Reaktionen zum Rücktritt von Weltmeister Özil Matthias Sammer: "Mesut ist nicht das Problem des deutschen Fußballs"

Von Nina Brinkmann, dpa, Kim Patrick von Harling und Beate Tenfelde

Matthias Sammer mahnt im Fall Özil zur Ruhe. Foto: imago/foto2pressMatthias Sammer mahnt im Fall Özil zur Ruhe. Foto: imago/foto2press

Hamburg. Die Reaktionen zu Mesut Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft sind mitunter heftig. Besonders schießen sich die Nutzer auf DFB-Präsident Reinhard Grindel ein.

Mesut Özil verteidigte die Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan und holte anschließend gegen die Medien und DFB-Sponsoren aus – aber den Hammer behielt er sich bis zum Schluss auf: den Rücktritt aus der Nationalmannschaft. In einem dreiteiligen Statement holte der Weltmeister von 2014 zum Rundumschlag aus. Besonders an DFB-Präsident Reinhard Grindel ließ Özil kein gutes Haar. 

Am Montagnachmittag äußerte sich der DFB dann zum Thema, Präsident Reinhard Grindel retweetete die offizielle Meldung des DFB:


Lob aus der Türkei

Türkische Regierungspolitiker haben sich auf die Seite des Fußballers geschlagen. Sportminister Mehmet Kasapoglu schrieb am Sonntagabend auf Twitter: "Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen." Justizminister Abdulhamit Gül gratulierte dem gebürtigen Gelsenkirchener mit türkischen Wurzeln, weil dieser mit seinem Rücktritt das "schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen" habe.

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Der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kalin, begrüßte Özils Aussage, dass er den türkischen Präsidenten wieder treffen würde. Weiter schrieb er auf Twitter: "Aber stellen Sie sich vor, welchem Druck Herr Mesut in diesem Prozess ausgesetzt war. Wo sind Höflichkeit, Toleranz, Pluralismus geblieben...?!"

Video: Löw wusste nichts von Özils Abgang:


Merkel: "Viel geleistet"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versucht, die Wogen zu glätten. "Die Bundeskanzlerin schätzt Mesut Özil sehr. Mesut Özil ist ein toller Fußballspieler, der viel für die Fußball-Nationalmannschaft geleistet hat", sagte eine Regierungssprecherin am Montag in Berlin. "Mesut Özil hat jetzt eine Entscheidung getroffen, die zu respektieren ist."

Der Sport trage viel zur Integration in Deutschland bei, sagte die Sprecherin weiter. "Deutschland ist ein weltoffenes Land und die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ist eine Schlüsselaufgabe der Bundesregierung."

Eine Sprecherin von Innenminister Horst Seehofer, der auch für Sport zuständig ist, reagierte zurückhaltend. "Zu der Angelegenheit Özil hat der Minister schon mehrfach gesagt – das Thema ist ja nicht neu – dass er sich in diese internen Angelegenheiten nicht einmischen möchte."

Bundesaußenminister Heiko Maas findet indes deutliche Worte und kritisiert, dass der Fall-Özil nicht repräsentativ für die Integration in Deutschland sei: "Ich glaube auch nicht, dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland."



Rassismus ein zu starkes Wort

Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles hat angesichts der Diskussion um Özil dazu aufgefordert, die Anti- Rassismus-Kampagne auf tausenden Sportplätzen in Deutschland mit Leben zu füllen. "Wir müssen Haltung zeigen und für Respekt und Toleranz kämpfen", sagte Nahles unserer Redaktion . Die Özil-Debatte dürfe nicht zu gegenseitigen pauschalen Schuldzuweisungen und Hetze führen.

"Özil hat mit seinem Auftritt mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan einen Fehler gemacht" , sagte Nahles. Aber der Grundsatz "Wir gewinnen gemeinsam, wir verlieren gemeinsam" gelte für ihn offenbar nicht. Das Wort "Rassismus" sei möglicherweise im Fall Özil zu stark, meinte die SPD-Bundesvorsitzende. "Aber das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, insbesondere wenn es einmal schlecht läuft und schnell nach Sündenböcken gesucht wird, droht auf viele Migranten auf und neben dem Fußballplatz überzugehen" , warnte Nahles. "Da müssen wir gegenhalten – für ein offenes, tolerantes Land, in dem Rassismus geächtet wird" , sagte sie.

Auch der Deutsche Fußballbund (DFB ) und sein Präsident Reinhard Grindel stünden hier in einer besonderen Verantwortung, betonte Nahles. Bisher habe der DFB "leider den falschen Ton angeschlagen und die Diskussion unnötig verschärft", kritisierte die Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion. Sport und Fußball böten aber eine riesige Chance für gelungene Integration. "Die Chance müssen wir nutzen", sagte Nahles.

Der frühere DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hat zur Ruhe gemahnt. "Vom Ursprung des Fotos bis zur Kommentierung hat er Dinge aushalten müssen. Alle, die ihm zu wenig Selbstkritik vorwerfen, sollten sich einfach mal in die Lage versetzen", sagte Sammer in einem Interview dem TV-Sender Eurosport am Dienstag.

Der Fußballexperte und externe Berater von Borussia Dortmund mahnte nach dem Foto von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zur Vorsicht. "Gefühlt können in dem Fall nur Ilkay oder Mesut empfinden, was bei ihnen vorgeht, was es für die Familie bedeutet", sagte Sammer. "Es ist seine Entscheidung, nicht mehr zu spielen, das gilt es zu respektieren. Der deutsche Fußball wird weitergehen", relativierte Sammer. Der frühere DFB-Funktionär warnte davor, zu viel Schuld auf Özil abzuladen: "Mesut ist ein unangenehmes Thema, mit vielen Fehlern behaftet, aber er ist nicht das Problem des deutschen Fußballs."

DFB-Vizepräsident Rainer Koch sagte, Özil habe "großen Anteil an den überragenden sportlichen Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft im letzten Jahrzehnt", schrieb Koch auf seiner Facebook-Seite. "Mit Nachdruck sind Angriffe gegen die DFB-Spitze zurückzuweisen, die die umfassende, seit vielen Jahren geleistete Integrationsarbeit des DFB und seiner über 25000 Fußballvereine in Frage stellen und den DFB mit Rassismus in Verbindung bringen."

Koch schloss sein Statement mit den Worten: "Persönlich möchte ich noch sagen: Mesut Özil ist Deutscher und deshalb selbstverständlich auch mein Mitbürger. Für Positionen, die Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund wegen ihrer Herkunft ausgrenzen stehe ich nicht zur Verfügung. Gerade deshalb akzeptiere ich auch keine Rassismusvorwürfe gegen die DFB-Spitze."

Willi Lemke, früherer UN-Sonderbotschafter und ehemaliger Aufsichtsratschef von Werder Bremen, stört sich an der Art und Weise des Rücktritts. "Besonders schlau finde ich es nicht. Er muss schlechte Berater haben, sowohl vor dem Foto als auch danach und jetzt", sagte Lemke zu "butenundbinnen.de". "Das ist ja nicht sein Text, wie wir alle wissen. Mich ärgert auch, dass er ihn in Englisch schreibt. Er ist ein deutscher Nationalspieler und wollte es immer sein, aber die große Identifikation habe ich bei ihm nie gespürt."

Kein Verständnis hat Lemke für Özils Rassismus-Vorwürfe an den DFB sowie die Kritik an Medien und Sponsoren und Teile der Gesellschaft. "Wenn das wirklich seine persönliche Meinung ist, und er den Text vorher genau gelesen und noch mit seinen Beratern und Freunden besprochen hat, und er meint das so, wie er es gesagt hat, mit all den Vorwürfen gegen die Medien, gegen Teile der Gesellschaft, gegen die Sponsoren, gegen den DFB, insbesondere mit seinem furchtbaren Rassismus-Vorwurf – wenn er das wirklich meint, dann sage ich: 'Okay und tschüss."

Özil spielte von Januar 2008 bis 2010 an der Weser. In der Zeit war Lemke Aufsichtschef des Bundesligisten. 

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach nimmt den DFB in Schutz. Der Rassismus-Vorwurf an den Verband sowie dessen Präsidenten Reinhard Grindel sei unverständlich, sagte Bosbach dem Inforadio des rbb.

Es sei nun einmal Fakt, dass Özil mit seinem Erdogan-Foto Wahlkampfhilfe für einen autoritären Politiker geleistet habe. "Jetzt versucht er, aufgrund der massiven Kritik wegen seines Treffens und der Huldigung für Erdogan, sich als Opfer des DFB darzustellen - oder der gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland. Das ist doch wirklich grober Unfug."

Auch DFL-Präsident Reinhard Rauball hat die Rassismusvorwürfe gegen den Deutschen Fußball-Bund zurückgewiesen. "Es ist in keiner Weise hinnehmbar, wenn der DFB und seine Spitze pauschal in Zusammenhang mit Rassismus gerückt werden", wird der 71-Jährige in einer Mitteilung der Deutschen Fußball Liga vom Montag zitiert.

"Der deutsche Fußball hat mit unzähligen Aktionen bewiesen, dass er sich für Integration, ein faires Miteinander und ein weltoffenes Land engagiert", heißt es in der Erklärung weiter. "In den vergangenen Wochen sind offensichtlich von allen Seiten Fehler gemacht worden. Die Abrechnung von Mesut Özil schießt aber über jedes nachvollziehbare Maß hinaus und lässt keinerlei Selbstkritik erkennen." Unabhängig von der Art und Weise seines Rücktritts sei dem 29 Jahre alten Özil für seinen Einsatz in 92 Länderspielen zu danken.

Zwanziger "tief traurig"

Theo Zwanziger (73), von 2004 bis 2012 Präsident des DFB, bedauert Özils Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft. Durch den Entschluss des türkischstämmigen Weltmeisters von 2014 befürchtet er im Interview der Deutschen Presse-Agentur Folgen, die über den Fußball hinaus gehen. Beim DFB sieht er Fehler in der Kommunikation.  

Zwanziger: "Ich bin tief traurig über die von Mesut Özil getroffene Entscheidung. Wenn es zu Konflikten kommt, muss man unglaublich schnell versuchen, diese Konflikte durch Gespräche zu erledigen. Das hat der DFB vor der WM aus welchen Gründen auch immer nicht geschafft und jetzt kommt der Vorgang wieder hoch. Durch Fehler in der Kommunikation ist etwas passiert, das bei Migranten nie passieren darf: Sie dürfen sich nie als Deutsche zweiter Klasse fühlen. Wenn dieser Eindruck entsteht, muss man gegensteuern."

"Der schlechteste Präsident"

Der frühere Pressesprecher des Deutschen Fußball-Bundes, Harald Stenger, hat DFB-Präsident Reinhard Grindel unmittelbar nach dem Rücktritt von Nationalspieler Mesut Özil scharf kritisiert. "Grindel war und ist der schlechteste DFB-Präsident, den ich je erlebt habe", sagte der 67-Jährige in einem Interview des TV-Senders Sky Sport News HD. Für Stenger ist der CDU-Politiker an der Spitze des DFB nicht mehr tragbar.

"Das Problem von Reinhard Grindel war, dass er es nicht geschafft hat, von Anfang an eine klare Linie zu ziehen. Er hat immer nur rumgeeiert und wollte das alles aussitzen. Es war alles nur populistisch und so kann man einfach keinen Verband führen", prangerte Stenger in Bezug auf die Causa Özil an.

Dieser hatte nach 92 Spielen im Nationaltrikot am Sonntagabend über Twitter seinen Rücktritt erklärt. Er begründete dies auch mit Rassismus innerhalb des DFB. Zugleich warf er Grindel vor, dass dieser ihn zum "Sündenbock" für das schlechte Abschneiden bei der WM machen wolle. "Wenn er ehrlich ist, muss er sehen, dass seine Zeit als DFB-Präsident abgelaufen ist", sagte Journalist Stenger über Grindel.

Linken-Chefin ärgert sich

Linken-Chefin Katja Kipping hat die Debatte um Fußballstar Mesut Özil als vielschichtig und "ärgerlich" bezeichnet. "Man weiß gar nicht, worüber man sich mehr ärgern soll: Über das deplatzierte Foto mit dem Despoten Erdogan oder über die rassistische Debatte, die danach über Mesut Özil hereingebrochen ist", sagte Kipping im Gespräch unserer Redaktion. Es gebe viele Gründe für das Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft, ganz bestimmt habe es aber nicht am Foto Özils mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan gelegen, betonte die Vorsitzende der Linken. Dieses Foto sei "ärgerlich" - nicht weil Erdogan Staatspräsident sei, "sondern weil er ein Despot ist, der die Meinungsfreiheit und Menschenrechte mit Füßen tritt". 

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek sieht die Entwicklungen rund um die Personalie Mesut Özil mit Sorge: „Das ist eine Zäsur und sehr alarmierend für den Stand der Integration in Deutschland und die Debatte darüber", sagte Mazyek unserer Redaktion und prognostiziert: „Es wird noch lange brauchen, bis wir in Deutschland wieder eine Mannschaft sind.“

Heftige Reaktionen im Netz

Für seine Kritik an Grindel bekommt Özil im Netz größtenteils Zustimmung. Allerdings fehlt vielen eine Selbstreflexion, was die Fotos mit Erdogan angeht. Ein Überblick:


Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) sieht die Rassismus-Vorwürfe Özils gegen den Deutschen Fußball-Bund als Signal für ein tieferliegendes gesellschaftliches Problem:

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), schrieb auf Twitter, es sei "gut, dass sich Özil endlich erklärt hat":





NRW-Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU), die selbst türkische Wurzeln hat, twitterte: 

AfD-Politikerin Alice Weidel: 

Formel-1-Rennfahrer Nico Rosberg bedankt sich bei Özil:


Von seiner Freundin Amine Gülse erhielt Özil am Sonntagabend Zuspruch via Instagram. „Ich bin immer bei dir, ich bin stolz auf dich, meine Liebe", schrieb sie auf türkisch. 


Her zaman yanındayım, seninle gurur duyuyorum aşkım

Ein Beitrag geteilt von Amine Gülşe (@gulseamine) am Jul 22, 2018 um 3:17 PDT

Auch Ex-Nationaltorhüter Bodo Illgner äußert sich zum Özil-Rücktritt: 

Özils Teamkollege Hector Bellerin: 

Selbst der südafrikanische Comedian Trevor Noah von der Late-Night-Show "The Daily Show" nimmt Özils Satz "Ich bin ein Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren" auf:



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