Russland-Bilanz von ARD-Moderatorin Julia Scharf: Man wird für Fans oft automatisch zur Zielscheibe

Von Nina Brinkmann und Thomas Deterding

Frauen in der Fußballberichterstattung - "Es ist unfassbar, dass wir im Jahr 2018 noch über so etwas diskutieren", sagt ARD-Moderatorin Julia Scharf im Interview. Foto: imago/Andre PolingFrauen in der Fußballberichterstattung - "Es ist unfassbar, dass wir im Jahr 2018 noch über so etwas diskutieren", sagt ARD-Moderatorin Julia Scharf im Interview. Foto: imago/Andre Poling

Hamburg. Vier Wochen berichtete Julia Scharf für die ARD von der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Im Interview zieht die Moderatorin ihre persönliche WM-Bilanz.

Frau Scharf, vier Wochen WM-Berichterstattung aus Russland - was waren sowohl auf als auch abseits des Platzes Ihre persönlichen Highlights?

Ein unvergessliches Erlebnis war sicher das Eröffnungsspiel, bei dem ich mit Kevin Kuranyi aus dem Lushniki Stadion moderiert habe. Das Gefühl, dass jetzt gleich eine WM angepfiffen wird, ist ein ganz besonderes - auch wenn man schon hunderte Fussballspiele im Stadion gesehen hat.

Die Show von Robbie Williams war auch toll - angemessen kurz, aber trotzdem ein Feuerwerk. Das siegreiche Elfmeterschießen der Engländer im Achtelfinale gegen Kolumbien bleibt für mich auch ein unvergesslicher Moment, weil einfach Sportgeschichte geschrieben wurde. Dementsprechend einzigartig war die Stimmung im Stadion - ich liebe die Fan-Songs der Briten.

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Um beim Thema Stimmung zu bleiben: Wie haben Sie die russischen Fans und die Begeisterung über das eigene Team wahrgenommen?

Bei Russland gegen Kroatien im Viertelfinale in Sotchi herrschte eine unglaubliche Atmosphäre. Die Russen waren total euphorisch und insgesamt konnte man spüren, wie die Fußballbegeisterung im Land von Tag zu Tag größer wurde. Sportbegeistert sind die Russen ja sowieso. Sie haben sich nach dem Ausscheiden auch als faire Verlierer präsentiert und ich hatte selten einen Trainer nach so einer Niederlage in einem emotionalen Elfmeterschießen im Interview, der so gesprächsbereit und fair war wie Stanislaw Tschertschessow.

Gab es darüber hinaus Interview-Momente, die besonders waren?

Allgemein muss ich noch sagen, dass ich die Spanier gerne gesehen habe, auch wenn sie im Turnier nicht weit gekommen sind. Aber bei ihnen geht auch eine Ära zu Ende. Einen Spieler wie Andres Iniesta noch ein paar mal - auch im Training - live zu sehen, war toll. Das Interview mit Gerard Piqué war etwas besonderes, weil du solche Spieler einfach selten vor das Mikrofon bekommst.


Julia Scharf steht seit 2011 in Diensten der ARD. Foto: imago/Markus Endberg


Welche Erlebnisse bleiben Ihnen möglicherweise auch aus negativer Hinsicht in Erinnerung?

Da gibt es wenige - Russland war wirklich ein toller Gastgeber. Natürlich fährt man mit gemischten Gefühlen dorthin, weil die politische Situation schwierig ist. Es gibt immer noch viele politische Gefangene und Journalistenkollegen sitzen im Gefängnis, weil sie ihre Meinung gesagt haben.  

Inwiefern hat Sie das Thema Doping im Rahmen der Berichterstattung tangiert?

Wir haben intensiv über das Staatsdoping berichtet, dass es zu den Olympischen Spielen 2014 gab. Aber man kann dann die russische Fußballnationalmannschaft nicht unter Generalverdacht stellen. Für die Sportler gilt immer noch die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils.

Wer beispielsweise Tore, wie das 1:0 von Cherychev im Viertelfinale gegen Kroatien gesehen hat, weiß, dass Russland toll Fußball spielen kann. Die Mannschaft hat sich die Begeisterung im Land verdient. Die viele negative Berichterstattung - die richtig und wichtig ist - führt aber leider manchmal dazu, dass unser Gesamtbild von Russland und den Menschen ein negatives ist. Das ist sehr schade, denn die Russen sind sehr gastfreundlich und sehr sport- und musikbegeistert.

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Wie haben Sie Russland abseits der sportlichen Berichterstattung wahrgenommen - was nehmen Sie von Land und Leuten mit?

Russland ist moderner, als das hier viele denken. Moskau ist eine tolle Großstadt, die kulturell viel zu bieten hat. An jeder Ecke wird Musik gemacht - oft von richtig großen Bands mit Schlagzeug, Gitarre, teilweise sogar noch Harfe oder Geige. Wenn man am Wochenende abends durch die Stadt läuft, gibt es quasi immer tolle Konzerte an jeder Straßenecke. Aber auch Städte wie Kasan, St. Petersburg und Sotchi sind sehr modern. Auf der Strandpromenade in Sotchi kommt man sich manchmal wie in einem Surfer-Ort in Frankreich vor. Das Klima ist toll, es gibt viele Strandbars und Surfshops. Kasan ist eine wunderschöne Stadt mit viel Wasser, tollen alten Gebäuden, modernen Vierteln und unfassbar vielen Sportarenen. Die Flughäfen sind überall super-modern und die Flüge sind meistens pünktlich. Auch kulinarisch findet man in ganz Russland tolle Restaurants.  


Sie standen meist mit Kevin Kuranyi zusammen vor der Kamera – wie war die Zusammenarbeit mit dem Ex-Nationalspieler?

Es hat riesigen Spaß gemacht. Kevin ist ein sehr angenehmer, bescheidener und bodenständiger Mensch - er ist wahnsinnig herzlich und hat einen guten Humor. Wir haben aber schon wahrgenommen, dass sich der ein oder andere Zuschauer gefragt hat, warum "ER" Experte für unser ARD-Team geworden ist.

Wie reagieren Sie auf solche "Anmerkungen"?

Jeder, der Kevin auch nur 10 Minuten persönlich kennen lernt, versteht das. Er spricht fünf Sprachen - die meisten fließend. Er konnte sich auf Portugiesisch, Spanisch, Russisch, Englisch und Deutsch mit fast allen Spielern unterhalten. Das hat uns in unserer Arbeit extrem geholfen. Denn er hat sehr schnell Infos von verschiedenen Nationen bekommen, die man mit englisch oft nicht so bekommt.

Wie wurde Kuranyi in der russischen Öffentlichkeit wahrgenommen?

Er hat ja fünf Jahre in Moskau gelebt und für Dynamo Moskau gespielt. Die Fans dort lieben ihn - er wird fast überall erkannt. Trotzdem ist er mit uns durch jedes Fanfest gelaufen, auch wenn er unzählige Fotos machen musste. Aber er würde nie einem Fan sagen, dass er gerade keine Zeit hat. Weil er so viele Sprachen spricht und auch ständig zwischen allen hin und her springt, ist dann vor der Kamera mal der ein oder andere Satz grammatikalisch verdreht. Aber das hat doch auch seinen Charme. Ich stand dafür meist hilflos daneben, wenn er mit Brasilianern, Leuten aus Panama, Spanien, Portugal oder Russland gesprochen hat. Er konnte uns tolle Einblicke geben in den russischen Fußball und in den einiger anderer Nationen, weil er ja in Rio geboren ist und in der Jugend lange in Panama gespielt hat. Für mich war er der perfekte WM-Experte vor Ort! 


In Erinnerung bleibt vielen Zuschauern ihr Auftritt mit dem Tropenhut vor dem Spiel England gegen Tunesien – wie kam dieser zustande?

Am Abend vor dem Spiel in Wolgograd gab es nach dem Training der Mannschaften eine technische Probe. Viele der internationalen Kameraleute dort waren zufällig Deutsche und bei uns im Hotel. Am nächsten Morgen hat uns die Crew erzählt, dass einige Kollegen abends ganz schlimm zerstochen wurden - bis zu 20 Stiche im Gesicht. Wir haben dann tagsüber in der Stadt tatsächlich Einheimische gesehen, die mit diesen Hüten herumgelaufen sind. Sämtliche Insektensprays in der Stadt waren ausverkauft und man durfte sowieso kein Spray mit ins Stadion nehmen. Wir haben uns dann mit einem guten Öl eingedeckt und diesen Hut besorgt. 

Die ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann wurde während des Turniers mitunter aufs Übelste angefeindet, bekam vom Sportchef bei uns im Interview direkt Rückendeckung. Wie haben Sie die Diskussionen um Frau Neumann erlebt und wie bewerten Sie die z.T. heftigen Anfeindungen in den sozialen Netzwerken?

Es ist unfassbar, dass wir im Jahr 2018 noch über so etwas diskutieren. Claudia Neumann kommentiert seit Jahren Fußball. Dass sich so viele während der WM darüber aufregen, zeigt doch nur, dass die sonst nicht wirklich viel Fußball verfolgen. Denn auch wenn man bei anderen Sendern Fußball schaut, sind dort überall kompetente Frauen im Team. Das ZDF verdient großen Respekt dafür, wie sie Claudia Neumann Rückendeckung gegeben haben und dafür, dass sie seit Jahren auf allen Positionen im Fußball Frauen einsetzen.  

Waren Sie in Ihrer Laufbahn schonmal ähnlichen Situationen ausgesetzt? Wie haben oder hätten Sie reagiert?

Nein, mit der Wucht habe ich das nicht erlebt. Fußballfans sind halt oft emotional und wenn es für ihr Team nicht gut läuft und Du darüber berichtest, bist Du oft automatisch mit eine Zielscheibe für deren Ärger. Aber das sind zum Glück sehr vereinzelte Reaktionen. Ich hätte es wie Claudia Neumann gemacht - nicht mehr in soziale Netzwerke geschaut, um mir den Spaß am Job nicht verderben zu lassen. Man kann es nie allen Recht machen. Aber man braucht ein gutes Umfeld, um das wegzustecken.  

Abschließend: Sie hatten sich vor dem Turnier bei uns im Interview den Weltmeister Deutschland und Island als Überraschungsteam gewünscht – sportlich ist es etwas anders gekommen. Können Sie persönlich sich aus der Position des „Fans“ dennoch mit dem Turnierverlauf und dem Weltmeister Frankreich anfreunden?

Naja, Deutschland - da war eher der Wunsch Vater des Gedanken. Wenn mich privat jemand gefragt hat, habe ich meistens Frankreich gesagt. Wobei ich mich jetzt für Kroatien auch sehr gefreut hätte. Der Turnierverlauf war schon außergewöhnlich - aber ich fand es toll, dass es für Russland als Gastgeber sportlich gut gelaufen ist. Schade, dass es England nicht ins Finale geschafft hat. Denen hätte ich es auch sehr gegönnt. 


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