Nach Weltmeister-Rücktritt "Man sucht einen Sündenbock" – Türken stärken Özil den Rücken

Von dpa

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Mesut Özil erhält viel Zuspruch aus der Türkei. Foto: imago/Sven SimonMesut Özil erhält viel Zuspruch aus der Türkei. Foto: imago/Sven Simon

Berlin/Gelsenkirchen. Mesut Özil hat sich entschieden, er muss viel Kritik einstecken. Allerdings kaum bei den türkischstämmigen Deutschen.

"Sündenbock", Mann mit Courage oder mit Fehlern? Türken in Berlin und in Mesut Özils Heimatstadt Gelsenkirchen sind sich nicht einig, ob sie dem gescholtenen Ex-Nationalspieler nach seinem Rückzug aus dem Team den Rücken stärken sollen. Während die einen dem Profikicker mutiges Handeln bescheinigen und seine Rassismus-Kritik unterstützen, halten die anderen Özils Vorwürfe für übertrieben und das Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für einen unverzeihlichen Fehler. 

Sport und Politik nicht vermischen

"Es ist eine gute Entscheidung", sagt zum Beispiel der Berliner Imbissbudenbetreiber Hakan Kaymak. "Sport und Politik sollten nicht vermischt werden." Jeder dürfe seine Meinung haben, aber beim Fußball solle diese einfach keine Rolle spielen.

Das sieht auch Ridvan Turkoglu so: "Es war ein Fehler, dass sich unser Präsident Erdogan mit Özil und Gündogan fotografieren ließ. Er hat die Jungs benutzt", sagt der 59-jährige Gast eines Wettbüros. Der Rückzug Özils sei eine richtige Konsequenz aus dem anschließenden Medienrummel. "Was wäre, wenn er weitermachen würde? Das wäre doch noch schlimmer", sagt Turkoglu. Özil habe aber "ein Tor gegen den Rassismus geschossen", der ein großes Problem sei. "Solange er gut gespielt hat, war Özil der Beste. Doch wenn die ganze Mannschaft schlecht spielt, liegt es plötzlich an ihm", kritisiert der gebürtige Türke.

"Wenn Du nicht die Leistung bringst wie ein deutscher Stefan oder Klaus, bist Du raus", kritisiert auch der 36-jährige Taylan Yildirim. "Das miserable Teamgefühl jetzt auf einen Özil zu schieben – das finde ich billig." Er verstehe Özil: "Er hat Courage bewiesen."  

Özil habe ein grundsätzliches Problem angesprochen: "Die ganze Diskussion spiegelt auch den Frust wieder, den wir haben", sagt Yildirim mit Blick auf seine Generation. In der Türkei gehöre man zu den "Deutschsprachigen" und in Berlin sei man Türke. "Wir sind Menschen, die eine Heimat, einen gewissen Halt, eine Identität suchen", beschreibt der junge Mann das Gefühl seiner Generation. Eigentlich habe ihn das Thema Fußball lange nicht interessiert. "Aber die Diskussion um Özil – die berührt mich", sagt er.

"Früher mochte ich Özil nicht so"

Der Blumenhändler Burhan Seckin hat seine Meinung von Özil geändert: Dem Fußballspieler sei es nicht um die Person Erdogan gegangen, sondern darum, dem Präsidenten seiner Eltern Respekt zu erweisen. "Früher mochte ich Özil nicht so. Jetzt finde ich ihn sympathischer, weil er zu seinen Wurzeln steht." In Deutschland höre man es leider viel zu selten, dass jemand stolz auf seine Herkunft ist.

Verständnis findet Özil auch beim Gelsenkirchener Supermarktbetreiber Yasin Koymatli, dessen Laden nur unweit von Özils altem Bolzplatz entfernt liegt. "Özil hat nichts Falsches gemacht. Mesut ist zwar hier aufgewachsen, aber seine Wurzeln sind in der Türkei." Die WM sei für das deutsche Team nicht gut gelaufen. "Aber die ganze Mannschaft hat schlecht gespielt und nicht nur Özil. Man sucht jetzt einen Sündenbock für das schlechte Turnier."  

Nicht politisch

Fatma Duran, 47 Jahre alte Gelsenkirchenerin, hält die Debatte von Anfang an für übertrieben. "Das Foto mit Erdogan ist nicht politisch, Özil hat einfach einen Präsidenten getroffen. Es ist doch auch nicht schlimm, wenn andere Fußballer andere Präsidenten treffen oder wenn Merkel Erdogan trifft?"

Özil spreche für sehr viele Deutsch-Türken: "Als Deutsch-Türke sitzt man zwischen zwei Stühlen und wird immer wieder gezwungen, sich zwischen den Kulturen zu entscheiden. Dass man sich zu beiden Ländern zugehörig fühlt, wird von der deutschen Gesellschaft nicht akzeptiert."


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