"Es kommt ein Spiel nach Deutschland" Ex-NFL-Profi Vollmer über wachsenden Markt und Tom Brady

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Fungiert nach seiner Football-Karriere als TV-Experte: Ex-NFL-Profi Sebastian Vollmer. Foto: WittersFungiert nach seiner Football-Karriere als TV-Experte: Ex-NFL-Profi Sebastian Vollmer. Foto: Witters

Osnabrück. Der frühere deutsche Football-Profi Sebastian Vollmer hat mit den New England Patriots zweimal den Super Bowl in der National Football League (NFL) gewonnen. Im Interview spricht der 34-Jährige über seine TV-Expertenrolle, den wachsenden Markt in Deutschland und seinen Ex-Mannschaftskollegen Tom Brady.

Herr Vollmer, die neue NFL-Saison ist am vergangenen Wochenende gestartet. Freuen Sie sich, dass die footballfreie Zeit endlich vorbei ist?

„Ja, auf jeden Fall. Es fühlt sich für mich aber immer noch komisch an. Sonst war ich in der Zeit vor dem Saisonbeginn immer sehr eingespannt. Man war fast nie zu Hause und sehr viel im Trainingslager. Und zum Auftakt wurde es dann richtig ernst. Nun kann ich mitfiebern, ohne den Schmerzen ausgesetzt zu sein. Ich sitze jetzt auf der anderen Seite und analysiere die Jungs.“

Sie sind bei Ran NFL-Experte und Co-Kommentator. Wie oft werden Sie in diesen Funktionen im Fernsehen zu sehen sein?

„Ich werde nicht jedes Spiel machen, weil mein Lebensmittelpunkt in den USA ist. Es ist zu anstrengend, jede Woche nach Deutschland zu fliegen. Aber ich werde ungefähr einmal im Monat zu sehen sein. Wenn es Richtung Playoffs und später in die heiße Phase geht, wahrscheinlich noch öfters.“

Was gefällt ihnen an dieser Arbeit?

„Zum einen ist es eine wunderbare Zusammenarbeit mit dem Team. Und zum anderen kann man kaum näher an dem Sport bleiben, wenn man nicht selbst spielt oder coacht. Ich muss mich aber trotzdem vorbereiten. Ich studiere immer noch den Gegner und die Namen der Spieler. Man bleibt so im Football involviert. In meiner Expertenrolle möchte ich den Fans etwas zurückgeben und ihnen erzählen, was ich erlebt habe. Und ich möchte ihnen den Football als Sportart noch mal näher bringen."

Es gibt ja auch nichts Schöneres, als über seine Lieblingssportart zu philosophieren, oder?

„Richtig. Es fühlt sich auch irgendwie nicht wie Arbeit an. Das ist das Schöne. Man hat Spaß, und die Resonanz der Fans ist einfach der Wahnsinn. Sie lieben den Sport einfach und es ist fast schon wie ein kleiner Eliteclub.“

Und diese Fangemeinde ist in den vergangenen Jahren ja auch stark gewachsen. Woran liegt das?

„Ich weiß nicht, warum sie so stark gewachsen ist. Entweder durch die Aufmerksamkeit der Medien oder anders herum. Aber Football läuft ja mittlerweile im Free-TV. Dadurch ist der Sport einfach bekannter geworden.“

Und beliebter.

„Als ich am Anfang meiner Karriere in Düsseldorf gespielt habe, waren 200 Zuschauer auf der Tribüne. Drei Viertel davon waren Eltern und Freunde. Beim Football ist es anders als beim Fußball. Der Sport ist physischer, und ein Spiel dauert länger. In Amerika ist ein Spiel wie ein Familientag. Die Leute sind drei Stunden vor dem Spiel da. Sie grillen draußen und verbringen den Tag zusammen. In Deutschland sitzen die Fans teilweise zu zehnt nachts vor dem Fernseher. Das ist der absolute Wahnsinn und irgendwie schwer zu erklären.“

Ist der Markt in Deutschland Ihrer Meinung ein wichtiger für die NFL?

„Abgesehen von den Vereinigten Staaten ist er sogar der wichtigste. Deutschland ist der am schnellsten wachsende Markt, und die NFL will das ganze Geschäft weiter wachsen sehen. In Amerika ist der Markt ein Stück weit gesättigt. Es gibt ja schon alle zwei Minuten Werbung. Deswegen versuchen die Eigentümer natürlich, ins Ausland zu gehen. Sie sehen das Potenzial in Deutschland und sie sehen auch die Einschaltquoten. Es wird auch ein Spiel nach Deutschland kommen.“

Wann könnte das sein?

„Es gibt diesen Plan schon sehr lange. Aber es dauert wahrscheinlich noch ein bisschen, für meinen Geschmack noch etwas zu lang. Aber es wird kommen. Es gibt Bedenken wegen der Sprachbarriere, was für mich unbegreiflich ist. Es ist zudem noch nicht sicher, in welcher Stadt das Spiel in Deutschland stattfinden soll.“

Dann wären die Teams für ein Spiel aber lange unterwegs…

„Ja, das stimmt. Für die Teams, die in Deutschland spielen, ist es ein Nachteil. Sie sitzen dann lange im Flugzeug. Das wollen die Teams, die Spieler und die Trainer sich natürlich nicht antun. Aber das müssen die Eigentümer miteinander ausmachen.“

Hätte ein Spiel in Deutschland für die Teams auch Vorteile?

„Das Team, das sich zuerst etabliert, kann den Markt zum Beispiel in Sachen Merchandise für sich erobern. Das sind schon kalkulierte Risiken, die sie das eingehen. Dann können sie den Fans auch ein bisschen etwas zurückgeben. Ich bin da immer von beeindruckt, wenn sie sich von 2 bis 5 Uhr eine Nacht um die Ohren hauen, um ein Spiel zu gucken.“

2016 haben Sie Ihre Karriere beendet. Was haben sie in den vergangenen zwei Jahren gemacht?

„Für mich stand am Anfang ganz klar die Gesundheit. Ich habe mit knapp 150 Kilogramm gespielt. Im normalen Leben hilft es wenig, so groß und breit zu sein. Deshalb war für mich klar, dass ich erstmal Gewicht verliere. Ich habe dann etwa 35 Kilogramm abgenommen, meine Ernährung umgestellt und bin in der Reha gewesen. Das hat Zeit gedauert.“

Und sie haben ein Buch mit dem Titel „German Champion“ verfasst. Warum haben sie sich dazu entschieden?

„Ich habe das Buch einerseits für meine Familie und Freunde geschrieben. Andererseits wollte ich den Fans einen Einblick hinter die Kulissen geben. Das Buch handelt von meiner Anfangszeit bei den Düsseldorf Panther, mein College-Leben und meine Zeit in der NFL. Es ist eine sehr ehrliche Geschichte und ein sehr ehrliches Buch. Darin erzähle ich von den guten und schlechten Zeiten.“

Welche guten und schlechten Zeiten haben Sie denn erlebt?

„Das wären zum Beispiel Selbstzweifel und Zweifel von anderen Spielern. Das fing schon ganz früh an im College. Wenn man als Spieler zum Beispiel Sätze von Trainern hört wie: ,Da hat man schon wieder ein Stipendium verschwendet.´ Auf der anderen Seite habe ich gelernt, wie man sich mit harter Arbeit durchsetzt. Ich habe mit den New England Patriots zwei Meisterschaften in der höchsten Liga in meinem Sport gewonnen. Das war ein Wahnsinns-Gefühl.“

Was trauen Sie ihrem Ex-Verein zu?

„Sie können wieder Meister werden. Aber ich habe Zweifel, dass sie es schaffen. Das Talent ist da, und Tom Brady ist ein wichtiger Faktor.“

Es wird oft gesagt, dass Brady besser spielt, je älter er wird. Stimmt das?

„Das stimmt. Er hat ein Wahnsinns-Talent. Auch wenn er nicht mehr trainieren würde, wäre er trotzdem einer der besten Quarterbacks. Sein mentaler Stil hilft ihm gewaltig. Er weiß vorher, was der Gegner macht. Je mehr Erfahrung er sammelt, desto mehr befürwortet das seinen Stil. Er macht es nicht mit brachialer Gewalt. Er hat einen guten Arm und ist mental stark.“

Im vergangenen Jahr sind viele Favoriten früh in den Playoffs gescheitert. Kann sich in dieser Saison wiederholen?

„Das ist das Schöne am Football. An jedem Sonntag kann so etwas passieren. Die Liga ist so stark, dass es nie langweilig wird. Es gibt jedes Jahr eine Mannschaft, die einen Favoriten rausschmeißen kann. Und so soll es ja auch sein. Das macht den Sport interessant.“

Also gibt es keinen Favoriten?

Doch. Für mich persönlich ist immer der amtierende Meister der Favorit. Die Patriots sind es allein aus der Historie heraus, auch wenn die Experten jedes Jahr sagen, dass ihre Ära vorbei ist. Aber auch die anderen großen Vereine wie die LA Rams oder Jacksonville Jaguars werden dabei sein.


Mit den Patriots zweimal den Super Bowl gewonnen

Sebastian Vollmer wird am 10. Juli 1984 in Kaarst in Nordrhein-Westfalen geboren. Als Jugendlicher war er auch ein guter Schwimmer und beim Neusser Schwimmverein in einer Trainingsgruppe mit Thomas Rupprath. Bis 2003 spielte Vollmer fünf Jahre als Left Tackle bei den Düsseldorf Panther und erhielt 2004 ein Football-Stipendium an der University of Houston. Nach einer Rückenverletzung 2006 absolvierte er in der Saison 2007/08 25 Spiele für die Houston Cougars. 2009 wurde der 2,03 Meter große Offensive Tackel von den New England Patriots beim NFL Draft in der zweiten Runde als 58. Spieler ausgewählt. Bis 2016 spielte Vollmer an der Seite von Quarterback-Superstar Tom Brady und gewann mit den Patriots 2014 und 2016 den Super Bowl. Seit September 2017 ist er TV-Experte. csc

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