Interview mit dem Medienwissenschaftler Thomas Horky "Vereine werden künftig noch häufiger am längeren Hebel sitzen"

Von Alexander Barklage

Die meisten Bundesliga-Vereine haben bereits ihren eigenen TV-Kanal und bringen so ihre Informationen direkt zum Konsumenten. Foto: imago/ActionPicturesDie meisten Bundesliga-Vereine haben bereits ihren eigenen TV-Kanal und bringen so ihre Informationen direkt zum Konsumenten. Foto: imago/ActionPictures

Hamburg. Medienwissenschaftler Thomas Horky spricht im Interview über die Herausforderungen im Sportjournalismus heutzutage.

Herr Horky, Sie haben das letzte halbe Jahr in den USA verbracht und von dort aus auch die Fußball-WM verfolgt. Wie wurde das Sportevent des Jahres in den USA wahrgenommen? 

Thomas Horky: Das Team war ja in der Qualifikation überraschend gescheitert. Aber die WM war trotzdem in den Medien ein Riesenthema. Der Fernsehsender Fox Sport hatte sich erstmals die TV-Rechte gesichert und das Problem, die US-Amerikaner für die WM zu begeistern, auch wenn ihr eigenes Team nicht dabei ist.

Was hat Fox Sport für Maßnahmen ergriffen, um die Einschaltquoten zu erhöhen?

Horky: Da die USA ein Einwanderland sind, hat Fox versucht eine Kampagne zu machen. Genau diesen Aspekt haben wir dann auch in einem Forschungsprojekt und einem Seminar an der Indiana University aufgenommen. Wir haben in vier Ländern, unter anderem den USA und Deutschland, eine Befragung zur Thematik des "secondary fandom" durchgeführt. Für welches Team sympathisierst du, wenn deine eigene Mannschaft nicht dabei ist? Wechselt das während des Turniers?

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Ihre Studie dazu ist noch nicht ausgewertet, aber können Sie uns schon einen kurzen Einblick geben, was dabei herauskam?

Horky: Es war auf jeden Fall augenscheinlich, dass viele Leute gegen die vermeintlichen Favoriten waren. Dann schon lieber für einen Underdog wie Island jubeln. Die Fußball-Nationalmannschaft Islands schaffte es vor der WM sogar auf das Cover der berühmten Zeitschrift "Sports Illustrated".

Welche Unterschiede sind Ihnen in der TV-Sport-Berichterstattung in den USA aufgefallen, wenn Sie sie mit der deutschen vergleichen?

Horky: Die Spiele in der NFL, NBA oder MLB (Baseball) werden live meistens von zwei Leuten kommentiert. Ein normaler Kommentator und ein Experte (ehemaliger Sportler) als Duo. Im Studio sitzen für die Vor- und Nachberichterstattung oft mindestens vier Fachleute, nicht wie in Deutschland nur zwei. Es kommt mehr zu lebhaften Diskussionen als in Deutschland. Was die technischen Möglichkeiten im Studio zum Beispiel für das Erklären von taktischen Spielzügen angeht, sind uns die Amerikaner auch noch voraus.

Professor Dr. Thomas Horky. Foto: Witters GmbH/dpa

In Deutschland wurde das Vorrunden-Aus des Weltmeisters und die Debatte um Özil und Gündogan ausgiebig und minutiös aufgearbeitet. Wie viel haben Sie davon in den USA mitbekommen?

Horky: Ganz ehrlich gesagt, nicht viel. Die Perspektive der amerikanischen Medien ist sehr stark auf die USA fixiert. In den US-Sportmedien wird dazu in vielen Fällen nur über das rein Sportliche berichtet. Durch die Einmischung von Präsident Donald Trump, der sich immer wieder auch zu heiklen Themen im Sport äußert, ist die Medienlandschaft in den USA mittlerweile zweigeteilt. Auf der einen Seite kritische Medien, wie die New York Times oder CNN, die einen ziemlichen Aufschwung erleben, auf der anderen Seite ein Trump naher Sender wie Fox. Die Sportsendermedien im Fernsehen halten sich aus sportpolitischen Debatten meistens heraus. Eine Diskussion, wie sie es in Deutschland um Özil und Gündogan gab, würde in den USA anders verlaufen.

Eine Diskussion, wie sie es in Deutschland um Özil und Gündogan gab, würde in den USA anders verlaufen.

In Deutschland bauen viele (Bundesliga)-Vereine ihre Medienaufteilungen massiv auf. Das führt dazu, dass sie Interviews mit ihren eigenen Spielern selbst führen. Ist das nicht eine besorgniserregende Entwicklung für den unabhängigen Sport-Journalismus?

Horky: Das ist sicherlich kein gutes Zeichen, aber mit dieser Entwicklung muss man sich abfinden und versuchen, daraus Konsequenzen zu ziehen. In Amerika hat jede Universität ihren eigenen Verbreitungskanal. Die Medienabteilungen der großen Verbände wie NFL oder NBA dominieren die Berichterstattung. Viele Neuigkeiten über den NFL-Champion Philadelphia Eagles werden vor allem über die Eagles-Homepage oder dem entsprechenden TV-Kanal verfolgt.

Wird es dann aber für traditionelle Medien nicht immer schwieriger, die Nachricht als Erster zu haben? Vor allem für Online-Medien geht es immer auch um Schnelligkeit.

Horky: Ich denke, es ist zunehmend nicht mehr so relevant, wer die Nachricht zuerst publiziert. Dieser Wettkampf wird durch das vermehrte Aufkommen der Medienabteilungen der Clubs widerlegt.

Wenn die Clubs bald alles selbst verkünden und der Zugang zu exklusiven Informationen immer schwieriger wird, wo können Journalisten ansetzen, um sich weiter unverzichtbar zu machen? 

Horky: Die Journalisten werden sich umgewöhnen müssen und sich fragen, ob es noch sinnvoll ist, ein weichgespültes Interview eines Bundesliga-Spielers zu veröffentlichen. Vielleicht kann man die Zeit und den Platz sinnvoller nutzen? Die Vereine werden in der Zukunft noch häufiger am längeren Hebel sitzen und es wird schwieriger für unabhängigen Sportjournalismus. Die Frage wird dann sein, was sind die Stärken, was ist der Mehrwert des Journalismus? Der Sportjournalismus muss mit seiner Unabhängigkeit und seiner Glaubwürdigkeit punkten. Vereine wie zum Beispiel Bayern München können nicht objektiv berichten, das wissen auch die Leser oder Seher. Die Journalisten können aber eine fundierte Einordnung, Einschätzung oder Bewertung abgeben und ihre eigene Geschichte erzählen.


Der Sportjournalismus muss mit seiner Unabhängigkeit und seiner Glaubwürdigkeit punkten.


Gibt es aktuell ein Beispiel von guten, unabhängigen Sportjournalismus, der auch Einnahmen generiert?

Horky: Ja, in den USA gibt es beispielsweise die populäre Internetseite "theathletic.com". Alle Artikel und Berichte sind komplett hinter einer Bezahlschranke. "The Athletic" wird in den USA sehr gut angenommen und hat sich einen ausgezeichneten Ruf erworben. Die Amerikaner sind allerdings auch stärker bereit für gut recherchierte Inhalte Geld zu bezahlen, anders als bislang in Deutschland. Es gibt dagegen aber auch eine  monetär erfolgreiche Internet-Plattform wie "The Players‘ Tribune", auf der Sportler persönliche Geschichten erzählen und so ihr mediales Bild direkt selbst beeinflussen. Diese Plattform wird von Gerard Pique, aktiver Spieler des FC Barcelona, mit der US-Baseball-Legende Derek Jeter betrieben. Die Sportler wissen, dass sie hier eine attraktive Plattform bekommen und sicher nicht negativ bzw. kritisch über sie berichtet wird.


Thomas Horky

Professor Dr. Thomas Horky ist Medienwissenschaftler und forscht an der Hochschule Macromedia in Hamburg. Zuletzt war er für ein halbes Jahr Gastprofessor an der Indiana University in Bloomington.

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