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Erinnerungen der Stars von damals HSV gegen St. Pauli: So verrückt lief das torreichste Hamburg-Derby

Von Kim Patrick von Harling, Alexander Barklage, Christopher Chirvi, Thomas Deterding, Tobias Bosse, Christian Ströhl und Gregory Straub

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Im direkten Duell: Erik Meijer und André Trulsen erinnern sich an ein turbulentes Derby vor 17 Jahren zurück. Foto: Collage/imago/dpaIm direkten Duell: Erik Meijer und André Trulsen erinnern sich an ein turbulentes Derby vor 17 Jahren zurück. Foto: Collage/imago/dpa 

Hamburg. Hamburg im Derbyfieber: Vor dem anstehenden Duell zwischen dem Hamburger SV und dem FC St. Pauli steht eine ganze Stadt Kopf. Viele Anhänger wünschen sich ein torreiches Spektakel wie zuletzt 2001 – zur Einstimmung erinnern sich die damaligen Protagonisten Erik Meijer und André Trulsen zurück.

André Trulsen, seines Zeichens Rekordspieler des FC St. Pauli und heute Co-Trainer beim Kiez-Klub, erinnert sich noch ganz genau an die Bundesliga-Saison 2001/2002. Hamburg hatte sein Stadtderby zurück – nach vier Jahren Abstinenz. Eine ganze Stadt fieberte diesem Duell entgegen. 

Aus sportlicher Sicht war die Hansestadt in den Tagen vor dem 2. Dezember allerdings von dunklen Wolken überschattet: Der Aufsteiger St. Pauli spielte eine miserable Saison und steckte auf Platz 18 fest, auch der Dino aus Stellingen lief auf Platz elf rangierend den Erwartungen meilenweit hinterher.

Das Hamburger Stadtderby ist für die Fans des Hamburger SV und des FC St. Pauli seit jeher das absolute Highlight. (Symbolbild) Foto: imago/Baering

Das Derby wurde zum letzten Strohhalm, an den sich viele Anhänger beider Seiten klammerten. "Die Spannung hat man natürlich mitbekommen, die ganze Stadt war und ist ja zweigeteilt – ein HSV- und ein St.-Pauli-Lager", erklärt Trulsen. Die heutigen FCSP-Legenden um Thomas Meggle, Holger Stanislawski, Christian Rahn oder Uğur İnceman nahmen es sich trotz sportlicher Misere zum Ziel, den großen Stadtrivalen in der AOL-Arena zu demütigen. 

Auf der anderen Seite traten ihnen die Rothosen um Erik Meijer, Martin Pieckenhagen, Sergej Barbarez, Jörg Albertz, Bernd Hollerbach und Co. entgegen – fest entschlossen, sich keinesfalls die Blöße einer Derby-Niederlage inklusive anschließendem Spießrutenlauf durch die Stadt zu geben.

"Die Gewinner waren die Könige, die Verlierer Bratwürste"

"Wir haben den Druck auch gespürt und, dass wir liefern müssen. Die Gewinner des Derbys waren die Könige, die Verlierer Bratwürste. Aber das sind doch geile Spiele, die man unbedingt spielen will. Da ist Brisanz drin", erinnert sich Meijer heute an die Woche vor dem großen Duell zurück. 

"Die Presse hat das Spiel natürlich auch hochstilisiert zum Spiel des Jahres." Tatsächlich titelte die Hamburger Morgenpost: "Demuth verhöhnt HSV-Star Albertz: ‚Er steht voll im Saft‘ – Hertzsch kontert: Wir werden St. Pauli schon zeigen, wo sie wirklich stehen."

Lesen Sie hier: FCSP-Legende Fabian Boll im Derby-Interview: Auch St. Pauli ist zu einem Wirtschaftsunternehmen geworden

Die ersten Pfeile wurden gespitzt und abgefeuert. Der Hochmut von Pauli-Trainer Dietmar Demuth stachelte die HSV-Spieler offensichtlich an. Die Spannung in der Stadt war greifbar, die Angst vor dem Verlieren groß – nicht nur bei den Spielern. Die Fans beider Vereine fieberten dem Anpfiff entgegen, um 17.30 Uhr dann rollte an diesem grauen Sonntag endlich der Ball. Der Beginn eines geschichtsträchtigen Derbys.

Das Derby-Feuer entwickelte auf dem Platz zunächst der HSV. Angestachelt von seinen Anhängern rannten die Rothosen den Stadtrivalen förmlich über den Haufen. Meijer markierte das 1:0 bereits nach vier Minuten. 

"Das war Euphorie pur und die komplette Mannschaft ist nahe der Eckfahne auf mich zu gelaufen und hat mit mir gefeiert. Der Anfang eines tollen Derbys", bilanziert der Niederländer den Gänsehautmoment heute. 

Milan Fukal, die tschechische Säule in der Innenverteidigung, erhöhte weitere vier Minuten später auf 2:0. Die Fahnen mit der Raute wehten im Nieselregen Hamburgs unentwegt, die eng um den Hals gelegten Schals wippten gemeinsam mit den glücklichen HSV-Fans auf und ab. 

Auf der anderen Seite: Tristesse. Finstere Mienen prägten die Pauli-Kurve, zarte Anfeuerungsversuche gingen im Jubel der anderen Seite unter. Die Anhänger vom Millerntor vergruben sich im Hamburger Schietwetter noch tiefer in ihre braunen Totenkopf-Hoodies.


Spätestens nach dem 3:0 durch Collin Benjamin war man sich im HSV-Lager zur Halbzeitpause sicher, als souveräner Derbysieger den Platz zu verlassen. Doch die Euphorie sollte schon bald Angst weichen, denn der FC St. Pauli setzte in den zweiten 45 Minuten zu einer furiosen Aufholjagd an, in dessen Fokus André Trulsen stand. 

Nach Toren von Meggle (47.) und Barbarez (52.) war es die Pauli-Legende, die per Kopf zunächst auf 2:4 verkürzte (79.). Als er nur vier Minuten später einen Elfmeter sicher zum 3:4 verwandelte, brannte im Volkspark die Luft - doch dieser Zustand dauerte nur wenige Minuten und ein paar verzweifelte FCSP-Angriffsversuche an. 

Als Schiedsrichter Krug die Partie um 19.20 Uhr abpfiff, folgte ein Aufschrei der Erleichterung auf der einen und ein anerkennendes Klatschen auf der anderen Seite. Der HSV ging als Derbysieger vom Platz.

Tatsächlich feierte die Medienlandschaft den Bundesliga-Dino. "HSV hat kapiert, um was es geht", titelte die Hamburger Morgenpost. Allerdings sollte es in den Folgemonaten anders kommen. Trainer Kurt Jara versank mit der Mannschaft im Saisonverlauf weiter im grauen Mittelfeld der Bundesliga. Das internationale Geschäft rückte von Spieltag zu Spieltag in weite Ferne. Platz zehn war die beste Platzierung nach dem Derbysieg. Immerhin: Das 4:0 im Rückspiel ließ das Rauten-Herz kurzzeitig wieder höher schlagen.

Und am Millerntor? Dort herrschte durchweg Katerstimmung. Beim Überraschungsaufsteiger keimte nur hin und wieder kurz Hoffnung auf, wenn man den letzten Tabellenplatz an den 1. FC Köln abgab. Doch am Ende stieg St. Pauli sang- und klanglos mit sieben Punkten Rückstand auf den Vorletzten ab.

Nur noch zweimal (Saison 2010/11) sollte es seither zum Aufeinandertreffen der beiden Klubs kommen - nun trifft man sich wieder. Erstmals in der 2. Bundesliga. Und wieder ist die Stadt elektrisiert.

Erik Meijer wird dieses Mal nicht im Stadion sein, André Trulsen steht als Co-Trainer an der Seitenlinie. "Als Trainer bin ich ja noch ungeschlagen, das soll auch so bleiben", sagt Trulsen mit einem Lachen und erinnert sich gerne an den 1:0-Derbysieg aus dem Jahr 2011 zurück. "Ich hoffe erst einmal auf ein tolles Spiel für die Fans, auf einen tollen Fight von beiden Mannschaften und ein glückliches Ende für uns. Ich hätte nichts dagegen, wenn es noch einmal 1:0 ausgeht."

Das sieht Meijer naturgemäß anders: "Ich finde ein 4:3 für den HSV, wie beim letzten Heimspiel-Sieg gegen den FC St. Pauli, wäre doch ganz nett." Am Sonntag ab 13.30 Uhr weiß die zweigeteilte Stadt mehr, wenn schwarz-weiß-blau auf braun-weiß trifft. Und so viel ist sicher: Dieses Derby wird ebenfalls seine ganz eigene Geschichte schreiben.


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