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27.09.2018, 16:06 Uhr KOMMENTAR ZUR VERGABE DER FUßBALL-EM AN DEUTSCHLAND

Vereint durch Fußball – ein Motto als Chance und als Risiko

Kommentar von Harald Pistorius

Der Moment: UEFA-Präsident Aleksander Ceferin zieht in Nyon das Blatt mit der Aufschrift "Germany" aus dem Umschlag - Deutschland ist damit Ausrichter der Fußball-Europameisterschaft 2024. Foto: dpaDer Moment: UEFA-Präsident Aleksander Ceferin zieht in Nyon das Blatt mit der Aufschrift "Germany" aus dem Umschlag - Deutschland ist damit Ausrichter der Fußball-Europameisterschaft 2024. Foto: dpa

Osnabrück. 18 Jahre nach dem "Sommermärchen" der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 findet im Juni/Juli 2024 wieder ein sportliches Topereignis in Deutschland statt. Damals ging es dem DFB vor allem darum, die Menschen aus aller Welt in freundschaftlicher Atmosphäre zusammenzubringen – das gelang. Jetzt heißt das Motto "Vereint durch Fußball". Dieser Vorsatz muss sich vor allem nach innen richten, meint unser Kommentator.

Natürlich wird Deutschland auch 2024 wieder ein guter Gastgeber sein für Mannschaften und Fans aus 23 europäischen Nationen. Voraussetzung allerdings ist, dass die ausländerfeindlichen Auswüchse aus AfD, Pegida und anderen rechtsradikalen bis dahin ein Stück bewältigte Vergangenheit sind. 

Bilder, wie sie zuletzt aus Chemnitz oder Köthen zu sehen waren, wären ein hässliches Kontrastprogramm zu fröhlichen, internationalen Multi-Kulti-Partys in den Public-Viewing-Zonen deutscher Städte. Daran zu arbeiten, dass es nicht so kommt, gehört auch zu den Vorarbeiten, die in den nächsten sechs Jahren zu leisten sind. 

Flüchtlinge aufzunehmen, sie menschenfreundlich zu behandeln und ihnen zu helfen ist natürlich schwerer, als mit Fußballfans zu trinken, zu singen und zu tanzen. Aber es lohnt sich, diese beiden so verschiedenen Arten von Begegnungen miteinander zu verknüpfen. 

Hier gibt es den Liveticker zur Entscheidung zum Nachlesen >>

Vereint durch Fußball - in Bezug auf die Situation im deutschen Fußball ist das derzeit keine Zustandsbeschreibung. Seit einigen Jahren grassieren Konflikte von Interessengruppen kreuz und quer durch die Landschaft des populärsten deutschen Sports.

Amateure gegen Profis, DFB gegen DFL, Modernität gegen Tradition, Retortenclubs gegen Traditionsvereine, Fans gegen Kommerz - das sind die Fronten, die sich verhärten und den Eindruck vermitteln, als ob das Gesamtkonstrukt Fußball unter einer beständigen Anspannung steht. 

So wird allerorten gestritten: Über Pyrotechnik und Fan-Transparente, über späte Anstoßzeiten und Montagsspiele, über Irrsinns-Ablösesummen und Wahnsinnsgehälter, über Fußball im Bezahlfernsehen und den Verlust an Basisnähe. 

Genau an dieser Stelle könnte die Fußball-Europameisterschaft eine - zugegeben kleine - Chance sein, aufeinander zuzugehen und den Fußball wieder zu einem Gemeinschaftserlebnis zu machen, der er - durchaus auch schon zu Zeiten der Professionalisierung - schon mal war. 

Rund um dieses Projekt "EM 2024" durch Dialog, Kompromissbereitschaft und konstruktive Debatten einen Wandel durch Annäherung zu erzeugen, wäre ein faszinierendes Ziel für alle Beteiligten. 

Immerhin - und das ist ein markanter Unterschied zum Mitbewerber - sind all diese Diskussionen und kritischen Wortmeldungen im deutschen Fußball wie in der ganzen Gesellschaft erlaubt und an vielen Stellen auch erwünscht. 

Das wäre Teil einer EM-Ausrichtung von gesamtgesellschaftlichen Wert. Wenn sich der DFB darauf beschränkt, die Kette inszenierter, glatter und perfekt vermarkteter Sportereignisse um ein Glied zu erweitern, ist die EM 2024 nichts für die Geschichtsbücher. 



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