Osnabrücker Handballer im Interview Holger Glandorf: "Ich horche ständig in meinen Körper hinein"

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der Osnabrücker Handballer Holger Glandorf mit der SG Flensburg-Handewitt überraschend die deutsche Meisterschaft und damit den großen Titel, der dem 35-Jährigen in seiner Sammlung noch fehlte. Foto: imago/Zimmermannder Osnabrücker Handballer Holger Glandorf mit der SG Flensburg-Handewitt überraschend die deutsche Meisterschaft und damit den großen Titel, der dem 35-Jährigen in seiner Sammlung noch fehlte. Foto: imago/Zimmermann

Osnabrück. Im Juni gewann der Osnabrücker Handballer Holger Glandorf mit der SG Flensburg-Handewitt überraschend die deutsche Meisterschaft und damit den großen Titel, der dem 35-Jährigen in seiner Sammlung noch fehlte. Glandorf, der nun in die neue Saison startet, äußert sich im Interview mit unserer Redaktion über Titelkandidaten, Motivation und Zukunftsgedanken.

Herr Glandorf, Sie haben die Weltmeisterschaft, alle europäischen Vereinstitel, den DHB-Pokal und zuletzt erstmals den deutschen Meistertitel gewonnen. Wie halten Sie die Motivation vor Ihrer 19. Bundesliga-Saison hoch?

Ganz einfach: Handball war von klein auf mein liebstes Hobby, das mir immer enorm viel Spaß bereitet hat. Handball zu spielen, ist mit das Größte, das mir in meinem Leben widerfahren ist. Den Spaß am Handball habe ich mir über all die Jahre erhalten. Mit Flensburg gerade Meister geworden zu sein, treibt mich noch zusätzlich an.

Verletzungen am Mittelfuß, Innenmeniskus, Knie- und Handgelenk sowie an der Achillessehne: Wie fühlt sich Ihr Körper vor dem 19. Jahr im körperlich schonungslosen Profi-Handball an?

Leider nicht mehr optimal. Doch ich habe ihn in all den Jahren gut genug kennengelernt, um zu wissen, was er braucht. Für mich ist mittlerweile unabdingbar, ständig in meinen Körper hineinzuhorchen. Gerade bei der Vielzahl an Spielen sind die Themen Pflege, Physiotherapie, Ernährung, Schlaf und Regeneration in meinem Handballeralter enorm wichtig. Ich habe erst vor kurzem ein Buch über das Schlafen gelesen.

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Ist diese intensive Auseinandersetzung die notwendige Grundlage, über solch einen langen Zeitraum zu den Topspielern der Bundesliga gehören zu können?

Davon gehe ich aus. Man kann sich immer weiterentwickeln. Das gilt auch für das rein Sportliche. Ich habe im höheren Handballeralter mein Passspiel verbessert. Zudem habe ich gelernt, auf dem Feld mehr mit dem Auge zu machen, was mir mittlerweile richtig zugute kommt.

Sie haben bislang für nur drei Vereine gespielt. Finanziell und sportlich attraktive Angebote wie das vor einem Jahr vom spanischen Topclub FC Barcelona haben Sie ausgeschlagen. Warum?

Meine Frau und ich haben zwei schulpflichtige Kinder. Auch im Hinblick auf mein näher rückendes Karriereende fand ich, dass wir in Flensburg besser aufgehoben sind als in Barcelona. Wir haben die Entscheidung zusammen getroffen. Sportlich hätte mich Barcelona natürlich schon gereizt. Was nichts daran ändert, dass ich voll zu unserer Entscheidung und zur SG stehe.


Großer Jubel: 2007 gewann Holger Glandorf mit der Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Foto: imago


Ihr Vertrag in Flensburg läuft bis 2019. Wie wahrscheinlich ist eine weitere Verlängerung?

Ich habe mich auf diese Saison vorbereitet, als sei es meine letzte. Nun warte ich erst einmal ab, wie ich reinkomme, wie der Saisonverlauf ist und wie ich mich fühle. Im nächsten Sommer bin ich 36 Jahre alt und habe 19 Saisons hinter mir. Bis jetzt läuft alles glatt und ich fühle mich gut. Am Ende könnte natürlich auch eine Rolle spielen, was der Verein möchte.

Ein zweites Comeback in der Nationalmannschaft vor der Heim-WM 2019 schließen Sie aus?

Ja, erst einmal schon. Ich würde mir allerhöchstens Gedanken machen, wenn auf meiner Position alle Leistungsträger ausfallen sollten.

Ihre Ausbildungen zum europäischen Handballmanager und Sportmanager sprechen dafür, dass Sie dem Sport nicht verlorengehen.

Ob meine Zukunft im Handball liegt, weiß ich noch nicht. Grundsätzlich bin ich nach allen Seiten hin offen. Ich würde gerne weiter im Sport arbeiten, aber das muss nicht zwingend so kommen. Wir können uns gut vorzustellen, weiter in Flensburg zu leben. Dazu bin ich in guten Gesprächen mit der SG. Bislang bin ich für neue Ideen offen. Also: Wer eine gute Idee hat…

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Die Experten erwarten in der kommenden Bundesliga-Saison an der Spitze ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem THW Kiel, der zum Angriff bläst, und den Rhein-Neckar Löwen. Wem trauen Sie den Titel zu?

Beide Vereine sind auch für mich die Favoriten. Gerade der THW Kiel, der das Gros der Mannschaft behalten hat und sich zudem qualitativ verstärkt hat. Ein weiterer Vorzug könnte für sie sein, keine zusätzliche Belastung durch die Champions League zu haben.

Seit 2012 spielen Sie in Flensburg und wurden mit dem Verein in der Bundesliga immer mindestens Dritter. Kann die Serie angesichts des personellen Umbruchs halten?

Das ist noch sehr schwer einzuschätzen. Die Füchse Berlin und der SC Magdeburg dürften zu den ersten Verfolgern zählen. Auch auf MT Melsungen bin ich gespannt. Und ein, zwei Überraschungen gibt es im Vorderfeld immer. Wir haben sechs Leistungsträger verloren, andere Konkurrenten sind zusammengeblieben und haben sich teilweise deutlich verstärkt. Die Liga wird noch enger zusammenrücken.


Holger Glandorf bei der Welteisterschaft 2017. Foto: imago


Flensburg hatte 14 Jahre auf die zweite deutsche Meisterschaft gewartet. Lässt sich der Umbruch nun angenehmer angehen?

Absolut. Alle hatten diesen Titel ersehnt. Dass wir überraschend die Rhein-Neckar Löwen im Saisonendspurt noch eingefangen und überholt hatten, machte es umso schöner. Gerade vor dem Umbruch war es ein schöner Abschluss für alle, die jahrelang zusammen gekämpft haben. 

In 485 Bundesliga-Spielen haben Sie 2294 Feldtore erzielt und im Juni Yoon Kyung-Shin als Feld-Rekordtorschütze abgelöst. Was bedeutet Ihnen dieser Rekord? 

Er zeigt, dass ich in meiner Karriere bislang noch nicht so viel falsch gemacht habe. Doch ein solcher Einzelrekord ist für mich nie zu vergleichen mit einem Mannschaftserfolg, der immer wesentlich schöner ist. Aber natürlich: Der Rekord bringt eine zusätzliche Anerkennung mit sich, die mich auch freut.

Was kann den ruhigen und ausgeglichenen Privatmenschen Holger Glandorf zum Kochen bringen?

Ich konnte bereits als Kind schlecht verlieren. Dann habe ich miese Laune – vor allem, wenn ich meiner Mannschaft nicht richtig helfen konnte. Es ist aber schon besser geworden. Wenn man weiß, dass in ein, zwei Tagen bereits das nächste Spiel ansteht, beschäftigt man sich automatisch weniger mit einer Niederlage.

Bis zum Wechsel zur HSG Nordhorn spielten Sie bis 1999 in der Jugend der SG Osnabrück. Pflegen Sie noch viele Kontakte in Ihre Heimatstadt?

Privat auf alle Fälle. Ein Teil meiner Familie lebt ja dort noch. Letztens erst war ich bei der Einschulung meines Neffen. Ich verfolge über die Medien, wie es der HSG Osnabrück ergeht. Auch wenn ich keinen Spieler kenne – dafür aber die Trainer Jörg Elbel und Volker Krems. Auch wenn ich nicht mehr so oft in Osnabrück bin, pflege ich meine Kontakte. Osnabrück bleibt ein Teil meines Lebens.


Holger Glandorf

Holger Glandorf wird am 30. März 1983 in Osnabrück geboren und hat in einer handballbegeisterten Familie bereits früh intensiven Kontakt zu seinem zukünftigen Beruf. Vom Osnabrücker SC wechselt Glandorf, der für einen Rückraumspieler mit einer Größe von 1,95 Metern „nur“ 92 Kilogramm wiegt, 1999 zur HSG Nordhorn. Dort sammelt er in 2002 die ersten drei Bundesliga-Einsätze – der Beginn einer großen Karriere.  

Am 4. Januar 2003 debütiert Glandorf in der deutschen Nationalmannschaft. Der Gewinn der Weltmeisterschaft 2007 in Deutschland bleibt sein größter sportlicher Triumph. Sein erster großer Vereinstitel ist der EHF-Pokalsieg 2008. Nachdem die HSG die Insolvenz anmelden muss, wechselt Glandorf 2009 zum TBV Lemgo, mit dem er 2010 den EHF-Pokal gewinnt.

Nach drei erfolgreichen Jahren in der Hochschulstadt geht er 2011 zur SG Flensburg-Handewitt. 2012 holt er mit den Schleswig-Holsteinern den Europapokal der Pokalsieger, 2014 die Champions League und 2015 den DHB-Pokal. Dramatisch läuft die vergangene Spielzeit, als Flensburg im Schlussspurt die Rhein-Neckar-Löwen noch unerwartet abfängt und mit dem 22:21 gegen Frisch Auf Göppingen am letzten Spieltag knapp den nötigen Sieg zur deutschen Meisterschaft einfährt. 

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