Ein Ortsbesuch Am "Affenkäfig" – Özils Heimatviertel in Gelsenkirchen und der Abgang

Von dpa

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In Gelsenkirchen lernte Mesut Özil das Fußballspielen. Foto: imago/UlmerIn Gelsenkirchen lernte Mesut Özil das Fußballspielen. Foto: imago/Ulmer

Gelsenkirchen. Mesut Özil wirft dem DFB Rassismus vor und zieht sich zurück. Wie reagiert seine Heimat in Gelsenkirchen?

Zwei leere Einkaufswagen stehen auf einem trockenen Aschenplatz im Gelsenkirchener Stadtteil Bismarck. Schalke ist nicht weit, aber von Fußball ist hier nicht viel zu sehen. Vor einem der Eingänge zum eingezäunten Bolzareal, auch "Affenkäfig" genannt, verlottert ein alter Toilettenspülkasten, Schilder sind mit rostigen Schrauben am Zaun befestigt. Hier spielte der zurückgetretene deutsche Nationalspieler Mesut Özil in seiner Kindheit Fußball. "Mesut war hier letzten Sommer zu Besuch", erinnert sich ein Mann am Rande des "Käfigs". Auf seinem alten Platz habe Özil da aber nicht gekickt: "Zu dem Zeitpunkt war er ja Weltmeister."

In seiner dreiteiligen Rücktrittserklärung aus dem Nationalteam kritisiert der Mittelfeldspieler nicht nur den Deutschen Fußball-Bund (DFB), er verweist auch auf rassistische Anfeindungen. Die Kritik am gemeinsamen Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan stößt bei einem Filialleiter eines türkischen Supermarktes auf Unverständnis: "Özil hat nichts Falsches gemacht. Mesut ist zwar hier aufgewachsen, aber seine Wurzeln sind in der Türkei", sagt Yasin Koymatli, dessen Laden nur unweit von Özils altem Bolzplatz entfernt liegt. Die Weltmeisterschaft in diesem Jahr sei für das deutsche Team nicht gut gelaufen. "Aber die ganze Mannschaft hat schlecht gespielt und nicht nur Özil. Man sucht jetzt einen Sündenbock für das schlechte Turnier." 

In der Einkaufsstraße nahe des Fußballplatzes liegen zahlreiche türkische Geschäfte. Etliche Schrottimmobilien, leerstehende und renovierungsbedürftige Häuser gehören auch zum Bild einer ziemlich trist wirkenden Gegend. Die Mutter von Özil würde noch öfter in seinem Supermarkt einkaufen, sagt Händler Koymatli.  

"Für Mesut ein normales Foto"

Mirko Lange sieht die Debatte etwas anders. "Es ist etwas naiv für mich, sich mit dem türkischen Präsidenten hinzustellen und zu glauben, es hat keinen politischen Hintergrund", sagt er. Lange hat in der Jugend zwei Jahre zusammen mit Özil bei Westfalia 04 Gelsenkirchen gespielt, heute ist er der Vereinsvorsitzende. "Mesut hätte sich vor dem Foto Gedanken machen können. Für Mesut war es vielleicht einfach nur ein normales Foto. Für mich steht da ein naiver Beigeschmack im Vordergrund." Lange könne aber auch verstehen, wenn Özil seine Eltern mit dem Foto stolz machen wollte, wie er selbst sagt.

Die 47 Jahre alte Fatma Duran hält die Debatte für übertrieben. "Das Foto mit Erdogan ist nicht politisch, Özil hat einfach einen Präsidenten getroffen. Es ist doch auch nicht schlimm, wenn andere Fußballer andere Präsidenten treffen oder wenn Merkel Erdogan trifft", sagt die Gelsenkirchenerin. Özil spreche für sehr viele Deutsch-Türken: "Als Deutsch-Türke sitzt man zwischen zwei Stühlen und wird immer wieder gezwungen, sich zwischen den Kulturen zu entscheiden. Dass man sich zu beiden Ländern zugehörig fühlt, wird von der deutschen Gesellschaft nicht akzeptiert."  

Türken nicht integriert?

Sefa Gebes sieht das genauso: "Es gehört meiner Meinung nach zur demokratischen Freiheit dazu, mit jedem ein Foto zu machen, mit wem man will. Özil wurde nur dafür so kritisiert, weil er Türke ist", sagt der 23-Jährige. Er könne das Statement Özils sehr gut nachvollziehen. "Türken werden in Deutschland alle in einen Topf geschmissen. Sie gelten als nicht integriert, wenn sie einmal etwas falsch machen." Als Deutsch-Türke müsse man sich ständig rechtfertigen, sagt Gebes. "Ich bin zwar in Deutschland geboren, aber manchmal habe ich das Gefühl, das reicht einfach nicht, um akzeptiert zu werden."

Nur ein paar Geschäfte neben dem türkischen Supermarkt zeigt der Besitzer einer Imbissbude ein Foto vom jüngsten Gelsenkirchen-Besuch des Mittelfeldspielers vor vier Monaten. Özil sitzt dort an einem großen Tisch, vor ihm steht ein Teller mit einer Dönertasche. Die esse Mesut am liebsten, wenn er hier ist, sagt der Chef. Das Bild mit Özil und Erdogan sei "ein ganz normales Foto". Özil hätte einfach weiter für Deutschland spielen sollen.  


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