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Internationale Pressestimmen "Deutschland muss sich bei Özil entschuldigen"

Von dpa

Mesut Özil im Juli 2014 mit dem WM-Pokal vor der Fanmeile am Brandenburger Tor in Berlin. Foto: imago/Laci PerenyiMesut Özil im Juli 2014 mit dem WM-Pokal vor der Fanmeile am Brandenburger Tor in Berlin. Foto: imago/Laci Perenyi

Hamburg. Der Fall Mesut Özil wird in den internationalen Medien heiß diskutiert. Lesen Sie hier eine Auswahl an Pressestimmen aus der Türkei, Italien und der Schweiz.

Nach dem Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft hat die türkischen Zeitung "Habertürk" in einem Kommentar die Ansicht vertreten, Deutschland müsse sich bei dem Fußballer entschuldigen. "Ein Land kann nicht so treulos sein", schreibt der Sportkommentator des regierungsnahen Blatts, Halil Özer, am Montag.

"In das Land, in dem er (Özil) Fußball spielt, kommt ein Staatsmann seiner ursprünglichen Heimat - der Präsident - und natürlich kann sich Mesut mit ihm fotografieren lassen. Was ist natürlicher als das? Wenn Mesut an diesem Punkt angelangt ist, dann stellt Euch nur den Druck vor, der auf ihn ausgeübt wurde. Nicht Mesut, sondern die Deutschen haben die Politik in den Sport gemischt. Mesut hat getan, was richtig ist. Und ich denke, Deutschland muss sich bei Mesut entschuldigen."

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Sein "Habertürk"-Kollege Serdar Ali Celikler schreibt, das Ziel, Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft zu drängen, sei erreicht worden. Der "rassistische Kopf", der in Deutschland noch immer im Hintergrund agiere, habe Özil "regelrecht zu dieser Entscheidung gezwungen".

Die italienische Zeitung "Corriere della Sera" schrieb dazu am Montag: "Er hat das lange Schweigen mit einer Erklärung in drei Teilen beendet, die den Effekt einer Bombe hatte. Er spart niemanden aus: die Medien, die Führung des DFB, die Politiker, die ihm nie eine Geste verziehen hätten, die für ihn nur Respekt für das höchste Amt im Land seiner Familie gewesen sei. Es ist ein schmerzlicher Bruch, voller Groll. Und der ist verheerend für den bereits zerkratzten Mythos einer vielfältigen und bunten Nationalmannschaft, die Symbol für die gelungene Integration in einem siegreichen Deutschland war und die auch fester Bestandteil der politischen Narration von Kanzlerin Angela Merkel war."

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Die "Neue Zürcher Zeitung" sieht im sportlichen Rücktritt Özils eine Chance für die Nationalmannschaft und kritisiert gleichzeitig die Naivität, die der gebürtige Gelsenkirchener beim Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan an den Tag legte: "Wie Gündogan versuchte Özil, das Treffen (mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan) als eine Zusammenkunft rein privater Art begreiflich zu machen. Was er allerdings genauso wie sein Mitspieler übersah - oder womöglich übersehen wollte -, ist der Umstand, dass allein schon aufgrund von Erdogans Amt ein politischer Zusammenhang besteht. Gegen diesen Kontext mag Özil sich in seiner Erklärung sträuben - an der öffentlichen Wahrnehmung dürfte sich aber wenig ändern, zumal sich Erdogan seinerzeit im Wahlkampf befand. 

Durch Özils Rücktritt ist dem DFB, der im Zuge dieser Affäre zu keinem Zeitpunkt souverän gewirkt hat, eine womöglich unliebsame Entscheidung abgenommen worden. Für den geplanten Neuaufbau des DFB-Teams durch den Bundestrainer Joachim Löw könnte sich Özils Demission gar als Chance erweisen. Doch die Erdogan-Affäre hinterlässt im DFB gleichwohl Misstöne."

Die schweizerische Zeitung "St. Galler Tagblatt" schrieb: "So nachvollziehbar Özils Kritik im Einzelnen sein mag: Der Fehler liegt letztlich bei ihm selber. Im Unterschied zu anderen türkischen Fußballern, die sich geweigert hatten, zusammen mit dem umstrittenen türkischen Staatschef öffentlich zu posieren, ließ sich Özil gerne einspannen. Dies legt auch seine jetzige Stellungnahme nahe, in welcher es Özil unterlässt, sich auch nur mit einem Wort von Erdogan zu distanzieren. Mit Verlaub, das ist und bleibt ungeschickt."

Weitere internationale Pressestimmen

Großbritannien

"Guardian": "Özil ist der Inbegriff des Migranten der nicht reinpasst. Seine Eltern kommen aus der Schwarzmeerstadt Zonguldak, wuchsen aber im westdeutschen Gelsenkirchen auf. Er ist ein Superstar bei Arsenal, der seine Antwort auf einen deutsch-türkischen Streit auf Englisch twittert. Indem sie von ihrer gegenseitigen Kritik zehren, um die in der Mitte zu isolieren, zeigen die Reaktionen der Hardliner auf beiden Seiten eine Symbiose. Deutschland und die Türkei ähneln sich darin, dass in beiden Ländern Ideen von "Rasse" und "Blut" weiterhin die Nation definieren."  

"Telegraph": "Mit der extremen Rechten in Frankreich, die sich beschwert, dass 15 Spieler der 23-köpfigen Mannschaft des Landes afrikanische Wurzeln (meist in den ehemaligen französischen Kolonien) haben, sowie Lukaku, der auf die Vorurteile hinweist, mit denen er in Belgien zu kämpfen hatte (auch Großbritannien hat bedeutende Probleme mit einem abwegigen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit), zeigt der Fußball nicht den Weg für die Politik sondern geht in ihren Flammen auf."

"Daily Mail": "Mesut Özils Rückzug aus dem internationalen Fußball ist das tragische Ende einer glorreichen Karriere (...) einer der besten Mittelfeldspieler Deutschlands wurde von einem Symbol der Integration zu einer Gestalt der toxischen öffentlichen Debatte."

Österreich

"Kurier": "Es ging am Ende nicht mehr darum, dass Özil sich im türkischen Wahlkampf mit einem Autokraten fotografieren ließ, der Gegner seiner Politik einsperren lässt. Vielmehr warf man Özil vor, kein echter Deutscher zu sein, sich nicht mit seinem Geburtsland zu identifizieren. Plötzlich war Nationalismus der übelsten Sorte im Spiel, der, wie eigentlich immer, am Ende in Rassismus umschlug."

"Standard": "Um Erdogan geht es aber vor allem auf den zweiten Blick. Vielmehr geht es um gekränkten Nationalstolz, eine beleidigt geführte Integrationsdebatte und um blanken Rassismus. Nicht weniger. Mit dem Foto zertrümmerten Özil und Gündogan jene Integrationsluftschlösser, deren Fundament vielmehr Assimilation ist."

Schweiz

"Tagesanzeiger": "Jetzt steht dieser Spieler für die bange Frage von Grünen-Politiker Özdemir, ob Deutschtürken künftig noch einen Platz im deutschen National-Team finden würden. Und er steht für sein dumpfes Gefühl, trotz aller sozialen Dienste, die er für das Land erbrachte, auf Ablehnung zu stoßen. Und auf Rassismus."  

Spanien

"El País": "Die Vorwürfe des Fußballers zeigen, dass die Grundlage der ethnischen und kulturellen Integration, die das Bild des Siegers von 2014 zeigen sollte, nicht wirklich solide ist. Der Aufstieg der extremen Rechten, die sich in den 90 Sitzen zeigt, die die AfD bei den Bundestagswahlen 2017 gewann, scheinen die bittere Sicht des Fußballers zu stützen."

Türkei

"Sabah": "Mesut Özil hat das schönste Tor gegen den Rassismus geschossen". Er habe "Stopp" gesagt gegen die zunehmende Migranten-Feindlichkeit und den Rassismus in Europa und dem "rassistischen Gesicht" des Westens den Spiegel vorgehalten."

"Takvim": "Wir sind an Deiner Seite mein Bruder!". Özil habe dem Druck nicht standhalten können.

"Fanatik": "Du bist nicht alleine."

Slowakei

"Dennik N": "Ein in westlichen Werten erzogener Demokrat muss wissen, dass die Kritik an einem Diktator und seinen Methoden keine Kritik an einer Nation ist und dass das Ablehnen eines Diktators nichts damit zu tun hat, ob man sich zu seinen Wurzeln bekennt. Er muss auch wissen, dass die Kritik an der Unterstützung für so einen Diktator berechtigt ist, auch wenn diese Unterstützung aus Naivität geschehen sein mag." 

Ungarn

"azonnali.hu": "Özil (...) hat sich nämlich selbst aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen, als er sich im Mai zusammen mit (dem türkischen Präsidenten) Erdogan fotografieren ließ. Nach all dem ist es erbärmlich und lächerlich, wenn er jetzt die deutsche Gesellschaft beschuldigt, bei der Integration versagt zu haben. (...) Für die ausgebliebene Integration ist allein er verantwortlich. (...) Es ist Özils Verantwortung, nicht die der deutschen Gesellschaft. Ja, vielmehr, es ist Özils Verbrechen. Gut, dass er abgetreten ist, damit gibt es ein schädliches Element weniger. Gute Reise zurück in die Türkei!"

Polen

"Przeglad Sportowy": "Özil ist in Deutschland zum Gesicht der schlechtesten Weltmeisterschaft der Nationalelf in der Geschichte geworden. Und zum Symbol der Probleme mit der Integration der Nachkommen von Einwanderern."

"Gazeta Wyborcza": "Der Fall schockiert, weil er einen Schatten auf die ganze deutsche Nationalelf wirft. (...) Das (multiethnische) Team sollte der Beweis für die Offenheit gegenüber Einwanderern sein. Dieses Bild hat Özil durch die Rede von Rassismus in der Fußballwelt zerstört. Und das geschieht in einem Moment, in dem die Begrenzung der Einwanderung zu einem der Hauptthemen deutscher Politik wird und der Streit darüber, ob Menschen aus Afrika und Nahost automatisch zurückgeschickt oder ins Land gelassen werden sollen, um ein Haar die deutsche Regierung zerstört hat."

Russland

"Kommersant": "Der Mittelfeldspieler Mesut Özil hat mitgeteilt, dass er nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft antritt. In einer anderen Situation hätte dieser Schritt keine große Aufmerksamkeit erregt, aber im Fall von Özil hat es einen Skandal ausgelöst."

"Sport-Express": "Skandal in der deutschen Nationalmannschaft - Özil hat der Hetze nicht standgehalten. (...) Aber vielleicht überlegt Özil es sich noch einmal nach einem Rücktritt der deutschen Fußballspitze?"


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