Durchbruch bei den US Open? Becker über Zverev: Einfachste Antwort wäre, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen

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Eurosport-Experte Boris Becker sieht Alexander Zverev im erweiterten Favoritenkreis bei den US Open. Foto: dpa/Peter KneffelEurosport-Experte Boris Becker sieht Alexander Zverev im erweiterten Favoritenkreis bei den US Open. Foto: dpa/Peter Kneffel

Hamburg. Vor 29 Jahren hat Boris Becker die US Open selbst gewonnen. Jetzt ist er als Experte vor Ort und blickt im Interview insbesondere auf die deutschen Teilnehmer.

Alexander Zverevs Bilanz bei Grand-Slam-Turnieren ist ausbaufähig. Bislang hat er es lediglich in Paris einmal ins Viertelfinale geschafft. Die Erwartungen sind groß und so musste sich der 21-Jährige in den vergangenen Wochen immer wieder Fragen nach dem lang ersehnten großen Durchbruch stellen. "Die Fragerei nervt ihn natürlich", sagt Tennislegende Boris Becker im Interview mit unserer Redaktion. Der Eurosport-Experte blickt im Gespräch unter anderem auf die Chancen Zverevs bei den anstehenden US Open sowie die Zukunft des deutschen Tennis.

Redaktion: Herr Becker, was trauen Sie den Deutschen bei den US Open zu?

Boris Becker: Ich traue den Deutschen viel zu. Mit Angelique Kerber und Sascha Zverev haben wir zwei absolute Weltklassespieler. Kerber hat das Turnier vor zwei Jahren schon einmal gewinnen können. Sie sehe ich auch in der Favoritenrolle, zusammen mit der Weltranglistenersten Simona Halep. Aber auch Sloane Stephens und Serena Williams müssen hier genannt werden. Der Favoritenkreis ist bei den Damen sehr eng.

Wen sehen Sie im Herren-Wettbewerb in der Favoriten-Rolle?

Da ist ganz klar Rafael Nadal der Top-Favorit. Mit einigem Abstand kommt dann die Gruppe um Roger Federer, Novak Djokovic, Alexander Zverev und Juan Martin del Potro.

Bleiben wir mal bei Zverev: Er hat in Kanada und Cincinnati nicht sein volles Potenzial ausschöpfen können, präsentierte sich im Anschluss selbst unzufrieden. Letztes Jahr sagte er bereits, er hätte das Lernen satt – wo hat er vielleicht trotzdem noch Optimierungsbedarf, damit es auch bei den Grand Slams klappt?

Man sagt als Spieler relativ viel während eines Jahres. Da darf man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Er hat bislang ein fantastisches Jahr gespielt und sich absolut in der Weltspitze etabliert – das muss man als junger Spieler überhaupt erst einmal hinbekommen.

"Spieler können nicht wie Maschinen funktionieren"

Aber bei den Grand Slams konnte er bislang noch nicht überzeugen.

Das ist richtig, ausgenommen von Paris hat er noch nicht die ganz große Leistung gezeigt. Aber für mich ist das alles nur eine Frage der Zeit und der Erfahrung. Vielleicht klappt es bei den US Open.

Boris Becker im Gespräch mit Deutschlands Nummer eins im Tennis, Alexander Zverev. Foto: imago/Hasenkopf

Ist er zu ungeduldig mit sich selbst? 

Ich glaube nicht, dass er selbst ungeduldig ist, sondern viel mehr wir Medien. Wir erwarten immer, dass die Spieler wie Maschinen auf Knopfdruck funktionieren. Aber so einfach ist das nicht. Da muss man auch Zverevs Alter in den Vordergrund stellen. Mit 21 Jahren ist er mit Abstand der jüngste in den Top 10. Dass er da die Leistung so konsolidiert hat über das Jahr, ist außergewöhnlich. Aber Grand Slams sind immer noch was anderes, die gehen über zwei Wochen. Das ist für einen jungen Kerl doch schwieriger.

Würden Sie sagen, dass da auch zu viel Druck aufgebaut wird?

Zu viel Druck nicht, aber schon viel Druck. Die Erwartungshaltung ist groß, bei den nationalen wie auch internationalen Medien. Die Fragerei nervt ihn natürlich, auf der anderen Seite ist das Teil des Geschäftes – deswegen gibt es so viel Preisgelder und Sponsorengelder, weil man die Medien auch braucht. Das ist ein Geben und Nehmen. Die einfachste Antwort wäre, einfach mal ein Turnier zu gewinnen.

Zverev wird nun von Ihrem ehemaligen Konkurrenten Ivan Lendl trainiert – was halten Sie von Ihm als Trainer und wo kann er Zverev vielleicht noch weiterbringen?

Ivan Lendl war nicht nur einer der besten Tennisspieler der Welt, sondern genießt in den letzten Jahren auch ein hohes Ansehen unter den Trainern. Gerade seine Erfolge mit Andy Murray sprechen Bände. Ich bin sehr froh über die Entscheidung von Sascha. Ich glaube, dass er grade bei den Grand Slams Hilfe benötigt. Ivan mit seiner langjährigen Erfahrung, gerade in New York, ist genau der richtige Mann.

"Ich würde Görges gerne etwas stabiler sehen"

Blicken wir auf die Damen. Für Angelique Kerber lief es in Kanada nicht ganz so gut, in Cincinnati ist sie im Achtelfinale ausgeschieden.

Das Turnier in Kanada war schwierig nach dem Wimbledon-Triumph. Da fällt man erstmal in ein kleines Loch, was die Emotionen angeht. Aber ich glaube, sie wird sich da durchbeißen und in New York in Topform auflaufen.

Wie schaut es bei Julia Görges aus, die ja in Wimbledon auch eine hervorragende Leistung zeigte? 

Ich würde Görges gerne etwas stabiler sehen. Sie hat mit dem Halbfinale in Wimbledon einen Durchbruch geschafft. Eigentlich hat sie auch das Spiel für Hartplatz, deswegen finde ich es schade, dass sie gerade die Leistung von Wimbledon noch nicht gefunden hat. Die Qualität dazu hat sie. Ich hoffe, dass sie sich erholt und hundertprozentig in New York angreifen kann.

Sie sprachen eingangs auch Serena Williams an. Bei ihr läuft es derzeit auch nicht optimal, nach dem Finale in Wimbledon zeigt die Formkurve eher nach unten. Wie schätzen Sie das ein?

Es ist das eine, bei einem Grand Slam die Emotionen so zu bündeln, dass man sein bestes Tennis spielt. Aber wenn es auf die normale Tour geht, da wird dann deutlich, wie schwierig so ein Comeback ist und wie viele gute Spielerinnen es gibt. Die erste Runde ist da erstmal die schwierigste. Das erfährt jetzt auch Serena Williams.

"Das gewohnt gute Eurosport-Team wird in New York wieder aufschlagen"

Wer hat neben Zverev und Kerber aus deutscher Sicht Chancen, "oben" mitzuspielen?

Wir haben Spieler, die immer mal wieder sehr gut spielen. Der erfahrenste ist da Philipp Kohlschreiber. Aber auch ein Jan-Lennard Struff hat die Qualität, auch auf Hartplatz zu gewinnen. Insgesamt spielen die alle gutes Tennis – nur bei den Grand Slams hat es bei allen noch nicht ganz so hingehauen. Wir haben aber insgesamt eine sehr gute Breite.

Was fehlt bei den genannten Spielern, dass es noch nicht für die ganz vorderen Platzierungen reicht?

Es gibt viele Tennisspieler, die das Gleiche wollen. Die Konkurrenz ist groß und gewinnen ist verdammt schwer. Die Genannten können das auch, sie sind in der Weltrangliste auch sehr gut platziert, aber im Grand Slam ist alles noch ein bisschen schwieriger.

Sie sind auch Head of Men’s Tennis des DTB – wie sehen Sie die Zukunft des Tennis in Deutschland? Kann durch Zverev/Kerber ein neuer Boom entstehen?

Die Erfolge machen natürlich einen kleinen Tennis-Boom aus. Man spricht wieder über Tennis, die Leute interessieren sich für den Sport. Viele TV-Sender übertragen die Spiele. Das Interesse ist wieder da, weil die Leistungen stimmen. Das motiviert auch die jungen Spieler, die sich Kerber und Zverev als Vorbilder nehmen. Insgesamt geht die Kurve nach oben.

Gemeinsam mit Matthias Stach arbeitet Becker bei den US Open für Eurosport. Foto: imago/Hasenkopf

Sie sind als Eurosport-Experte bei den US Open vor Ort, wie wird Ihr Tagesablauf aussehen? 

Ich werde über den Tag hinweg Interviews führen, mir verschiedene Matches anschauen und mit der Kamera live dabei sein und mit den Spielern sprechen. Ein Spiel werde ich auch immer live kommentieren mit meinem Partner Matthias Stach. Das gewohnt gute Team wird in New York wieder aufschlagen.


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