Ex-Nationalspieler im Interview Effenberg über Lahm: "Kaum hört er auf, putzt er Löw weg"

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Stefan Effenberg spricht im Interview über Philipp Lahm, 50+1 und eine Möglichkeit, die Bundesliga spannend zu gestalten. Foto: Witters/PetersStefan Effenberg spricht im Interview über Philipp Lahm, 50+1 und eine Möglichkeit, die Bundesliga spannend zu gestalten. Foto: Witters/Peters

Osnabrück. Schon als Spieler galt Stefan Effenberg als Mann klarer Worte. Ab dieser Saison bewertet er als Experte im Sport 1-Doppelpass (Sonntag, 11 Uhr) regelmäßig die Spieltage der Fußball-Bundesliga. Im Interview mit unserer Redaktion spricht er über eine Möglichkeit, die Liga interessanter zu gestalten und erklärt, warum er die Kritik von Philipp Lahm an Joachim Löw als „grenzwertig“ empfindet.

Herr Effenberg, am Freitag startet die Bundesliga-Saison, Sie haben sich schon vorher festgelegt: Die Bayern werden Meister. Sehr risikofreudig ist das nicht.

Nein. Dafür braucht man kein Experte sein. Das ist einfach die Entwicklung.

Ist das nicht furchtbar öde?

Ja. Aber was soll man ändern? Natürlich freut man sich, wenn es so spannende Entscheidungen gibt wie 2000, als wir mit Bayern knapp gegen Leverkusen den Titel geholt haben – oder noch dramatischer 2001 gegen Schalke. Aber das wird es in den nächsten Jahren nicht mehr geben.

Sie sind damals dreimal in Folge Meister geworden.

Und ehrlich, ich hätte nie gedacht, dass diese Marke mal geknackt wird. Und schon gar nicht, dass man es relativ kurze Zeit später ohne Mühe schafft, sechsmal in Folge Meister zu werden. Das spricht für Bayern, aber nicht für den Rest der Liga. Der Graben wird immer größer.

Woran liegt es?

Auch an den finanziellen Möglichkeiten. Wenn man sich anschaut, dass in England schon Durchschnittklubs wie Stoke City oder Fulham Millionen für Spieler auf den Tisch legen, dann sieht die Zukunft für die Bundesliga nicht rosig aus.

2013 haben die Bayern zum letzten Mal die Champions League gewonnen – damals im Finale gegen Borussia Dortmund. Fehlt den Münchnern aktuell dieser nationale Wettkampf, um international um den Titel zu spielen?

Sicher ist das ein Nachteil. Wenn Du in der entscheidenden Phase der Saison nicht mehr gefordert wirst, fehlt dir die Anspannung.

Kann man das ändern?

Vielleicht muss man die Bundesliga anders aufbauen. Die 18 Mannschaften könnte man etwa in zwei Neuner-Gruppen spielen lassen, mit Hin- und Rückspielen. Die ersten vier oder fünf qualifizieren sich für die finale Meisterschaft. So könnte man Spannung erzeugen.


Ab der kommenden Saison bewertet Stefan Effenberg als Experte im Sport1-Doppelpass regelmäßig die Spieltage der Fußball-Bundesliga. Foto: sport1/Andreas Zitt


Woran liegt es, dass die Bundesliga international aktuell nicht konkurrenzfähig ist?

An der Qualität. Sagen Sie mir einen Top-Star, der in die Bundesliga gekommen ist. Ich sehe keinen. Die Tendenz geht eher dahin, dass die Jungen mit Potenzial schon überlegen, die Bundesliga in naher Zukunft zu verlassen. Dafür sind die anderen Ligen zu reizvoll – auch finanziell. Warum geht ein André Schürrle zu Fulham? Weil er da zwei- bis dreimal so viel verdient wie in Dortmund.

Sie haben kürzlich davor gewarnt, dass die Bundesliga nicht zur Ausbildungsliga verkommen darf.

Da sehe ich eine Gefahr, ja. Wir sind in Deutschland sehr stark, was die Ausbildung angeht. Aber genau darauf zielen schon einige Vereine im Ausland ab. Nehmen wir Thilo Kehrer von Schalke. Das ist ein Talent, das sich noch entwickelt. Da stehen die Vereine parat und Paris St. Germain zahlt 37 Millionen Euro. Das ist Wahnsinn. Deshalb dürfen wir die Ausbildung nicht stoppen, um Gottes Willen. Aber wenn die anderen Klubs das Portemonnaie aufmachen, dann gibt es da Schmerzgrenzen. Und das gilt für alle Vereine außer für Bayern München.

Sie plädieren dafür, dass 50+1 fällt.

Absolut. Das musst Du kippen. Wenn man die Entwicklung im deutschen Fußball sieht, frage ich mich: Warum schiebt man da den Riegel vor? Wir müssen die Türen für Inverstoren öffnen. Aber jeder Verein muss selber darüber entscheiden dürfen, ob er da durchgeht oder nicht.

Sie haben gerade die Ausbildung gelobt. Nach dem WM-Debakel in Russland wird auch sie hinterfragt.

Und das ist richtig. Wir müssen die Philosophie-Frage stellen: Was wollen wir den Spielern an die Hand geben? Wie wollen wir sie trainieren lassen? Bei der WM haben wir deutlich gesehen, was uns fehlt: Zweikampfführung, Zweikampfhärte. Ob mit oder gegen den Ball. Das war ein permanentes Begleiten und Zuschauen. So gewinnst Du kein Spiel. Das war vor hundert Jahren so und wird in weiteren hundert Jahren immer noch so sein. Ballbesitz ist ein Teil des Fußballs, aber es kann nicht der überwiegende Teil sein. Das hat man auch an den Spaniern bei der WM gesehen – das war kein schöner Fußball.

Sie haben selbst die Ausbildung zum Fußballlehrer durchlaufen…

…die angeblich beste der Welt. Das sehe ich anders.

Warum?

Es gibt da viel zu viel Theorie. Wenn Du von zehn Monaten 85 Prozent in einem abgeschlossenen Raum sitzt und 15 Prozent auf dem Platz stehst, dann fragt man sich: Ist das hier wirklich eine Ausbildung zum Fußballlehrer? Theorie ist ein Teil, ja. Aber der größte Teil muss die Theorievermittlung auf dem Platz sein. Dadurch lernt man. Wenn ich einem Spieler etwas erkläre, ist das schön und gut, aber ich muss es ihm doch auch auf der grünen Wiese zeigen. Der DFB muss die Ausbildung überdenken – und das wird er hoffentlich.


Stefan Effenberg, Kapitän des FC Bayern München, feiert 2000 die Meisterschaft und den Pokalsieg. Foto: dpa/Weissbrod


Joachim Löw überdenkt aktuell noch, welche Schlüsse er aus dem WM-Debakel ziehen muss. Welche sollten das sein?

Jeder hat ja gesehen, welcher Spieler überzeugt hat und wer nicht. Und wenn es nach dem Leistungsprinzip geht, wird er nicht nur ein oder zwei Spielern eine Pause gönnen, sondern auch mal ein paar mehr nicht berücksichtigen. Sein großer Vorteil ist, er hat Zeit für die Veränderung, weil er nicht jede Woche ein Spiel hat. Das ist im Übrigen der genialste Job, den es gibt.

...wäre das einer für Sie?

Erst einmal kommt Jürgen Klopp. Aber davor wird Joachim Löw einen Umbruch einleiten – behutsam, aber mit klaren Entscheidungen.

St. Pauli-Geschäftsführer Andreas Rettig hat kritisiert, dass wir zu wenig mündige Spieler haben. Ihnen seien zu lange die Unterhosen gebügelt worden. Geben Sie ihm da Recht?

Ich gebe ihm zumindest nicht Unrecht. Wir nehmen den Spielern schon sehr viel ab. Das war früher auch so. Aber durch das Umfeld hat sich das verstärkt. Die Spieler vermarkten sich über soziale Medien mittlerweile selbst, die Berater nehmen einen großen Platz ein. Elternhaus, Berater und Verein sind darauf bedacht, bloß nicht anzuecken und keine Angriffsfläche zu bieten. Da können sie kaum noch in der Persönlichkeit wachsen. Sie werden glatt gebügelt.

Weil sie nur so Erfolg haben können?

Nehmen wir zum Beispiel Philipp Lahm. Ich kann mich kaum daran erinnern, dass er in seiner Zeit als Fußballer etwas Negatives oder Kritisches gesagt hat. Kaum hört er auf, putzt er den Löw weg. Das hätte er nie gemacht, wenn er noch aktiv gewesen wäre. Jetzt, nach der Karriere, zeigt sich der wahre Charakter. Ich persönlich finde das grenzwertig. Wenn man zusammen so erfolgreich war, stellt man jemanden nicht so öffentlich an den Pranger.

Sie sind seit neuestem als Experte im „Doppelpass“ auf Sport 1 zu sehen und absolvieren zudem noch ein Management-Studium. Klingt anstrengend.

Ist es auch. Aber auch unglaublich spannend. Ich habe mich schon immer sehr für das Bankwesen interessiert. Bei diesem Seminar kommen die Führungskräfte des deutschen Bankenwesens zusammen und ich bin als Quereinsteiger ein Teil davon, um mir gewisse Dinge anzueignen, die ich vielleicht einmal nutzen kann. Fußball und Bankwesen, das kann auch in Zukunft funktionieren.

Die Trainerbank ist keine Option mehr?

Ich will das nicht ausschließen. Aber mein Motto lautet: Du darfst nie still bleiben und musst Dich immer weiterbilden – das gilt jetzt auch mit Fünfzig. Ich will mir alle Möglichkeiten offen halten und mich nicht auf eine Sache reduzieren. Aber eines ist sicher: Ich werde immer im Fußball bleiben. Das ist mein Leben.




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