Kolumne Debatte um Nico Kovac: Bayern sells, Bayern-Krise sowieso

Von Udo Muras

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Nach Niederlagen wird sehr schnell am Stuhl des Trainers gesägt. Auch über Bayern-Trainer Nico Kovac häufen sich schon die Gerüchte-Schlagzeilen. Foto: Tobias Hase/dpaNach Niederlagen wird sehr schnell am Stuhl des Trainers gesägt. Auch über Bayern-Trainer Nico Kovac häufen sich schon die Gerüchte-Schlagzeilen. Foto: Tobias Hase/dpa

Frankfurt. Man hätte die Uhr danach stellen und bei Wettanbietern jede Menge Geld gewinnen können. Länderspielpause im Herbst heißt immer auch Pause für Trainer, nur dass die dann etwas länger dauert.

Die zwei Wochen zwischen dem siebten und achten Spieltag will Bundesligist VfB Stuttgart zur Neuorientierung nutzen und bei der war der Trainer des amtierenden Tabellenletzten, Tayfun Korkut, ein bisschen hinderlich. In der 2. Liga zog das neue Schlusslicht Sandhausen nach und trennte sich von Kenan Kocak.

Die in Not geratenen Vereine setzen auf das magische Wesen des neuen Besens, das sich am Montagabend gleich mal bewährte. Da gewann der noch sieglose MSV, der in der Vorwoche den Trainer wechselte, bei Tabellenführer 1. FC Köln mit 2:1. 

Damit hätte man auch eine Menge Geld gewinnen können. Dass die Zebras nun bis in die Bundesliga galoppieren werden mit dem eigentlich nur in Braunschweig denkbaren Torsten Lieberknecht ist eher nicht anzunehmen. Weil nach jedem Hoch ein Tief kommt und sich der neue Besen auch wieder schnell verbraucht. Mancherorts fegt er gar noch schlechter als der alte – Ingolstadt hat jetzt einen Ex-Bremer und ist mit Nouri nur noch am Verlieren. 

Rudi Völler hält an Leverkusen-Trainer Heiko Herrlich fest. Foto: Guido Kirchner/dpa

Weil alle Protagonisten der Szene wissen, dass sie im Grunde nichts wissen darüber, ob ein Trainerwechsel Besserung garantiert, üben sich die erfahrensten in Zurückhaltung und lassen sich „von außen“ nicht treiben. Ein Rudi Völler etwa lässt sich seinen Heiko Herrlich in Leverkusen nicht madig machen. Aber Abschusskandidat Nummer eins ist sowieso ein anderer. 

Kovac ist der Titelheld mit ernster Miene

Damit sind wir beim FC Bayern München, der entgegen anders lautender Gerüchte nach wie vor Meister werden und alle anderen verfügbaren Titel holen kann. Er spielt allerdings derzeit nicht so und dieser Umstand hat Niko Kovac zum Titelhelden der Nation gemacht. Verstehen Sie nicht? Dann kaufen Sie sich dieser Tage mal eine Zeitung, wo Kovac‘ ernste Miene nicht auf dem Titel ist. 

Der Kicker hat sein Konterfei auf die letzten beiden Ausgaben gesetzt, die Sport Bild und die Fußball Bild zwischendrin auch und Bild sowieso. Hat er jemanden erschlagen, hat er an der Säbener Straße Silbervasen aus dem Trophäenschrank geklaut, Steuern hinterzogen oder was? Diesen Gerüchten wollen wir keinen Vorschub leisten. 

Kalkulierte Hexenjagd ist schändlich

Aber die angeführten „Fakten“ überzeugen auch nicht. Er habe keine Spielidee, er habe die Kabine verloren, er trainiere zu kurz. Wer sich lange genug bei den Reservisten oder deren Beratern umhört, bekommt solche Aussagen aus jedem Verein bis in die Kreisklasse herunter. Anonym selbstverständlich. Reicht das für so eine Hexenjagd? Sie ist schändlich und kalkuliert. Bayern sells, Bayern-Krise sowieso – wenn sie schon mal da ist. 

Zu Zeiten Kaiser Franz' lief es in der Fußballwelt noch anders. Foto: Werner Baum/dpa

Ja, sie haben vier Mal in Folge nicht gewonnen, wie jetzt Real Madrid und Barcelona, und es spielt wie in den letzten drei Jahren um diese Jahreszeit schlechter als sonst. Ganz früher, als noch Kaiser Franz regierte, gab es das auch. 

Eigentlich war es noch viel schlimmer: Wir finden im Oktober ein 0:7 gegen Schalke, ein 4:7 in Kaiserslautern oder, nun schon mit Matthäus ein 1:2 gegen Waldhof Mannheim. Zuhause! Damals schoben es die Verantwortlichen teilweise auf den Föhn, den warmen Alpenwind, der die Kräfte der Münchner lähmen soll. Glaubte zwar keiner, aber die Trainer durften bleiben. 

Die alten Zeiten sind vorbei

Es war eben noch die Zeit, als Fußball Freizeitvergnügen und nicht einziger Lebensinhalt für Zuschauer und Journalisten war. Man konnte noch lachen über ein 0:7 und es wurde nicht gleich die Säge herausgeholt. Heute sägen sie nach einem 1:1 gegen Ajax Amsterdam, gegen das die Beckenbauer-Bayern einst derbe Klatschen kassierten, am Stuhl des armen Kovac, der sich vor drei Wochen und nach sieben Siegen als Rekordstarter feiern lassen durfte. 

Uli Hoeneß stellt sich voll hinter seinen Trainer Niko Kovac. Foto: dpa/Matthias Balk

Uli Hoeneß hat mit einer eigentlich harmlosen Bemerkung, in der er Selbstverständliches über den Verantwortungsbereich eines Trainers auf Uli-Hoeneß-Art ausdrückte, unfreiwillig mitgesägt. Nun aber steht er „wie eine Eins“ vor oder hinter Kovac, so genau weiß man das nicht. Es spielt auch keine Rolle, die Branchengesetze gelten auch in München. Noch genießt Kovac Welpenschutz, aber er weiß, dass nur Ergebnisse zählen, wobei in München wiederum anders gezählt wird. 

In München wird anders gezählt

In Frankfurt war ein Punkt ein Punkt, in München sind es minus zwei Punkte. In der Länderspielpause wird sich seine Bilanz nicht verschlechtern können, aber dass er nicht bis Weihnachten auf Platz sechs bleiben kann mit seinem Ensemble der Hochdekorierten und teils Schwererziehbaren, ist klar. 

Sonst hören wir wohl schon vor der nächsten Länderspielpause Uli Hoeneß, flankiert von Kalle Rummenigge und Hasan Salihamidzic, sagen: „Wir haben uns alle drei geirrt!“ Und wie in der großen Politik wird dafür nicht der bestraft, der sich geirrt hat, sondern nur der vermeintliche Irrtum. Warum eigentlich will noch jemand Trainer werden?

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