Offener Brief Lahm kritisiert Löws "kollegialen Führungsstil"

Von Nina Brinkmann

Mit Joachim Löw als Trainer wurde Philipp Lahm 2014 als Kapitän Weltmeister. Foto: dpaMit Joachim Löw als Trainer wurde Philipp Lahm 2014 als Kapitän Weltmeister. Foto: dpa

Hamburg. Ex-Nationalspieler Philipp Lahm hält eine Änderung in Bundestrainer Joachim Löws Führungskultur für nötig, wenn dieser mit der neuen Nationalspieler-Generation Erfolg haben will.

In einem auf der Plattform "Linkedin" veröffentlichtem Brief analysiert der ehemalige Nationalmannschaftskapitän, warum das DFB-Team bei der WM in Russland bereits in der Vorrunde gescheitert ist. Ein Grund sei der Umgang mit der neuen Generation von Nationalspielern, die einen anderen Karriereweg gegangen sei, als die meisten Spieler, die 2014 Weltmeister geworden sind. 

"Kein Zeichen der Schwäche, sondern der Weiterentwicklung"

Wenn Löw mit der neuen Generation von Nationalspielern Erfolg haben möchte, müsse er seinen "kollegialen Führungsstil" ändern. "Das ist kein Zeichen der Schwäche, sondern der Weiterentwicklung. Er muss Individualisten klar machen, dass sie Verantwortung für die gesamte Mannschaft tragen. Er muss eine Kultur strafferer, klarerer Entscheidungen etablieren als er selbst das gewohnt war." Sollte das gelingen, sieht Lahm der Zukunft des DFB-Team optimistisch entgegen. 

Lahm schreibt: "Die heutige Generation stammt zu hundert Prozent aus den Jugendleistungszentren. [...] Die Idee, die sie dort vermittelt bekommen, ist klar definiert: Sie wollen Profi werden. Sie wollen eine Karriere hinlegen wie ihre großen Vorbilder. Sie wollen sozial aufsteigen. Sie wollen Geld verdienen." Zwar seien auch die Spieler, die 2014 das Gerüst der Mannschaft gebildet haben, größtenteils in Leistungszentren ausgebildet worden, dennoch bestehe ein Unterschied: Sie hätten bei ihren Familien gelebt. 

Familiäre Prägung wichtig

Dadurch seien sie zwar von ihren Trainern fußballerisch ausgebildet worden, hätten aber gleichzeitig auch eine Prägung durch ihre Familien erlebt. "Ein wesentlicher Grundstein dieser familiären Prägung ist für mich der Blick fürs Ganze: für die Familie, aber auch für die jeweilige Mannschaft, deren Teil du bist", so Lahm.

Der Ex-Bayern-Spieler kritisiert auch das Ausbildungssystem, "das den jungen Sportler fast zwangsläufig zum Egoisten macht." Der Blick für das Ganze, die Verantwortung des Einzelnen für die Mannschaft trete als Leistungsmotiv in den Hintergrund.

Lahm sieht darin kein generelles Problem. Die Führung müsse nur wissen, wie man mit diesen jungen Spielern richtig umgeht. "Die beschriebenen Spieler brauchen eine deutlich straffere Führung als die Generation vor ihnen", sagt Lahm. Es müsse vermittelt werden, dass Fußball eine Mannschaftssportart ist.

Klare Ansprache fehlt

Dazu gehöre nicht nur das Verhalten auf dem Spielfeld, sondern auch daneben. In diesem Zusammenhang fehlte Lahm beispielsweise eine klare Ansprache in der Affäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan nach dem gemeinsamen Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. "Özil (und anfangs auch Gündogan) sahen keine Notwendigkeit, sich öffentlich zu äußern und zu erklären. Diese Notwendigkeit hätte man ihnen schnell und nachhaltig vermitteln müssen, um nach außen – und nach innen – Identität zu stiften."