Nach Hoeneß-Aussagen Pro und Contra zum Transfer-Wahnsinn: Sollten Bundesligisten mehr investieren?

Von Alexander Barklage und Kim Patrick von Harling

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Bayern-Präsident Uli Hoeneß spricht sich gegen hohe Ablösesummen aus. Foto: imago/HorstmüllerBayern-Präsident Uli Hoeneß spricht sich gegen hohe Ablösesummen aus. Foto: imago/Horstmüller

München/Hamburg. Bayern-Boss Hoeneß hat die Debatte angestoßen: Sollte die Bundesliga mehr investieren? Die Meinungen gehen auseinander.

Im europäischen Fußball geht der Transfer-Wahnsinn auch in dieser Saison munter weiter. Zwar wurde der 222 Millionen-Wechsel von Neymar zu PSG aus der vergangenen Saison dieses Jahr nicht überboten, dennoch investierten die europäischen Clubs wieder sehr viel Geld. Die Bundesliga-Teams hielten sich, wie schon in den vergangenen Jahren, zurück. Auch, weil sie nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügen. Bayern-Präsident Uli Hoeneß erklärte jüngst in einem Interview, dass der Rekordmeister auch in Zukunft nicht um jeden Preis einen Spieler für 100 Millionen Euro verpflichten will und lieber einen ausgeglichenen Haushalt präsentieren will. Der richtige Weg? Die Sportredaktion ist hin- und hergerissen.

Pro: Schulden? Nicht alles mitmachen!

Sportredakteur Alexander Barklage findet es gut, dass die Bundesliga den Ablöse-Wahnsinn der anderen europäischen Ligen nicht mitmacht. Foto: David Ebener

Seit Samstag kann man den besten Fußballer der Welt in der italienischen Liga bewundern. Cristiano Ronaldo wechselte im Sommer für kolportierte 112 Millionen Euro von Real Madrid zu Juventus Turin. Einige geschätzte Journalisten-Kollegen sprachen von einer verpassten Chance des FC Bayern. Der deutsche Rekordmeister hätte sich in den Ronaldo-Poker einschalten sollen. Wirklich!? Ich finde nein und das sage ich als Bayern-Fan. Ronaldo mag sein Geld vielleicht sogar wert sein, aber auch ich halte die Ablösesummen für völlig überhöht. Und die Gehälter kommen noch obendrauf. Roma-Torwart Allison wechselt für 62,5 Millionen Euro nach Liverpool, ein gewisser Kepa Arrizabalaga für 80 Millionen Euro zu Chelsea – muss das sein? Aufgrund der TV-Verträge in England können die Clubs auf der Insel im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Geld um sich werfen. 5 oder 10 Millionen mehr bezahlen als ein anderer Verein, daran soll es nicht scheitern. Aber auch die europäischen Topclubs wie Real Madrid, Barcelona, Juventus oder Paris St. Germain haben aufgrund der TV-Gelder und des Unterlaufens des Financials Fairplays anderen Spielraum als Bayern München. 

"Ich möchte Champions-League-Sieger werden, ich möchte das Finale erreichen, aber ich möchte das nicht mit Schulden erkaufen. Wenn wir 500 Millionen Euro auf dem Konto hätten, würde ich trotzdem keinen 200-Millionen-Transfer machen", sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß deutlich. Die bayrische Zurückhaltung und das Haushalten mit dem was man hat, finde ich mehr als ehrenwert. "Man kann nur das ausgeben, was man auch in der Tasche hat", hat mich schon mein Vater gelehrt. Aus der Zeit gefallen finde ich diese Herangehensweise nicht. 

Dass die Bayern mit dieser Vereinspolitik die Champions League abschreiben können, sehe ich auch nicht. In den beiden Halbfinal-Spielen gegen den späteren Sieger Real Madrid waren die Bayern nicht schlechter als die Königlichen und mehr als auf Augenhöhe. Natürlich muss der Anspruch in Europa für die Bundesliga zurückgeschraubt werden, europäische Titel sind erstmal nicht mehr zu erwarten. Dafür bekommen in Deutschland die jungen Spieler mehr Einsatzzeit und das hilft in der Zukunft dann auch wieder der Nationalmannschaft. 

Kontra: Schulden? Die Bundesliga sollte mit der Zeit gehen

Sportredakteur Kim Patrick von Harling spricht sich für eine risikofreudigere Bundesliga aus. Foto: David Ebener

Uli Hoeneß möchte die Champions League gewinnen, sie aber nicht "mit Schulden erkaufen". Ein durchaus romantischer Gedanke, den ich so gerne teilen würde. Das Problem: Mit dieser Einstellung hältst du am Ende des Tages nicht eine internationale Trophäe in der Hand. Natürlich wäre die Fußball-Welt eine bessere, würden die Spitzenklubs den finanziellen Rahmen nicht Jahr für Jahr sprengen. Aber sie tun es, das Financial Fairplay der Fifa ist keine Abschreckung für die Seriensieger Real Madrid, FC Barcelona, Manchester City oder Paris Saint-Germain. Schlupflöcher gibt es doch überall, über die "Strafen" lachen die Vereinsbosse bei Kaviar und Champagner. Da sich der deutsche Rekordmeister nicht an den horrenden Transfersummen des Marktes beteiligen möchte, bedient er sich bei der Bundesliga-Konkurrenz mit eher mittelmäßig talentierten Spielern – Leon Goretzka und Serge Gnabry als jüngste Beispiele. Apropos "Konkurrenz": Diese hat Bayern national nicht mehr. Das spiegelt sich selbstverständlich auch im internationalen Wettbewerb wieder. Während England, Italien, Spanien und Frankreich mit Paris Saint Germain ein Wettrüsten veranstalten, hört man aus Deutschland nichts. 

Da wird der Transfer von Axel Witsel, der belgische Nationalspieler, der es sich im vergangenen Jahr noch in der chinesischen Liga gemütlich gemacht hat, zu Borussia Dortmund als der Hammer-Neuzugang des Sommers präsentiert. Ein trauriges Bild gibt die Bundesliga im Transferfenster ab. Sollte sich die Bundesliga nicht weiter der TV-Vermarktung öffnen oder endlich die 50+1-Regel abschaffen, ist der internationale Zug noch weiter abgefahren, als er es ohnehin schon ist. 

Grundsätzlich kann man an den Werten von Herrn Hoeneß, die ja aller Ehren wert sind, festhalten. Dann allerdings sollte Hoeneß selbst die Ansprüche ganz, ganz klein halten für seinen FC Bayern München. Ohne tiefgreifende Investitionen und der daraus resultierenden Verschuldung ist der deutsche Rekordmeister international schlichtweg nicht konkurrenzfähig. Der jährliche Anspruch, die Champions League gewinnen zu wollen, sollte ganz schnell ad Acta gelegt werden. Realistischer sind da Meisterschaft und DFB-Pokal. Und selbst das funktioniert nicht immer. Da unterliegt man im Finale des Pokals auch schon mal einer Mannschaft wie Eintracht Frankfurt. Und da will man Ansprüche auf die Champions League stellen? Herr Hoeneß, das macht so nur wenig Sinn.


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