Nach Wirbel um Nike-Kampagne mit Kaepernick Ex-NFL-Profi Werner zur Rassismus-Debatte: Gut, dass man Trump die Stirn bietet

Meine Nachrichten

Um das Thema Sport Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Der gebürtige Berliner Björn Werner hat zwei Jahre lang selbst in der NFL gespielt und war der erste Deutsche, der von einem NFL-Team in der ersten Draft-Runde ausgewählt wurde.Foto: dpa/Chris BerginDer gebürtige Berliner Björn Werner hat zwei Jahre lang selbst in der NFL gespielt und war der erste Deutsche, der von einem NFL-Team in der ersten Draft-Runde ausgewählt wurde.Foto: dpa/Chris Bergin

Hamburg. Der ehemalige Defensive End der Indianapolis Colts, Björn Werner, spricht im großen Saisonstart-Interview unter anderem über die aktuelle Rassismus-Debatte in der NFL, die der Quarterback Colin Kaepernick ausgelöst hat.

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag startet die NFL-Saison in den USA mit der Partie des Titelverteidigers Philadelphia Eagles gegen die Atlanta Falcons. Die "härteste" Liga der Welt hat mittlerweile auch viele Fans in Deutschland. Seit ein paar Jahren hat der TV-Sender ProSieben die Fernsehrechte in Deutschland und überträgt die Spiele aus den USA live. Auch das Auftaktspiel wird von dem Münchner Sender live gezeigt (in der Nacht auf Freitag ab 2.05 Uhr), zum Expertenteam gehört unter anderem Björn Werner. Der 28-jährige gebürtige Berliner hat zwei Jahre lang selbst in der NFL gespielt und war der erste Deutsche, der von einem NFL-Team in der ersten Draft-Runde ausgewählt wurde.

So sehen Sie die NFL 2018 live im TV und Live-Stream

Im Interview erklärt der ehemalige Defensive End der Indianapolis Colts, warum American Football so eine faszinierende, aber auch harte Sportart ist, die in Deutschland immer mehr Anhänger findet. Außerdem spricht er über die aktuelle Rassismus-Debatte in der NFL, die der Quarterback Colin Kaepernick ausgelöst hat. 

TV-Experte Björn Werner (r) hofft in der kommenden NFL-Saison auf einen Super Bowl-Erfolg der Minnesota Vikings. Foto: ProSieben/Morris Mac Matzen

Wie würden Sie einem Laien die Faszination American Football erklären? 

Björn Werner: Die NFL ist mit nichts zu vergleichen. American Football ist ein sehr komplexes Spiel. Es hat viele Regeln und ist etwas komplett anderes als zum Beispiel Fußball. Der American Football ist sehr athletisch. Es gibt Zwei-Meter-Hünen mit 150 Kilogramm auf den Rippen und pfeilschnelle Runningbacks, die auch in der Leichtathletik mitmachen könnten. Dieser Sport ist für jeden Körpertyp. In jedem Spielzug müssen die Spieler mit voller Power spielen. Die Athletik bei den NFL-Spielern ist unglaublich. Außerdem ist die NFL einzigartig. American Football wird nur in den USA professionell gespielt. Es gibt keinen Auf- und Abstieg und nach der NFL gibt es nur noch College-Football.

Für viele deutsche Sportfans gibt es beim American Football zu viele Unterbrechungen und Langeweile im Gegensatz zum Fußball, wo es während des Spiels nur eine Halbzeitpause gibt. Was halten Sie dem entgegen?

American Football ist kein Ausdauersport. In der NHL geht alles über Schnellkraft. Du musst als Spieler für wenige Sekunden alles geben und musst dann so schnell wie möglich in 30 Sekunden regenerieren und das über eine Brutto-Spielzeit von bis zu drei Stunden. Das ist eine ganz andere Belastung als beim Fußball. Die Beanspruchung der Muskulatur ist eine ganz andere. Die Verletzungsgefahr ist im American Football wesentlich höher als im Fußball. 

Die Grundregel beim American Football:




Im Gegensatz zur Fußball-Bundesliga dauert die Saison in der NFL nur von September bis Anfang Februar. Ein Team, das nicht in die Playoffs einzieht, spielt "nur" 16 Mal. Als internationale Spitzenmannschaft im Fußball kommt eine Mannschaft in der Saison auf zirka 50 Spiele. Warum ist die NFL aus Ihrer Sicht trotzdem die anstrengendere Liga?

Man kann die beiden Sportarten so im Detail nicht vergleichen. Wenn man im American Football einen sogenannten "Impact" hat (Zusammenstoß mit Gegenspieler, Anm. d. Redaktion) dann ist das so, als ob man einen Frontalunfall mit einem Auto hat. Der gesamte Körper hat eine viele höhere Belastung als beim Fußball. Du hast beim American Football eigentlich auch keine Zeit, verletzt zu sein, weil die Zeit einfach viel zu kurz zum Regenerieren ist. Wenn ein Fußballer sechs Wochen ausfällt, kann er trotzdem noch mehr als die Hälfte der Spiele machen. 

Sechs Wochen in der NFL zu fehlen, ist fatal. Die Mentalität, was Verletzungen angeht, ist in Amerika eine völlig andere. Zudem ist Football viel trainingsintensiver. Man hat sehr viele Videostudien und Meetings, wo die einzelnen Mannschaftsteile Spielzüge oder Abwehrsituationen erarbeiten oder analysieren. Unser Trainingstag dauert von morgens 8 Uhr bis abends um 18 Uhr, anders als beim Fußball, wo eine Trainingseinheit pro Tag Normalität ist und ein kurzes Videostudium kurz vor dem Spiel.

"Im Gegensatz zur NBA und NHL verdient ein NFL-Profi zu wenig"

In der Fußball-Bundesliga wird derzeit heftig über den Video-Assistenten gestritten und diskutiert. In den USA und vor allem im American Football ist der Video-Beweis schon seit Jahren etabliert und läuft einwandfrei. Was kann die Bundesliga vom American Football in dieser Hinsicht lernen?

Ich glaube, ein Grund warum es beim American Football einfach besser klappt, ist, dass man einfach zwischen den einzelnen Spielzügen genug Zeit hat, den Videobeweis zu bemühen. Im Fußball gibt es nur die Halbzeitpause und ich kann schon verstehen, dass sich Fans aufregen, wenn der Spielfluss immer wieder unterbrochen wird. Ich finde beim Fußball gehören die Fehlentscheidungen einfach dazu. In der NFL gibt es so viele Time-Outs, dass es einfacher ist, strittige Situationen aufzulösen, ohne den Spielfluss zu stören. 

Mega-Vertrag: Packers Quarterpack Aaron Rodgers ist der bestverdienenste NFL-Profi. Er kassiert in den kommenden vier Jahren satte 134 Millionen Dollar. Foto: imago/ZUMA Press

Im Fußball wird in Europa immer wieder über die hohen Gehälter der Topstars wie Ronaldo und Messi diskutiert. In den USA sind Mega-Gehälter an der Tagesordnung. Gerade erst hat Superstar und Quarterback der Green Bay Packers, Aaron Rodgers, einen neuen Vertrag unterschrieben. Er verdient jetzt in den nächsten vier Jahren 134 Millionen Dollar. Wie sehen Sie die Entwicklung in der NFL und gibt es in den USA auch eine Neiddebatte, wenn es ums Geld geht?

In der NFL gibt es solche Mega-Verträge, wie ihn Rodgers unterschrieben hat, nur selten. Ein NFL-Team hat einen Kader von 53 Spielern und nur eine Handvoll bekommen Millionen Verträge. Im Gegensatz zur NBA (Basketball) oder NHL (Eishockey) verdient ein normaler NFL-Profi zu wenig, obwohl die NFL die reichste und profitabelste Liga der Welt ist. In der NBA hat die Spielergewerkschaft die Macht, in der NFL entscheiden die Clubbesitzer, wie der Hase läuft.

Sie leben, seitdem Sie 16 Jahre alt sind, in den USA und sind dort auf das College gegangen, bevor Sie in die NFL kamen. Gebürtig stammen Sie aus Berlin. Wie kommt man als Berliner Junge zum American Football?

Ich habe auf dem Schulhof mit Flag-Football angefangen und das hat mir gut gefallen. Zudem hatte ich gerade mit dem Fußballspielen aufgehört. Ein Freund hat mich dann zum Football mitgenommen und der Rest ist Geschichte.

Die Fans sind sehr nahe dran am Geschehen. Die Moderatoren und Experten sind wirklich sehr locker im Umgang und einfach gut drauf und nehmen sich nicht so wichtig.

American Football boomt in Deutschland. Wie erklären Sie sich die guten TV-Quoten und das große Zuschauerinteresse?

Der Auslöser waren sicherlich wir (lacht). Das heißt Sebastian Vollmer, Markus Kuhn und ich. Wir haben als Deutsche in der NFL gespielt und waren auch relativ erfolgreich. Teilweise hatten wir sechs deutsche Spieler in der NFL, das gab es vorher noch nie. Sebastian Vollmer hat dann zwei Mal mit Tom Brady und den New England Patriots den Super Bowl (2014, 2016) gewonnen und ich wurde als erster deutscher Spieler in der ersten Runde gedraftet. Die deutschen Medien wurden auf American Football aufmerksam. 

Und dann hatte ProSieben die geniale Idee, sich die TV-Rechte an der NFL zu sichern. Mit Moderator Frank Buschmann haben sie jemanden verpflichtet, der im positiven Sinne total verrückt ist und total Lust auf das Projekt hatte. Es war ein Risiko von ProSieben, aber es hat sich gelohnt. Das Format ist wirklich super, weil vor allem auch die Fans über die diversen Social-Media-Kanäle mit in die Shows eingebunden werden. Die Fans sind sehr nahe dran am Geschehen. Die Moderatoren und Experten sind wirklich sehr locker im Umgang und einfach gut drauf und nehmen sich nicht so wichtig.

"Die NFL müsste Deutschland mit einem Spiel belohnen"

Bei dem Saison-Auftakt-Meeting am vergangenen Freitag in Hamburg war der NFL-Vize-Präsident für internationale Entwicklung, Akash Jain, vor Ort und freute sich über die gute Zuschauer-Entwicklung und den wichtigen deutschen Markt. Er sprach von der großen deutschen Fan-Base. Eine NFL-Partie in Deutschland wollte er aber nicht versprechen.

Eine NFL-Partie in Deutschland ist der Traum eines jeden deutschen Football-Fans. Die NFL ist ja mittlerweile einmal im Jahr in London. Ich war letztes Jahr im Wembley-Stadion dabei und es fühlte sich an, als wäre die Hälfte der Fans aus Deutschland. Die NFL müsste Deutschland in den nächsten Jahren eigentlich mit einem Spiel in einer deutschen Stadt belohnen.  

Der Tweet zur Nike-Kampagne von Colin Kaepernick:

Am Dienstag hat Nike seine neue Werbekampagne veröffentlicht. Der Sportartikel-Hersteller arbeitet mit dem umstrittenen Ex-NFL-Quarterback Colin Kaepernick zusammen, der vor zwei Jahren eine Protestwelle in der NFL startete, um auf Polizeibrutalität und Rassen-Ungleichheiten in den USA aufmerksam zu machen. US-Präsident Trump kritisierte Kaepernick und Nike in den vergangenen Tagen erneut scharf. Sie leben in den USA, wie verfolgen Sie diese Debatte?

Ich verfolge diese Debatte natürlich in den USA. Für mich ist es auch nicht einfach, denn ich kann als Immigrant auch nicht viel darüber sagen, ich muss da schon vorsichtig sein. Diese Debatte geht über den Sport hinaus. Das Land hat seine eigenen Probleme, wie jedes andere Land auch. Ich befürworte die Kampagne von Nike und finde es gut, dass sie Colin Kaepernick als Werbegesicht genommen haben. Ich finde es gut, dass man dem US-Präsidenten die Stirn bietet und nicht alles hinnimmt. In den sozialen Netzwerken gibt es sehr viele Pro-Kommentare, aber auch genauso viele, die sich gegen Nike und Kaepernick aussprechen und sogar einen Boykott von Nike fordern.  


Die USA sind in der Rassismus-Frage einfach unglaublich gespalten.




Aktuell kämpfen sechs Deutsche um einen Platz bei einem NFL-Team. Wer von Ihnen hat Ihrer Meinung nach die besten Chancen den Sprung in den endgültigen Kader zu schaffen. 

Zwei von den sechs Deutschen haben es schon in den Kader geschafft. Mark Nzeocha überzeugte bei den San Francisco 46ers als Linebacker. Er hat sogar Chancen, am ersten Spieltag am Sonntag gegen die Minnesota Vikings in der Startelf zu stehen. Außerdem hat Equanimeous St. Brown den "Cut" geschafft. Allerdings hat er bei den Green Bay Packers als Wide Receiver große Konkurrenz. Die anderen vier Deutschen profitieren von einer neuen NFL-Regel. Obwohl sie es nicht in den Kader geschafft haben, dürfen sie als ausländische Spieler die ganze Saison mit dem Team trainieren. Das ist natürlich eine super Erfahrung für die Jungs.

In der vergangenen Saison haben die Philadelphia Eagles überraschend den Super Bowl gewonnen und besiegten die favorisierten New England Patriots mit Superstar Tom Brady. Wer ist Ihrer Meinung nach in dieser Saison ein Anwärter auf die "Vince-Lombardi-Trophy"?

Ich glaube an ein Finale zwischen den New England Patriots und den Minnesota Vikings. Auch wenn es langweilig klingt, für mich sind die "Pats" immer der Favorit auf den Super Bowl solange Tom Brady noch spielt. Er hat es mit den Patriots immer wieder gezeigt in den letzten Jahren, dass der Super-Bowl-Sieg nur über New England führt. Mein Herz als Fan schlägt aber für die Vikings, ein Team, das noch nie gewonnen hat und oft knapp dran war.


Björn Werner

Der gebürtige Berliner ist ein ehemaliger deutscher American-Football-Spieler auf der Position des Defensive Ends. Er spielte zuletzt für zwei Jahre in der NFL für die Indianapolis Colts (2013-2015). Seit seinem Rücktritt  2017 arbeitet er als TV-Experte für ProSieben. Des Weiteren versucht er, High-School-Talenten mit seiner Firma Gridiron Imports den Sprung an ein College zu ermöglichen. Er lebt überwiegend in den USA, ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN