Klub-Legende im großen Interview Fabian Boll: Auch St. Pauli ist zu einem Wirtschaftsunternehmen geworden

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2010 traf Fabian Boll für den FC St. Pauli selbst gegen den Hamburger SV - damals fand das Stadtderby noch im Rahmen der Bundesliga statt. Foto: Axel Heimken/dpa2010 traf Fabian Boll für den FC St. Pauli selbst gegen den Hamburger SV - damals fand das Stadtderby noch im Rahmen der Bundesliga statt. Foto: Axel Heimken/dpa

Hamburg. 292 Pflichtspiele bestritt Klub-Legende Fabian Boll für den FC St. Pauli. Im großen Interview spricht er unter anderem über das anstehende Hamburger Stadtderby zwischen den Kiezkickern und dem HSV sowie seine neue Aufgabe als Trainer in der Oberliga.

Herr Boll, wie eng ist aktuell noch ihre Bindung zum FC St. Pauli?

Fabian Boll: Ich bin jetzt zweieinhalb Jahre weg vom FC St. Pauli, aber habe natürlich insbesondere zu den Fans des Klubs nach wie vor eine sehr emotionale Bindung. Sie sind es letztlich auch, die den Verein auszeichnen. Ansonsten muss man attestieren, dass auch der FC St. Pauli notgedrungen und durch die Mechanismen im Profi-Fußball zu einem Wirtschaftsunternehmen geworden ist wie der FC Ingolstadt, der FC Augsburg oder der FC Bayern München. Auch da wird versucht, Gelder zu generieren, um den sportlichen Erfolg zu maximieren. Was den Klub aber nach wie vor besonders macht, ist, dass unheimlich viel an sozialen Projekten, an politischer Haltung und klaren Prinzipien und Grundsätzen aus der Fanszene hervorgeht.

Fans des FC St. Pauli halten am 11.10.2014 beim Abschiedsspiel für Fabian Boll im Millerntor-Stadion in Hamburg die Rückennummer 17 auf Bannern des Protagonisten in die Höhe. Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Am Wochenende steht das Stadtderby gegen den Hamburger SV an – kribbelt es schon? 

Boll: Ein richtiges Fieber verspüre ich noch nicht, ich bin eher tiefenentspannt. Dadurch, dass sich meine Prioritäten in den vergangenen Jahren eher in den privat-beruflichen Bereich verschoben haben, hat der FC St. Pauli nicht mehr die Wertigkeit, wie früher. Ich verfolge beispielsweise auch nicht mehr jedes Spiel des Klubs in voller Länge. Wenn man 14 Jahre lang am Wochenende keine Zeit hatte, genießt man es auch einfach mal, beispielsweise Zeit mit der Familie zu verbringen.

Das Spiel am Sonntag lässt sie aber nicht völlig kalt, oder? Immerhin sind sie ein nicht unwesentlicher Bestandteil der Derby-Historie…

Boll: Klar, bei dem Spiel ist es anders. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung und der Verbindung zur Fan-Szene wird es am Sonntag etwas anders sein. Ich werde mir das ganz entspannt am Sonntag auf der Couch anschauen und bin sehr gespannt, was passieren wird. Letzte Woche hätte man wahrscheinlich noch gesagt: „Der HSV wird das schon richten.“ Durch die jüngsten Ergebnisse sieht es aber natürlich etwas anders aus…

In Hamburg gibt es in diesen Tagen kaum ein anderes Thema.

Boll: Jeder weiß, dass es in diesem Spiel um mehr als die drei Punkte geht. Es geht um Prestige und Ansehen in der Stadt. Es ist seit Wochen Thema und ich selbst merke ja auch, welche mediale Anziehungskraft dieses Duell hat. 


Was erwarten Sie sich sportlich von dem Spiel? 

Boll: Wenn man sich die letzten Partien angeschaut hat, ist sicherlich zunächst nicht von einem Offensivspektakel auszugehen. Auch aufgrund der Bedeutung des Spiels wird es sicherlich sehr taktisch geprägt sein. Wenngleich ich mich auch gerne eines anderen belehren lasse.

Sie können aus eigener Erfahrung sprechen: Was geht den Spielern in diesen Tagen vor dem Derby durch den Kopf?

Boll: Die Mannschaften haben ja durch die englische Woche zuvor noch jeweils eine andere Partie vor der Brust, so dass das Derby erst ab Freitag so richtig in den Fokus rücken wird. Bei uns war das damals ähnlich. Wir spielten das Derby unter der Woche und hatten nur ein paar Tage zuvor noch Mönchengladbach als Gegner. Ich persönlich hatte mir damals in diesem Spiel den Zeh stark geprellt, aber man hätte mir das Bein abhacken müssen, damit ich gegen den HSV nicht spiele. Natürlich herrscht in den Tagen davor eine extreme Anspannung, sowohl körperlich als auch psychisch. Vor dem Hinspiel am Millerntor war ich allerdings etwas lockerer, da dachte ich, es kann uns nichts passieren.

Lesen Sie hier: Erik Meijer im Interview - "Jahrhundert-Flop" Lasogga macht Hamburg glücklich: "So einen braucht der HSV"

Sie brachten St. Pauli in der 77. Minute in Führung, erst zwei Minuten vor Abpfiff glich Mladen Petric zum 1:1 aus, das zugleich den Endstand bedeutete…

Boll: Das stimmt. Vor dem Rückspiel (Anm. d. Red.: St. Pauli gewann im Volkspark 1:0) sah die Gemütslage bei mir dann ganz anders aus. Nach dem Motto: Hoffentlich schießen die uns nicht 5:0 ab und wir werden zur Lachnummer der Stadt. Die Anspannung, die man normalerweise erst am Spieltag selbst spürt, ist einfach sehr viel früher da – das ist schon ungewöhnlich. 

Fabian Boll dreht nach seinem Treffer im Derby gegen den HSV im Jahr 2010 jubelnd ab. Foto: imago/Bernd König

Abschließend ihr Tipp für Sonntag? 

Boll: Es ist unheimlich schwer, dieses Spiel zu tippen. Generell hat die 2. Bundesliga ja auch in dieser Saison schon oft genug wieder gezeigt, dass jedes Wochenende alles passieren kann. Ich würde mich erstmal freuen, wenn es ein hochklassigeres Spiel wird, als wir es damals geleistet haben. (lacht) Es wäre toll, wenn der große Wirbel im Vorfeld des Spiels sich auch sportlich auf dem Platz wiederspiegeln wird und auch der neutrale Zuschauer ein paar Tore zu sehen bekommt. 

Gerne ein 4:3 wie 2001 – dieses Mal aber für St. Pauli. Wenn alle Stricke reißen, muss sich der damalige Doppeltorschütze und heutige Co-Trainer André Trulsen halt selbst einwechseln. (lacht) Ich möchte mich tatsächlich nicht zu einem Ergebnistipp hinreißen lassen - wichtig ist in erster Linie aber tatsächlich, dass am nächsten Tag das Sportliche die Schlagzeilen bestimmen wird und nichts anderes.

Lesen Sie im Folgenden Part II des großen Interviews mit Fabian Boll über seine neue Aufgabe als Trainer in der Oberliga Hamburg

Sie sind seit dieser Saison im Trainerteam des SC Condor in der Oberliga Hamburg unterwegs – gab es zuvor eine besondere Verbindung zum Verein?

Fabian Boll: Natürlich war der Klub mir auch vorher schon ein Begriff, wir sind ja mit dem FC St. Pauli bei Condor oft genug beispielsweise im Oddset-Pokal „aufgedribbelt“. Ich habe ja auch jahrelang selbst in der Oberliga Hamburg gekickt und da kennt man Condor – wenngleich ich mit dem Verein zuvor noch keine engeren Berührungspunkte hatte.

Wie ist es dennoch zu dem Engagement gekommen?

Boll: Das Ganze ist zustande gekommen, weil mit Olufemi Smith einer meiner besten Freunde dort Cheftrainer geworden ist. Eigentlich stand sein Trainerteam schon, aber wir hatten in der Vergangenheit schon öfter mal darüber gesprochen, auch auf dem Platz zusammen zu arbeiten. Diesmal passte es dann auch privat und beruflich bei mir – so hat sich das entwickelt und diese Konstellation hat mich letztlich dann auch dazu bewogen, nach einer Pause wieder die ersten Schritte im Fußball zu gehen.

Wie sieht die Aufgabenverteilung im Trainerteam mit Olufemi Smith und Jasper Werth aktuell konkret aus?

Boll: Ich versuche in meiner Funktion als Co-Trainer natürlich so gut wie möglich zu unterstützen und auch mit meiner Erfahrung zu helfen. Bislang klappt das ganz gut. Die Ansprachen an die Mannschaft kommen in erster Linie natürlich von Olufemi, aber in Sachen Trainingsorganisation, Trainingsinhalte oder Ähnlichem teilen wir uns im Dreierteam auf und ich leite die ein oder andere Einheit auch mal selbst.

Seit Sommer 2018 steht Fabian Boll an der Seitenlinie beim Hamburger Oberligisten SC Condor. Foto: imago/Oliver Ruhnke

Wie vereinbaren Sie Ihren Beruf als Kriminalbeamter, die Familie und das Trainer-Engagement aktuell? 

Boll: Aktuell stehe ich natürlich neben der Vollzeitstelle bei der Polizei noch drei Mal pro Woche abends auf dem Trainingsplatz. Aber das war auch eine Grundvoraussetzung für mich, dass im Rahmen der Tätigkeit auf diesem sportlichen Level auch die Möglichkeit besteht, den Fußball im Zweifel mal ins zweite oder dritte Glied hinter der Familie und dem Berufsalltag zurückzustellen. Auf diesem Niveau gehört es natürlich dazu, dass Spieler oder Trainer auch mal eine Einheit oder ein Spiel aus anderen Gründen verpassen.

Welche Unterschiede machen Sie im Vergleich zum Profifußball noch fest und inwiefern mussten Sie sich damit vielleicht auch ein Stück weit arrangieren?

Boll: Es ist natürlich eine komplett andere Welt. Ich habe ja bei St. Pauli auch noch in der Regionalliga unter Profibedingungen trainiert. Da steht der Fußball immer an erster Stelle. Insofern muss man sich natürlich erstmal daran gewöhnen und sich darauf einlassen, dass bei einer Trainingseinheit jetzt manchmal nur zehn Leute auf dem Platz stehen. Das ist nicht immer leicht, wenn man aus dem Profibereich kommt und andere Strukturen gewohnt ist – da musste schon ganz, ganz viel passieren, damit man mal ein Training oder gar ein Spiel sausen lässt. 

"Unser Projekt ist langfristig angelegt", sagt Boll über seine Arbeit beim SC Condor. Foto: Axel Heimken/dpa

Die Oberliga gilt als erste Schwelle zwischen Halb-Professionalismus und dem Profi-Geschäft. 

Boll: Das stimmt. Ich glaube keine andere Liga spiegelt es deutlicher wieder. Auf der einen Seite arbeiten Vereine bereits semi-professionell und besitzen den Anspruch, kurz- oder mittelfristig höher zu gehen. Auf der anderen Seite gibt es Klubs, zu denen ich auch Condor zähle, die zwar ambitioniert sind, aber bei denen überspitzt gesagt der Hobby-Aspekt noch im Vordergrund steht. Man misst sich teilweise mit Kalibern, die ihren Spielern feste monatliche Gehälter ab 800 Euro aufwärts zahlen – da kann mit einer deutlich geringeren Aufwandsentschädigung nicht mithalten. Auch was die Strukturen und das Trainingsmaterial angeht, sind einige Klubs anderen in Sachen Professionalität weit voraus. Es klafft also schon eine große Lücke. 

Aktuelle Tabelle und Paarungen: Die Oberliga Hamburg im Überblick

Wie sieht ihre sportliche Zwischenbilanz mit Condor aus?

Boll: Zu Beginn der Serie war ich teilweise erschüttert, in welchem körperlichen Zustand manche Spieler aus dem Urlaub kamen. Aber auch daran muss man sich gewöhnen: Wenn Urlaub ist, ist Urlaub und da werden dann Laufpläne auch nicht immer in der Konsequenz durchgezogen, wie es vielleicht sein muss. Aber auch in der Oberliga benötigst Du eine gewisse Grundfitness – da haben wir in der Saisonvorbereitung viel Zeit investieren müssen. Die Tabelle sieht momentan nicht so schön aus, allerdings sind einige Spiele für uns auch unglücklich gelaufen – ohne das jetzt zu rosarot zu malen, hätten wir auch elf bis 14 Punkte mehr haben können.

Wie optimistisch sind Sie, dass es mit dem Klassenerhalt klappt?

Boll: Das ist natürlich das Ziel, aber es wird nicht einfach. Es gibt in der Liga einige ambitionierte Teams, die es bis dato auch schwerer hatten, als gedacht. Unser Projekt ist langfristig angelegt und wir versuchen jeden Tag, weiter an uns zu arbeiten und natürlich wäre es überragend, wenn wir am Ende die Klasse halten und dann über die Zeit gesehen auch Kontinuität in den Kader bringen können.

Interview: Thomas Deterding


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