"Ich hatte Angst vor allem" Eishockey-Torwart schildert dunkelste Stunden als Profisportler

Von Milan Sako

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Vergangene Saison war Ben Meisner noch im Einsatz für die Augsburger Panther. Jetzt spielt er für den EC Bad Tölz in der DEL2. Foto: imago/KriegerVergangene Saison war Ben Meisner noch im Einsatz für die Augsburger Panther. Jetzt spielt er für den EC Bad Tölz in der DEL2. Foto: imago/Krieger

Augsburg. Auf einer Internet-Plattform schreibt Eishockey-Spieler Ben Meisner über die dunkelsten Stunden in seinem Leben als Profi. Der Ex-Torwart der Augsburger Panther kämpft gegen Depressionen.

Er wollte sich umbringen und stand kurz davor, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Erschreckend genau bis ins kleinste Detail schildert Eishockey-Torwart Ben Meisner seine schwarzen Gedanken und Probleme, die ihn jahrelang beschäftigten. „Ich bin ein Mensch, der lange Zeit mit Depressionen, Angstzuständen und Zwangsstörungen gekämpft hat.“ Und er hielt seine Krankheit geheim. Denn im Profisport allgemein und im Eishockey im Speziellen läuft derjenige schnell Gefahr, aus dem Spiel genommen zu werden, der zu viele Gefühle zeigt. Es könnte als Schwäche ausgelegt werden. 

"Ich bin nur ein hart arbeitender Torwart."

Mit schockierend offenen Worten erzählt Ben Meisner seine Leidensgeschichte. Es ist ein berührendes Bekenntnis. Der ehemalige Torwart der Augsburger Panther war nur wenige Zentimeter vom Tod entfernt. Er hatte über verschiedene Möglichkeiten nachgedacht, seinem Leben ein Ende zu setzen. Im letzten Moment wählt der Kanadier den Weg zurück ins Leben. Den offenen Blick in seine Gefühlswelt gewährt der Kanadier aus Halifax auf der Homepage „The players tribune“. Es handelt sich um eine amerikanische Internet-Plattform, auf der sich Profisportler äußern und ihre Geschichten erzählen können. Unter anderem schreibt FC-Bayern-Profi Arjen Robben einen Brief an sich selbst, an den 16-jährigen Buben Arjen.

Eishockey-Torwart Ben Meisner 2017 im Trikot der Augsburger Panther. Foto: imago/kolbert-press

Ein ernstes Thema wählt der Torwart und schildert seine Hölle auf Erden unter dem Titel: „Ich bin nicht Connor McDavid.“ Gemeint ist: Er ist nicht der Superstar der Edmonton Oilers, der an der Seite des deutschen Wunderkinds Leon Draisaitl die Liga rockt und nebenbei zum zigfachen Millionär wird. „Ich bin nicht berühmt. So komisch das klingen mag, ich denke, das ist einer der Hauptgründe dafür, dass ich dies schreiben wollte … Ich bin kein Superstar … ich bin nur ein hart arbeitender Torwart.“

Der Traum von der NHL

Die NHL ist auch das Traumziel des jungen Torwarts aus Halifax, dem er alles in seinem Leben unterordnet. Als Kind wird er in der Schule gehänselt und zählt nie zu den coolen Jungs in der Klasse. Deshalb fasst er nur schwer Vertrauen zu fremden Menschen. Meisner schildert seinen Alltag in den nordamerikanischen „Minor Leagues“, den unteren Klassen. „Als ich anfing, in der ECHL als Profi zu spielen, hatte ich fortwährend Angst, aus dem Team gestrichen zu werden.“ Er ist weit davon entfernt, Millionenbeträge zu verdienen. Vielleicht waren es 500 Doller brutto pro Woche. Davon bleiben 395 Dollar, schreibt der Goalie. Wohnung, Auto, Krankenversicherung und Lebenshaltungskosten müssen davon beglichen werden. Aber der Profi will sich nicht über die Bezahlung beschweren. Er erzählt, wie er trotz Rückschlägen weiterhin von der NHL träumt. „Aber für einige von uns kann es ein Albtraum werden.“

Die Mechanismen des gnadenlosen Profi-Geschäfts

Ben Meisner, der drei Spielzeiten von 2015 bis 2018 für die Panther fängt, berichtet von seinen Hoffnungen und Ängsten. Er rechnete sich aus, wie viele Torhüter-Positionen es gibt. „Ich wusste, dass es 98 Profi-Teams in Nordamerika gibt … also gab es exakt 196 Jobs für Torhüter.“ Meisner rechnet, trainiert, hofft und kämpft um seine Chance. „Ich war besessen.“ Kurzzeitig sieht es so aus, als könnte der Schlussmann einen weiteren Schritt nach oben machen. Als sich der Stammkeeper Viktor Fasth vom NHL-Klub Anaheim verletzt, löst das eine Kettenreaktion aus. Der Fasth-Ersatzmann aus dem Farmteam rückt in die NHL nach und Meisner wiederum steigt in die American Hockey League (AHL) auf. Er ist nur noch einen Schritt von seinem Lebenstraum entfernt. Doch Fasth gesundet wieder, Meisner muss zurück nach Utah, wo sein Stellvertreter die Tasche wieder packen muss und entlassen wird. Die Mechanismen des gnadenlosen Profi-Geschäfts in Nordamerika beschäftigen Meisner mehr, als ihm lieb ist. Auch ihn packt die Angst, der Nächste zu sein, der auf der Straße steht. Meisner weint oft, kämpft mit Panikattacken. Unter der mentalen Abwärtsspirale leiden auch seine sportlichen Leistungen. 

„Ich hatte Angst vor allem und jedem.“Ben Meisner, Eishockey-Profi

Der Kanadier sucht einen Ausweg und wechselt in der Saison 2014/2015 in die DEL 2 zu Bremerhaven. Von dort nimmt ihn Trainer Mike Stewart im Sommer 2015 zum DEL-Klub Augsburg mit. Über seinen ehemaligen Torwart will sich der Coach nicht näher äußern: „Ich habe gelesen, was Ben Meisner geschrieben hat und wünsche ihm alles Gute. Ansonsten nehmen die Augsburger Panther die Gesundheit ihrer Spieler sehr ernst und haben auch deshalb einen Mentaltrainer engagiert.“ Der Österreicher Ulf Wallisch arbeitet seit drei Jahren in dieser Funktion in Augsburg. Auch Kapitän Steffen Tölzer bittet um Verständnis, dass er die Privatsphäre seines Ex-Kollegen respektiert: „Ich will dazu nichts sagen.“

Nach seinem langen Kampf vertraut sich Ben Meisner zu Beginn dieses Jahres, als er noch in Augsburg spielt, einem Psychologen an. „Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass mir das das Leben gerettet hat.“ Nach der Saison 2017/18, in der die Panther die Play-offs verpassen, wechselt der Kanadier in die zweite Liga zum EC Bad Tölz. Er freut sich auf die Herausforderung: „Ich genieße es richtig, Profi-Eishockey in Deutschland zu spielen, und zum ersten Mal, seitdem ich mich erinnern kann, sehe ich jeden Tag als einen Segen.“ Der 28-Jährige will sich in den Alltag und ins Leben zurückkämpfen, ohne dunkle Gedanken und schwarze Stunden, von denen er genügend erlebt hat.


Hinweis

Bitte holen Sie sich rechtzeitig Hilfe, wenn sie selbst betroffen sind, und kontaktieren Sie die Telefonseelsorge. Dort wird Ihnen kostenlose Hilfe angeboten. Hier geht es zu der Homepage der Telefonseelsorge. Unter der Telefonnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 können Sie dort auch kostenlos anrufen. Auf der Webseite www.u25-berlin.de können sich speziell auch Jugendliche jederzeit anonym beraten lassen. Eine Übersicht über weitere Beratungsstellen gibt es auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.


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