise verpassten Generationswechsel an der Vereinsspitze: Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge führten den Verein an die europäische Spitze, doch die Kritik an beiden wächst. Die über eine Pressekonferenz in die Welt getragene Medienkritik wirkte ebenso weltfremd wie diverse aggressive oder auch widersprüchliche Aussagen von Uli Hoeneß ("Der Bellarabi ist geisteskrank", "Özil hat jahrelang einen Scheißdreck gespielt", "Bernat hat einen Scheißdreck gespielt und uns beinahe die Champions League gekostet"). Auch der Umgang mit der Causa Lisa Müller wirkte nicht souverän, als seitens des Vereins von der Spielerfrau für ihre via Instagram geäußerte Kritik an Trainer Niko Kovac eine öffentliche Entschuldigung eingeholt wurde.

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Auch die Installation von Hasan Salihamidzic als Sportdirektor, mit der der Umbruch an der Vereinsspitze sanft eingeleitet werden sollte, ging nicht auf. Der Bosnier agiert zum einen noch zu sehr als Kumpeltyp der Spieler und ist außerdem nicht in der Lage, aus dem Schatten seiner Vorgesetzten zu treten. Angesichts der übermächtigen Präsenz seiner Bosse wäre dies aber ohnehin ein aussichtsloses Unterfangen.

Trainer: Beide Vereine besetzten im Sommer die Trainerpositionen neu, allerdings unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen: Borussia Dortmund bekam endlich seinen Wunschkandidaten Lucien Favre. Der FC Bayern hätte am liebsten mit Jupp Heynckes weiter gemacht. Der wollte aber genau so wenig wie Thomas Tuchel, der zu dem späten Zeitpunkt, an dem die Bayern Interesse zeigten, bereits bei PSG im Wort stand. So wurde es Niko Kovac, der zwar bei Eintracht Frankfurt außerordentlich gute Arbeit leistete, aber eben nur Kandidat Nummer 3 war.

Favre spürt in Dortmund das volle Vertrauen. Eigentlich bereits seit 2017, schon damals wollten die BVB-Bosse den Schweizer verpflichten. Er ist prädestiniert für die Arbeit mit dem BVB-Kader, der mit einem Alterschnitt von 23,5 Jahren der jüngste in der Bundesliga ist. Favre gilt als Förderer von Talenten, als Bessermacher. Er genießt bei Funktionären wie Spielern einen gleichermaßen guten Ruf. "Unser Trainer hat immer die richtigen Lösungen parat, das ist für uns Spieler extrem wichtig", sagte Marco Reus der "Sport Bild". "Du hörst genau hin, was der Trainer von dir erwartet, siehst im Training, was ihm besonders wichtig ist. Lucien Favre legt großen Wert auf die Details. Wir Spieler merken, dass es auf die kleinen Dinge ankommt, um erfolgreich zu sein."

Lucien Favre kommt mit seiner Art in Dortmund bei Spielern und Vorgesetzten bestens an. Foto: imago/Sven Simon

Von einer solchen Rückendeckung aus der Mannschaft kann Niko Kovac in München nur träumen. Seit Saisonbeginn ist immer wieder zu hören, dass einige Bayern-Stars mit der Herangehensweise des Trainers nicht einverstanden sind. 

"Wir sind hier nicht in Frankfurt", soll beispielsweise James Rodriguez gemosert haben. Dem Kolumbianer missfallen angeblich wie einigen seiner Kollegen die zusätzlichen Defensivaufgaben, die Kovac den Spielern mit auf den Weg gibt. Zudem drangen zuletzt mehrfach Interna aus Kovacs Sitzungen in die Öffentlichkeit. Lobende Worte aus den eigenen Reihen der Mannschaft, so wie sie Lucien Favre in Dortmund widerfahren, erhält Kovac in München so gut wie gar nicht. Immerhin stellte Präsident Uli Hoeneß nach dem Champions-League-Spiel gegen Athen noch einmal klar, dass der Trainer sein Vertrauen genieße. An seiner vor einiger Zeit getätigten Aussage, er werde bis aufs Blut für Kovac kämpfen, habe sich "nichts geändert".

Niko Kovac. Foto: imago/Sammy Minkoff

Transfers: Die Transfertätigkeiten der Bayern im vergangenen Sommer sind schnell erzählt: Leon Goretzka, Serge Gnabry und Rückkehrer Renato Sanches kamen an die Säbener Straße, bislang wusste nur Gnabry mit Abstrichen zu überzeugen. Die Verträge mit Franck Ribéry und Arjen Robben wurden im Frühjahr um ein weiteres Jahr verlängert. Eine neue Hierarchie konnte somit innerhalb der Mannschaft nicht entstehen, auch positive Reizpunkte wurden nicht gesetzt. Die starken Leistungen in der vergangenen Saison mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft und dem knapp und unglücklich verpassten Einzug ins Champions-League-Finale machten es den Bayern womöglich nicht einfacher, einen Umbruch bei der Kaderzusammenstellung zu wagen.

Serge Gnabry spielte in der vergangenen Saison auf Leihbasis bei 1899 Hoffenheim, davor stand der Offensivspieler bei Werder Bremen und dem FC Arsenal unter Vertrag. Foto: imago/Laci Perenyi

Beim BVB dagegen hatte man nach der quälend verlaufenen Saison keine andere Wahl, als sich personell neu aufzustellen. Das betrifft vor allem das zentrale Mittelfeld mit Axel Witsel und Thomas Delaney, aber auch die Sturmspitze mit Paco Alcacer, der die bereits im vergangenen Winter freigewordene Stelle des abgewanderten Pierre-Emerick Aubameyang besetzt. Dass nahezu alle Neuzugänge (auch Diallo, Hakimi und auch der zuletzt an Stuttgart verliehene Bruun Larsen) voll einschlugen, kann nicht nur Glück sein. Schließlich lockten die BVB-Scouts in den vergangenen Jahren auch Leute wie Christian Pulisic, Jadon Sancho oder Julian Weigl nach Westfalen.

Axel Witsel ist der neue Boss im Dortmunder Mittelfeld. Foto: imago/MB Media Solutions

Ausrichtung: Borussia Dortmund spielt Fußball, der vor allem von Dynamik und Schnelligkeit lebt. Lucien Favre hat einen jungen, hungrigen, aufregenden und vor allem talentierten Kader zur Verfügung. Gestützt wird das Konstrukt von einem hohen Maß an taktischer Disziplin, die Favre seinen Spielern immer und immer wieder einflößt. Die Qualität und auch die Breite im Kader sind enorm, Dortmunds Offensive liest sich mit Namen wie Alcacer, Reus, Götze, Pulisic, Sancho, Bruun Larsen, Kagawa, Philipp oder Wolf wie die Auflistung schwerster Geschütze einer Artillerie. Favre fügt sich mit dem von ihm vorgegebenen Stil ein in die Riege seiner Vorgänger Klopp, Tuchel und selbst dem gescheiterten Bosz, die allesamt für offensiven und modernen Fußball stehen.

Bei den Bayern sucht man einen nachhaltigen Stil bisher vergebens. Die Mannschaft steht auf Grund ihrer immens hohen individuellen Qualität immer noch weit oben in der Tabelle. Doch eine kurz nach der Verpflichtung von Niko Kovac als Trainer getätigte Aussage von Uli Hoeneß offenbart, dass die Bayern – zumindest im derzeitigen Vergleich zu Borussia Dortmund – noch keine deutliche Philosophie entwickelt haben. "Wir haben Niko ausgesucht, weil er wie Jupp das Familiäre und Menschliche hat. Das ist wichtiger, als wenn uns einer erklären kann, was eine falsche Neun oder flache Raute ist", hatte Hoeneß behauptet. 

FC Bayern: Verjüngung verpasst

Kovac vereint mit Sicherheit sowohl die menschlichen als auch die fachlichen Qualitäten. Allerdings muss der Kroate mit einer Mannschaft arbeiten, deren Gerüst seine beste Zeit möglicherweise schon hinter sich hat: Beim 1:1 in der Champions League gegen Ajax Amsterdam standen beispielsweise sieben Spieler in der Startformation, die auch schon beim Champions-League-Finale 2013 (!) gegen Borussia Dortmund aufliefen (Neuer, Boateng, Alaba, Martinez, Müller, Ribéry, Robben).

Fazit: Borussia Dortmund scheint den FC Bayern vorerst überflügelt und in der jüngeren Vergangenheit die besseren Entscheidungen getroffen zu haben. Der BVB hat den nötigen Umbruch (zwangsläufig) bereits weiter vorangetrieben als die Bayern, bei denen die großen Veränderungen in Vereinsstruktur und Mannschaft erst noch bevorstehen. Die bessere Ausgangslage scheint daher kurz- und mittelfristig auf Seiten der Dortmunder zu liegen. Doch wie zu Beginn erwähnt, ist der Fußball ein schnelllebiges Geschäft. Gewinnen die Bayern und feiern am Saisonende möglicherweise den siebten Titelgewinn in Serie, dann haben sie schlussendlich doch alles richtig gemacht ...

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