DFB-Pokal in Drochtersen Hilfe, die Bayern kommen! Ein Dorf im Ausnahmezustand

Von Christian Ströhl und Tobias Bosse

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Im Juni gab die Pokalauslosung bekannt: Der FC Bayern München kommt in die Gemeinde Drochtersen. Seitdem befindet sich das Dorf im Ausnahmezustand. Foto: imago/dpa; Montage NOZIm Juni gab die Pokalauslosung bekannt: Der FC Bayern München kommt in die Gemeinde Drochtersen. Seitdem befindet sich das Dorf im Ausnahmezustand. Foto: imago/dpa; Montage NOZ

Drochtersen. Im Juni zog die SV Drochtersen/Assel das große Los: Der FC Bayern kommt zur ersten Runde des DFB-Pokals ins heimische Kehdinger Stadion. Seitdem befindet sich das Dorf im Ausnahmezustand. Ein Besuch vor Ort.

Pünktlich um 17 Uhr öffnet André Göringer am Montag die Tür zu seiner Gaststätte. Er knipst das Licht an, das kaum in der Lage ist, den dunkel vertäfelten Kneipenraum zu erhellen. Eine Gaststätte wie „André’s kleine Kneipe“ hatte früher jedes Dorf, mit Dartscheiben und Sparschränken an der Wand, mit orangenen Aschenbechern, die auf Servietten neben Topfpflanzen auf Eichentischen stehen, mit den immer wiederkehrenden Stammgästen und einem charismatischen Kneipier. So einer ist auch Göringer. 

„Es ist Ausnahmezustand“

Als er vor 14 Jahren aus Hamburg nach Drochtersen kam, übernahm er die Kneipe und führt heute die letzte Gastwirtschaft im Ort, sagt er. Er ist kein Fußballfanatiker, sponsert aber einige Mannschaften von SV Drochtersen/Assel – oder kurz D/A wie man hier sagt. Bei ihm feiert „die Erste“ ihre Siege und bei ihm besprechen D/A-Fans die Niederlagen des Clubs. Aktuell ist der FC Bayern München Gesprächsthema Nummer eins.

„Es gibt nur noch ein Thema hier: D/A, D/A, D/A“, sagt der Wirt. „Es ist eine einmalige Sache, dass der FC Bayern kommt. Es ist Ausnahmezustand.“ Zum Spiel am Samstag baut er seine Kneipe für ein Public Viewing um. Göringer hat aus der Vergangenheit gelernt. Vor zwei Jahren spielte D/A im Pokal gegen Borussia Mönchengladbach. Unerwartet viele Fans fanden sich auf der Suche nach einem TV-Bild und einem Frischgezapften bei ihm ein. „Als Gladbach kam, saßen hier morgens vier Fohlen-Fans. Am Abend waren es Hunderte.“ D/A verlor das Spiel nur knapp mit 0:1 und Göringer fast seine Frau, sagt er schmunzelnd. Die Partie fand damals am Hochzeitstag der beiden statt, seine Frau hatte VIP-Karten gekauft. Ins Stadion hat Göringer es aber nie geschafft. Es folgte ein Streit mit seiner Frau. Auch dieses Mal wird er das Spiel nicht live sehen. „Es wäre dumm, wenn ich selbst ins Stadion gehen würde.“ Das sieht wohl auch seine Frau so.

„Das ganze Dorf packt mit an“

7500 Zuschauer werden beim Spiel am Samstag im Kehdinger Stadion sein. Dafür sorgen Zusatztribünen, die im Stadion in den vergangenen Wochen aufgebaut wurden und die Kapazität mehr als verdoppeln. „Das ganze Dorf packt mit an“, sagt Platzwart Jan Nagel, der seit 20 Jahren den Rasen des Vereins pflegt.

Locker hätte der Verein das Millerntor in St. Pauli füllen können, sagt Präsident Rigo Gooßen. Doch „wir haben keine Minute gezögert, das Spiel hier im Kehdinger Stadion stattfinden zu lassen. Wenn du so ein Ereignis hast, dann muss das ein Ereignis fürs Dorf, für die Region sein.“ Wenn man sieht, wie sehr sich die Gemeinde allein über das Los gefreut hat, versteht man den Präsidenten umso mehr.

Beim Interview sitzt Gooßen auf seinem Stammplatz auf der Haupttribüne. Erste Reihe, etwas versetzt der Mittellinie. Der Präsident sprüht vor Vorfreude. „Wer uns vor einigen Jahren erzählt hätte, dass wir gegen den FC Bayern ein Pflichtspiel im Kehdinger Stadion machen – das hätte keiner für möglich gehalten.“

Gooßen kommt aus Drochtersen und ist zuhause im Landkreis Stade. Er hat den Verein 1982, fünf Jahre nach dem Zusammenschluss des Turnvereins Germania Drochtersen und der Vereinigten Turnvereine Assel, übernommen. 36 Jahre später feierte er bei der DFB-Pokalauslosung im TV live das Los FC Bayern. 

Gooßen hat sie auch hautnah miterlebt, diese besondere Geschichte im Jahr 1987, an die sich derzeit viele in der Gemeinde erinnern. Die Geschichte, als der FC Bayern ein Spiel in Drochtersen verlor. „5:3 gegen die hochbezahlten Profis“, titelte die Lokalpresse einst. Der FC Bayern wurde damals trainiert von Trainer-Legende Udo Lattek und trat mit Kult-Spielern wie Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Michael Rummenigge sowie Jung-Manager Uli Hoeneß an. Trotzdem verlor die Star-Truppe gegen die unbekannte Kehdinger Auswahl. Dass sich diese Geschichte wiederholt, glaubt Gooßen allerdings nicht.

Gute Verbindung nach oben

Einer, der den Glauben hingegen nie verliert, ist Bernhard Pippirs. Er ist der Pastor der Gemeinde Drochtersen, D/A-Fan und Dauerkarteninhaber. Pippirs ist eng mit dem Verein verbunden. In den 90ern hat er aktuelle D/A-Spieler wie Jaspar Gooßen und Nico Mau getauft und gab Jannes Elfers Religionsunterricht. Während der Heimspiele sorgt Pippirs mit einer Rassel für Stimmung.

Unweit der Hauptstraße, wo dieser Tage eine Baustelle für Verkehrsprobleme sorgt, befindet sich seine Kirche. An dieser hängt ein Banner, das nicht nur für alle Autofahrer, die sich durch den Baustellenstau quälen, gut lesbar ist. „Wir glauben an Wunder. Wir vertrauen auf Gott. Wir sind D/A“, ist dort zu lesen.

Ob sich die Geschichte Klein gegen Groß am Samstag wiederholt, wird Pippirs erst später erfahren. Dieses Mal wird seine Rassel nicht im Stadion zu hören sein. Er traut am Sonnabend zwei Paare. Darauf freut sich Pippirs mindestens genauso.

Bürgermeister lädt zum Grillen ein

In der Gemeinde Drochtersen leben 11.500 Menschen. Sie besteht aus den fünf Orten Assel, Krautsand, Hüll, Dornbusch und Drochtersen. Mike Eckhoff ist ihr Bürgermeister. Der schlanke, braungebrannte Mann sitzt mit blauer Jeans und hellblauem Hemd in einem Strandkorb an einer Bar auf der Elbhalbinsel Krautsand. Er wirkt noch immer etwas ungläubig über das, was da am Samstag in seiner kleinen Gemeinde passieren wird. Dort, wo sonst das Schützenfest oder ein Auftritt von Komiker Ingo Appelt zu den Highlights des Jahres zählen, tritt der deutsche Fußball-Rekordmeister zu einem Pflichtspiel an. „Man kann sich nicht ausmalen, was passiert, wenn Drochtersen gewinnt“, sagt er mit einem breiten Lächeln.

Eckhoffs Blick wandert immer wieder zum Strand. Dort haben Teile der Mannschaft gerade ein Fotoshooting mit der „Bild“-Zeitung, weiß der Bürgermeister. Danach folgt ein Werbetermin mit „Müller-Milch“, ruft ein Spieler ihm schmunzelnd entgegen. Das Medieninteresse vor dem Pokal-Hit ist gewaltig. Die Regionalliga-Spieler, die normalerweise als Maurer oder Autoverkäufer ihr Geld verdienen und vier Mal die Woche abends trainieren, befinden sich aktuell in einer Parallelwelt. Dieses Mal sind sie die gefragten Männer.

Selbst die Mannschaftsbesprechung des Regionalligisten SV Drochtersen/Assel vor dem Training wird von Kamerateams gefilmt. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Dabei fällt auf: Alle im Verein scheinen ihren Spaß daran zu haben. Am Strand klatschen sich Spieler und Bürgermeister ab, im Stadion beantwortet Kapitän Sören Behrmann geduldig die Fragen der Presse. Und während Kabinen-DJ Nico Mau auf dem Trainingsplatz seine Späße treibt, fährt Präsident Gooßen mit einem Auto eines DFB-Pokal-Sponsoren eine Proberunde über den Sportplatz. Viele Ehrenamtler, die sich um die Bauarbeiten im Stadion kümmern, schauen sich den Medienrummel im Kehdinger Rund geduldig an. Jeder genießt die Aufmerksamkeit für die kleine Gemeinde im Landkreis Stade. Aber Starallüren gibt es hier nicht. 

Bescheidenheit und Kollektiv

„Drochtersen ist eine bescheidene Gemeinde“, fasst es Pastor Pippirs treffend zusammen. Eine Bescheidenheit, der sich die Millionentruppe des FC Bayern München am Samstag spätestens in der Kabine anpassen muss. 

Franck Ribéry, Arjen Robben und Robert Lewandowski werden in Drochtersen auf Holzbänken vergangener Tage Platz nehmen. Foto: Tobias Bosse

Kein Hochglanz, kein Whirlpool, keine Massagebank. In Drochtersen gibt es beige-braune Bodenfliesen und rote Backsteinwände, unterbrochen von grünen Heizungen und grünen Türen. Es sieht aus wie in einer Sporthalle der späten 80er-Jahre. Ein Mülleimer, ein Besen und eine Hakenleiste für Trainingsjacken runden das spartanische Bild ab. „Wir versuchen es so zu machen, wie vor jedem anderen Spiel auch“, sagt der neue Trainer Lars Uder. 

„Wir wollen im Kollektiv auftreten, das zeichnet diesen Verein aus, das zeichnet die Mannschaft aus. Jeder kämpft für jeden.“ Lars Uder, Trainer SV Drochtersen/Assel

Das Spiel regt zum Träumen an

Teamwork ist dann auch in „André’s kleiner Kneipe“ angesagt. Er hofft auf einen großen Ansturm beim Public Viewing in seiner Gaststätte. „Wir werden wohl 500 Liter Bier ausschenken am Samstag“, sagt er. Für die „bestimmt 250 Gäste“ hat er personell aufgestockt. Acht Bedienungen unterstützen ihn. Und wenn das nicht reicht? „Dann müssen wir halt schneller arbeiten“, sagt er in seiner sympathisch-pragmatischen Art und zapft den gerade eingetroffenen Stammgästen ein Bier. Danach hält er kurz inne und gewährt einen unerwarteten Einblick in seine Gedanken: Göringer hat die Bayern-Stars beim Sozialen Netzwerk Facebook angeschrieben und ihnen angeboten, in „André’s kleiner Kneipe“ ein Bier zu trinken. Das Spiel David gegen Goliath regt auch ihn zum Träumen an. Wie es wohl wäre, wenn auf einmal Manuel Neuer bei ihm am Tresen sitzt? 



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