Skifahrerin im Interview Viktoria Rebensburg: „Alibimäßig zu trainieren hilft nicht“

Von Axel Rothkehl

Der größte Erfolg: 2010 gewann Viktoria Rebensburg Gold bei den Olympischen Spielen in Vancouver. Foto: dpa/Stephan JansenDer größte Erfolg: 2010 gewann Viktoria Rebensburg Gold bei den Olympischen Spielen in Vancouver. Foto: dpa/Stephan Jansen

Tegernsee. Im Sommer werden die Sieger des Winters gemacht. Deutschlands aktuell beste Skifahrerin Viktoria Rebensburg bolzt derzeit Kondition in der bayerischen Heimat für den Trainingsauftakt im Schnee. Im Interview mit unserer Redaktion berichtet sie über das Glück, in den Bergen zu leben und über ein mögliches Karriereende.

Frau Rebensburg, Sie trainieren viel auf dem Mountainbike. Fahren Sie den Hirschberg am Elternhaus schneller herunter als mit dem Ski?

Noch geht es per Ski schneller. Und ehrlich gesagt, auf dem Rad bin ich schon ein bisserl der Schisser. Die Berge am Tegernsee eignen sich ideal für mein Ausdauertraining. Das funktioniert aber auch mit Jogging oder Berggehen. Es gibt wunderschöne Touren, die teilweise mit dem Rad gar nicht zu schaffen sind.

Ist das Quälerei oder Genuss?

Ach, ich bin so ein Bergmensch. Manchmal lasse ich mein Radl einfach stehen und mache das letzte Stück zu Fuß. Vor ein paar Tagen gab es wieder so einen tollen Moment mit einer neuen Strecke, weil ich hier längst noch nicht alle Wege und Hütten kenne. Vormittags bin ich meist in Garmisch im Olympiazentrum und trainiere mit Skicrossern, Langläufern und Biathleten. Für mich ist mein Beruf jedenfalls ein Geschenk.


Viktoria Rebensburg bereitet sich in der bayerischen Heimat auf die Wintersaison vor. Foto: Axel Rothkehl


Was bedeuten Ihnen die wenigen Monate in der Heimat?

Jetzt kann ich mal ohne Stress zu meinem Onkel und den Kusinen fahren. Früher hat mich meine Großmutter immer mit einem Apfelstrudel empfangen. Heuer habe ich einen für sie gebacken. Ich wollte mal sehen, ob ich ihrem Anspruch gerecht werde. Aber sie hat mich gelobt. Die Heimat habe ich immer genossen. Wie die Zeit am Gymnasium Tegernsee, weil unser Klassenzimmer nah am Ufer lag. Wenn wir als Schüler etwas Zeit hatten, dann konnte man ins Wasser springen. Das war ein großes Privileg.

Ganz Deutschland schwitzt, für Sie geht es jetzt wieder in den Schnee.

Die Speedfahrer aus dem DSV-Kader fliegen zwar in die chilenischen Anden, ich werde aber nicht dabei sein. Wie 2017 findet meine Vorbereitung auf dem Gletscher von Saas-Fee statt. Es ist schon ein Vorteil, wenn man im Sommer mal keinen Jetlag hat. Letztes Jahr habe ich auch dort in der Schweiz trainiert und das hat mich sehr weitergebracht. Norwegens Spitzenfahrer Henrik Kristoffersen war ebenfalls vor Ort. Das war ganz cool, weil wir zusammen trainiert haben.

Sie trainieren auch mal mit Ihrer größten Konkurrentin, Mikaela Shiffrin. Wie kann das gutgehen?

Das war letztes Jahr im Herbst in Sölden am Rennhang. Klar, Sie hat ihre Mutter und ihr Team eng um sich herum, sucht aber auch immer wieder Trainingspartner. Im Weltcup ist das wie im täglichen Arbeitsleben und ganz unabhängig vom Erfolg: Mit den einen gehst Du auf einen Kaffee und hast engeren Kontakt - mit den anderen einfach weniger. Mit Mikaela passt das gut.


Voll konzentriert: Viktoria Rebendsburg hat die WM 2019 in Are fest im Blick. Foto: dpa/Andrea Solero


Nach dem enttäuschenden vierten Platz bei Olympia in Südkorea galt es nicht als sicher, dass Sie Ihre Karriere im nächsten Winter fortsetzen.

Das stand nie zur Debatte, ich habe lediglich in Frage gestellt, ob ich bei Olympia 2022 noch dabei bin.

Schreckt Sie der Austragungsort Peking für Olympia 2022 ab?

In den klassischen Orten wie St. Moritz, Schladming und Garmisch-Partenkirchen macht es mir natürlich am meisten Spaß. Da ist die Begeisterung am größten und das sind für mich die schönsten Rennen. In erster Linie stellt sich für mich die Frage, ob ich 2022 überhaupt noch eine aktive Wintersportlerin bin. Wie lange ich meine Karriere auf Top-Niveau noch fortsetzen kann, wird man im Laufe der nächsten Jahre sehen.

Hat das Karriereende auch mit der Familienplanung zu tun? Es gibt ja auch viele erfolgreiche Sportmütter.

Im alpinen Skisport ist das etwas anderes. Beim Tennis oder im Ausdauersport wie Biathlon und Langlauf klappt das schon mal. Aber unabhängig von der Sportart kann ich mir diese Lösung für mich nicht vorstellen.

Sie haben zwei der großen Sponsoren, dazu kommen Siegprämien. Rechnen Sie auch mal durch, was eine weitere Saison bringt?

Monetäre Aspekte spielten für mich immer eine untergeordnete Rolle. Ich brenne leidenschaftlich für den Skisport und freue mich auf die WM 2019 in Are, weil ich dort 2009 zum ersten Mal bei einem Weltcuprennen ins Ziel gekommen bin. Danach muss ich mich fragen. Geht es mir körperlich gut? Macht es noch Spaß und bin ich erfolgreich?

Die Fußballer erlebten bei der WM eine herbe Enttäuschung. Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Fast alle Sportler machen so Phasen durch und lernen dabei weiter. Auch ich habe das erlebt. Man denkt, es läuft alles. Plötzlich kommt eine Verletzung und viele Trainingstage fallen weg. Ich musste zuletzt mit sechs statt 25 Skitagen in die Saison starten. Dadurch entstehen natürlich Zweifel, ob und wie weit man zu seiner früheren Stärke zurückfindet. Durch diese Rückschläge weiß ich aber, dass ich jeden Trainingstag bestmöglich nutzen und 100 Prozent geben muss. Es hilft nicht, alibimäßig zu trainieren. 


Enttäuscht: Viktoria Rebensburg verpasste bei den Olympischen Spielen 2018 in Südkorea die Medaillenplätze. Foto: dpa/Tobias Hase


Einige Top-Skifahrerinnen präsentieren sich in den sozialen Medien gerne auf dem Roten Teppich. Sie sind deutlich zurückhaltender.

Veranstaltungen mit Rotem Teppich machen mir schon Spaß und ich empfinde die Einladungen als Wertschätzung gegenüber meiner Leistung und Person. Für mich geht es aber um die Balance zwischen Belastung und Regeneration. Meinen Partner und meine Familie stelle ich bewusst nicht zur Schau. Die haben ein Privatleben und das soll so bleiben.

In Kreuth am Tegernsee ist Ihr Vater Wolfgang der Zweite Bürgermeister. Wie kann man in Bayern als Nicht-CSU-Mitglied so erfolgreich sein?

Jedenfalls musste ich keine Plakate oder Flyer verteilen. Mein Vater tritt seit langer Zeit für die ‚Freien Wähler’ an. Er hat mit meinem Bruder für den Erhalt des Skizentrums Sonnenbichl viel Zeit und Kraft investiert. Mit ihm als technischem Leiter stellte der Förderverein viel auf die Beine, den Liftbetrieb inklusive. Und davon profitieren nicht nur die jugendlichen Leistungssportler der Region.


Viktoria Rebensburg

Viktoria Rebensburg wird am 4. Oktober 1989 in Kreuth am Tegernsee geboren und steht bereits im Alter von drei Jahren auf Skiern. Im Dezember 2006 feiert sie ihr Weltcup-Debüt. Zwei Jahre später ist sie bereits Juniorenweltmeisterin im Super-G. Bisheriger Karrierehöhepunkt ist der Olympiasieg 2010 im Riesenslalom. Die Kristallkugel in ihrer Paradedisziplin holt sie 2011, 2012 und 2018. Im Riesenslalom erringt sie auch 14 der 16 Weltcupsiege. Mit einem Fernstudium will die Zollwachtmeisterin 2019 den Bachelor in Sportmanagement erwerben.

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