Die Fußball-Kolumne Oft erzählt und trotzdem falsch: Die Macken der Fußball-Mythen

Von Udo Muras

Meine Nachrichten

Um das Thema Sport Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Keine "sieben, acht" Minuten, sondern exakt 1:57 Minuten musste Andreas Brehme 1990 im WM-Finale warten, bis er den Elfmeter zum 1:0 gegen Argentinien verwandeln konnte. Foto: ImagoKeine "sieben, acht" Minuten, sondern exakt 1:57 Minuten musste Andreas Brehme 1990 im WM-Finale warten, bis er den Elfmeter zum 1:0 gegen Argentinien verwandeln konnte. Foto: Imago

Frankfurt . Unser Kolumnist fordert die Einrichtung einer Bundesbehörde für Fußball-Wahrheiten. Zu hartnäckig halten sich in Legenden, Mythen und Statistiken Fehler, die schon lange als solche entlarvt sind – aber dennoch immer wieder aufs Neue verbreitet werden. Ein paar Beispiele hat er parat.

Vor dem DFB, zwar auch immer mal im Kreuzfeuer der Kritik, haben maßgebliche Vertreter unserer Gesellschaft noch die gebührende Achtung. Das wissen wir spätestens seit Sonntag. Da saß unser Bundes-Jogi zum 167. Mal bei einem Länderspiel auf der Bank und konnte sich vor Gratulanten nicht retten. Soll er doch angeblich zum großen Sepp Herberger aufgeschlossen sein. Also rein statistisch, nach Länderspielen.

Löw hatte Herberger schon lange eingeholt

Nun haben zwar diverse Medien, auch unsere Zeitung, darauf hingewiesen, dass das nicht stimmen kann, weil sich seit Jahrzehnten ein offensichtlicher Denkfehler in den Chroniken hält. Vereinfacht gesagt: Man hat einfach zu früh mit dem Zählen angefangen, Herberger machte noch vor seiner Beförderung zum Reichstrainer im Herbst 1936 die Aushilfe für Otto Nerz.

Sogar der "Kicker" rückte von der DFB-Version ab

Danach waren sie ein Jahr irgendwie beide am Werk, es war ein Wirrwarr. Ein Zauberer, der da die richtige Zahl ermitteln könnte. Aber kein Depp, wer merkt, dass es, so wie es ist, eben falsch ist. Weil aber der DFB sich nicht treiben lässt, auch nicht davon, dass sogar der „Kicker“ nun von der offiziellen Version abrückt, trauten sich die führenden Nachrichtenagenturen nicht, die Zahl zu ändern, und verkündeten ungerührt: „Löw vor Rekord“. So kam es dann über den Bildschirm.

Gerade in Zeiten von dumpfem „Lügenpresse“- und „Fake News“- Geschrei – muss man da nicht seiner Verantwortung als Journalist gerecht werden und umso mehr prüfen, was man in den Orbit jagt? Allein die Erfahrung auf meinem Spezialgebiet zeigt, dass sich Prüfungen nach dem Wahrheitsgehalt von Mythen, Legenden und Fakten oft lohnen und nie ausbleiben dürfen, nur weil es bequem ist, sich hinter einer Institution oder Koryphäe zu verstecken.

Andy Brehme und die gefühlten sieben, acht Minuten

Auch nicht hinter Augenzeugen. Wenn Andy Brehme also noch so oft behauptet, er habe im WM-Finale 1990 „sieben, acht Minuten“ auf den Ball warten müssen, dürfen wir es ihm nicht durchgehen lassen. Er mag es so empfunden haben im spannendsten Moment seines Lebens, aber die Stoppuhr sagt: 1:57 – jawohl! 


1974 beim Bankett für die Weltmeister erklärte Gerd Müller (rechts, mit Paul Breitner) zwar seinen Rücktritt, aber der Bundestrainer wusste schon Bescheid - und mit dem Ausschluss der Spielerfrauen von der Siegesfeier hatte damit nichts zu tun. Foto: Imago/Werek


Trinkgelage vor dem höchsten Länderspielsieg - ein Märchen

Und was ist mit unserem höchsten Länderspielsieg? Im Vorjahr kochte ein Sport- Blatt wieder mal die Geschichte von Olympia 1912 hoch. In Stockholm hätten Deutsche und Russen schon am Abend vor dem Spiel gemeinsam kräftig gefeiert, die Russen wohl etwas kräftiger – und so sei es zum 16:0 gekommen. Das steht so in jedem Buch, das die Länderspielgeschichte beleuchtet. Jetzt erst recht. Man kann ja keinen mehr fragen, geschweige denn verletzen. 1955 aber erzählte Torwart „Adsch“ Werner dem „Sport Magazin“, die Feier sei auf dem Bankett nach dem Spiel gestiegen. Okay, das war im Jahre 40 vor Internet. Welcher recherchierende Journalist soll das heute rausfinden? In Bibliotheken oder Archive geht ja keiner mehr. 

Gerd Müllers Rücktritt hatte nichts mit dem Bankett zu tun

Es hält sich noch so viel Mist, weil es ja keine Behörde für Fußballwahrheiten gibt, deren Gründung ich hiermit anrege. Gerd Müller sei 1974 zurückgetreten, weil die Frauen der Weltmeister nicht mit aufs Bankett durften!? Das stimmt zwar, aber schon drei Tage vorher hatte er Bundestrainer Helmut Schön seinen Rücktritt angekündigt. Aber die andere Geschichte klingt halt besser.

Kein Hammelsprung bei der Bundesliga-Gründung

Die Bundesligagründung 1962 sei auf dem DFB-Bundestag zu Dortmund „per Hammelsprung“ beschlossen worden. Quatsch! Wozu auch? Sie hatten doch schöne farbige Stimmkarten, auf Fotos zu sehen, und im Protokoll steht’s auch.

Woher kamen die weißen Magdeburger Bademäntel?

Und die Bademäntel, die Magdeburgs Europacup-Helden nach dem Spiel trugen, stammten eben nicht aus der sächsischen DDR-Textil-Hochburg Limburg-Oberfrohna, sondern waren spontane Leihgaben von Feyenoord Rotterdam.


Ehrenrunde in weißen Bademäntel – aber die hatten die Magdeburger (hier Jürgen Sparwasser und Manfred Zapf) nicht mit zum Europapokalfinale nach Rotterdam gebracht, sondern nach dem Sieg gegen den AC Mailand von Gastgeber Feyenoord geliehen bekommen. Foto: Imago/Sven Simon


Der Fehler um die erste Rote Karte der Bundesliga

Oder: Lothar Kobluhn war nicht der erste Rotsünder der Bundesliga, Wikipedia und anderen Standardwerken zum Trotz, sondern der Frankfurter Friedel Lutz, 1971. Ausgerechnet im wegen seiner Aktualität gepriesenen Netz der Netze halten sich solche Falschmeldungen, weil viele nur dort nachschauen und sich die Fehler vervielfachen, weil doch die Story zu schön ist, um sie kaputt zu recherchieren.

Aber die beste Geschichte ist immer die, die stimmt.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN