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29.08.2018, 13:46 Uhr KOMMENTAR ZUR WM-ANALYSE VON LÖW

Diesem Bundestrainer kann man weiter vertrauen

Kommentar von Harald Pistorius

Bundestrainer Joachim Löw hat die Chance zum Neuanfang verdient, meint unser Kommentator. Foto: Witters/PreissBundestrainer Joachim Löw hat die Chance zum Neuanfang verdient, meint unser Kommentator. Foto: Witters/Preiss 

München/Osnabrück. Nach wochenlangem Schweigen hat sich Joachim Löw bei seiner WM-Analyse sehr selbstkritisch gezeigt. Dieser Bundestrainer hat die Chance zum Neuanfang verdient, meint unser Kommentator

Manchem prinzipiellen Kritiker mag es zu wenig gewesen sein, doch festzuhalten bleibt: So klar hat noch kein Bundestrainer seine Fehler nach einem WM-Debakel eingeräumt – nicht Sepp Herberger 1962, nicht Helmut Schön 1978, nicht Jupp Derwall 1984, nicht Berti Vogts 1994 und 1998.

Sich selbst nachträglich der Arroganz zu bezichtigen, strategische Fehler zuzugeben und für all das die Verantwortung zu übernehmen, und zwar ohne Einschränkung, ohne Rechtfertigung – das wünschte man sich öfter von Funktionsträgern, nicht nur im Sport, sondern auch in Politik, Wirtschaft und Medien.

Ohne Leidenschaft und Hingabe

Seine Erklärung des Misserfolgs bei der WM bestätigt, was viele gespürt und geahnt haben: Es ist Löw nicht gelungen, vier Jahre nach dem Triumph von Rio Begeisterung, Leidenschaft und Hingabe so zu wecken, dass das fußballerische Potenzial abgerufen werden konnte.

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Auch die von Löw angesprochenen taktischen Fehleinschätzungen sind bereits von vielen Experten erkannt worden: Der auf Ballbesitz und Dominanz angelegte Stil konnte angesichts eines Defizits an Tempo und Abschlussstärke nicht zum Erfolg führen.

Kahlschlag wäre purer Aktionismus

Wie erwartet sind die Änderungen, die Löw plant, nicht so gravierend, wie es sich mancher Kritiker gewünscht hat. Sein Kader für die Spiele gegen Frankreich und Peru hat nicht die dringend nötige Prise an Verjüngung, die wahrscheinlich schon in Russland gut getan hätte.

Gleichzeitig wäre es purer Aktionismus, nun mit einem Kahlschlag gegen die älteren Spieler vorzugehen. Die haben überwiegend noch die nötige Klasse und vor allem die Erfahrung, ohne die die Nationalmannschaft nicht auskommen wird. Denn so reich wie vor zehn, 15 Jahren sprudelt die Quelle mit herausragenden Talenten nicht mehr in Deutschland.

Enttäuschung über Özil

Zu diesem Problem der Schwächen, die sich im Nachwuchsbereich im internationalen Vergleich flächendeckend nicht erst seit gestern zeigen, hätte man gern etwas gehört, vor allem von Oliver Bierhoff.

Das Thema Mesut Özil umschiffte Löw nicht und gab zu, dass er den Fall schlicht unterschätzt habe. Seine Enttäuschung, dass sich sein langjähriger Lieblingsschüler ohne persönliches Gespräch mit ihm von der Nationalmannschaft abgewendet hat und seitdem für den Bundestrainer telefonisch nicht erreichbar war, war zu spüren.

Antworten gibt es nur auf dem Rasen

Auch andere Fragen blieben zunächst unbeantwortet. Gern hätte man gewusst, ob Löw es im Nachhinein so kritisch sieht wie viele Journalisten, dass er lange verletzte Spieler weitgehend ohne Wettkampfpraxis bei der WM gestellt hat. Oder ob er sich mit seinem in der Öffentlichkeit gezeichneten Bild von einem abgehobenen, entrückten Bundestrainer beschäftigt hat.

Doch letztlich gibt es die Antworten nur auf dem grünen Rasen. Wenn die Nationalmannschaft am Donnerstag nächster Woche gegen Frankreich zeigt, dass nicht nur der Bundestrainer weiß, was in Russland schief gelaufen ist, sondern es auch die Spieler begriffen haben, hat dieser über 14 Jahre erfolgreiche Bundestrainer es allemal verdient, dass er die Chance bekommt, die nächste Ära einzuleiten.


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