„Haben nur Vernunft als Argument" Löw und Lahm als EM-Stimmenfänger

Von dpa

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Sollen gemeinsam die UEFA-Funktionäre von Deutschland als Austragungsland für die EM 2024 überzeugen: Joachim Löw und Philipp Lahm. Foto: imago/Jan HuebnerSollen gemeinsam die UEFA-Funktionäre von Deutschland als Austragungsland für die EM 2024 überzeugen: Joachim Löw und Philipp Lahm. Foto: imago/Jan Huebner

München. Fußball-Deutschland muss nicht nur das WM-Desaster verarbeiten. Mit der EM-Vergabe für 2024 steht ein ganz wichtiges Projekt kurz vor der Entscheidung. Bundestrainer Löw und Ehrenspielführer Lahm haben eine besondere Rolle. Doch der Zweikampf mit der Türkei hat seine Tücken.

Joachim Löw und Philipp Lahm waren in diesem tristen WM-Sommer nicht immer einer Meinung. Nach Lahms forschem Hinweis für den Bundestrainer zum Thema Führungsstil für junge Nationalspieler sollen Löw und sein Weltmeister-Kapitän von 2014 nun aber gemeinsam eine zweite Mega-Pleite für den deutschen Fußball nach dem historischen WM-K.o. verhindern. Wenn das Exekutivkomitee der UEFA schon in drei Wochen den Gastgeber für die EM 2024 bestimmt, ruhen auf dem prominenten Duo viele Hoffnungen des Deutschen Fußball-Bundes im engen Zweikampf mit der Türkei, der noch lange nicht gewonnen ist. 

Kein Platz für Streitereien

Löw und Lahm werden bei der wichtigen Präsentation am 27. September in Nyon am Genfer See auf dem Podium sitzen, um die wahlberechtigten 17 UEFA-Funktionäre mit ihrer Fußball-Strahlkraft zu überzeugen. Die zwischenmenschlichen Verstimmungen über die „Art und Weise" von Lahms verbalem Querschuss dürfen dann keine Rolle mehr spielen. 


Der DFB hat alles getan, dass die Bewerbung erfolgreich sein wird. Wie die Chancen stehen, kann ich nicht beurteilen, aber wir würden uns freuen. Wir haben bei der WM 2006 erlebt, was das auslöst. Es wäre für den deutschen Fußball wichtig.Joachim Löw


Bei einem Gala-Dinner mit EM-Siegern von 1972, 1980 und 1996 in der Münchner Allianz Arena am Vorabend des Frankreich-Spiels machte Ehrenspielführer Lahm schon mal deutlich, dass es für den deutschen Fußball in diesem Monat eine noch wichtigere Angelegenheit als den Neustart der entthronten Weltmeister gibt. Löw könnte das aus persönlichen Gründen anders sehen, doch in der Sache hat Lahm recht.

Heim-WM 2006 als Vorbild

„Ich erinnere mich an 2006, was es für das Land bedeutet hat und für jeden Einzelnen bedeutet hat, so ein Turnier vor der Haustür zu haben. Wir können zeigen wie offen und gastfreundlich wir sind. Wir haben gute Voraussetzungen", sagte Lahm.

Schnell hat der 34-Jährige das notwendige Wahlkampf-Vokabular verinnerlicht. Bekommt der DFB den Zuschlag, erstmals seit 1988 wieder eine EM ausrichten zu dürfen, folgt für Lahm der Karrieresprung vom Wahl-Botschafter zum Turnier-Organisationschef, also dem Posten, den bei der WM 2006 Franz Beckenbauer bekleidete. 



Die Erinnerung an das Sommermärchen ist für die DFB-Kandidatur Segen und Fluch zugleich. Die immer noch nicht aufgeklärte WM-Affäre belastet die neue Bewerbung. „Wir dürfen auch nicht den Hauch eines faden Beigeschmacks aufkommen lassen", gestand DFB-Präsident Reinhard Grindel. Die strikte Auslegung aller Compliance-Regeln wird in UEFA-Kreisen zur Kenntnis genommen, aber auch ein wenig belächelt.

„Ihr Deutschen seid so streng mit Euch", amüsierte sich ein Vertrauter von UEFA-Chef Aleksander Ceferin jüngst bei einem Barbecue vor der Champions-League-Auslosung in Monaco, als er erfuhr, dass ein hoher DFB-Mitarbeiter ihn vor dem privaten Slowenien-Urlaub nicht für eine mögliche Mountain-Bike-Tour kontaktiert hatte. Die Türken gehen auf dem Wahlkampfparkett offenbar forscher ans Werk.

"Deutschland ist die verlässlichere Option"

Der deutsche Devotismus treibt dabei manchmal seltsame Blüten. DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius hob beim Münchner EM-Dinner fast schon zu einer Eloge auf die türkischen Vorteile an. „Eine Wahl der Türkei wäre eine mutige Entscheidung der UEFA", sagte er. Man würde das Tor Richtung Osten und zur muslimischen Welt öffnen. Zur Beruhigung von Grindel und Lahm bekam der Funktionär aber noch verbal die Kurve und beteuerte: „Deutschland ist die verlässlichere Option."

Sicherheit, Stabilität und Integrität sind die deutschen Wahlkampf-Themen. Ob diese auch bei Wahlmännern wie dem Ungarn Sandor Csanyi oder dem ehemaligen polnischen Starspieler Zbigniew Boniek durchschlagen, darf bezweifelt werden. Beide fielen bei vergangenen UEFA-Kongressen schon mit demokratiefernen Redebeiträgen auf.

Aber: „Wir haben nur Vernunft als Argument", sagte Grindel auch in Abgrenzung zur aggressiveren Wahlkampf-Strategie der Türken. Nicht zuletzt deshalb reagierte der DFB-Boss im Mai wohl auch sofort so gereizt auf die Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit Recep Tayyip Erdogan. Die umstrittene Politik des türkischen Präsidenten soll doch verdeutlichen, dass Deutschland der moralisch bessere EM-Kandidat ist. Womöglich hätte es ohne die Konkurrenzsituation um die EM 2024 mit der Türkei auch das ganze Özil-Drama nicht gegeben.



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