Rücktritt oder Neuanfang? Ein Plädoyer für Bundestrainer Joachim Löw

Von Wolfgang Stephan

Die Frage aller Fragen: Wie steht es um die Zukunft von Bundestrainer Joachim Löw. Foto: dpa/Andreas GebertDie Frage aller Fragen: Wie steht es um die Zukunft von Bundestrainer Joachim Löw. Foto: dpa/Andreas Gebert

Moskau. Joachim Löw lässt Fußball-Deutschland einmal mehr im Ungewissen. Schon einmal hatte er über einen vorzeitigen Abgang gegrübelt, denn auch damals, im Halbfinale der Euro 2012 gegen Italien in Warschau hatte er Fehler gemacht. Zwei Jahre später war er Weltmeister. Ein Plädoyer für den Bundestrainer Joachim Löw.

Ende nächste Woche will Joachim Löw sich erklären. Die Vorzeichen sind klar: DFB-Präsident Reinhard Grindel hat ihm das Vertrauen mehrfach ausgesprochen und Oliver Bierhoff hatte nach der Rückkehr angekündigt, dass er täglich mit Löw in Kontakt sein werde. Auch Bierhoff will Löw unbedingt halten – weil er sonst ein Riesenproblem hätte.

Fehler gemacht, aber nicht alleine Schuld

Sicher, Joachim Löw hat Fehler gemacht, aber ihn jetzt als einzig Verantwortlichen für das Desaster in Russland zu machen, ist zwar populär, aber wenig hilfreich bei einer geerdeten Betrachtung. Dass der Bundestrainer auf seine zuvor so erfolgreich in der Qualifikation spielenden Weltmeister setzen wollte, hat ihm vor der WM kaum ein Kritiker vorgehalten. Mats Hummels, Sami Khedira, Mesut Özil, Thomas Müller – das war die vermutete Achse des Guten. Dass er auf die Genesung von Jerome Boateng und Manuel Neuer hoffte, war eine wegemutige Haltung, aber auch nicht zu kritisieren.

Dass bei der Kader-Nominierung ein Leroy Sané durchs Raster gefallen ist? Ja, so einer hätte vielleicht etwas bewirken können, aber Sané wurde nicht wegen fußballerischen Defizite zu Hause gelassen. Disziplin ist eines der obersten Gebote im Umfeld des Joachim Löw. Gleichzeitig hat Joachim Löw zu seinen Weltmeistern Spieler gepaart, die mit ihm im vergangenen Jahr sensationell den Confed-Cup gewonnen haben. Julian Draxler, Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Julian Brandt, Timo Werner. "Der nächste Jogi-Zyklus nimmt Gestalt an", jubelte selbst die Süddeutsche Zeitung.

Vor dem Turnier nichts falsch gemacht

Löws Plan, mit den Weltmeister und mit den Confed-Cup-Siegern und einem fitten Marco Reus ins WM-Turnier zu gehen, war ein guter Plan, auch wenn noch so viele Berufs-Kritiker in den Talkshows jetzt das Gegenteil behaupten. Insofern hat Löw vor dem Turnier nichts falsch gemacht.

Danach allerdings schon, denn die Mexikaner hatten ihn mit ihrer Taktik überrascht. Aber eben auch seinen Chef-Scout Urs Siegentaler, alle Co-Trainer, die selbst ernannten Digital-Strategen und letztlich auch die erfahrenen Weltmeister im Team. Das war ein kollektives Versagen.

Wollen Joachim Löw in jedem Fall halten: DFB-Präsident Reinhard Grindel und Team-Manager Oliver Bierhoff. Foto: imago/Sven Simon

Danach hat Löw wieder einiges richtig gemacht, hat die enttäuschenden Özil und Khedira aus der Mannschaft genommen und zumindest in der zweiten Halbzeit gegen die Schweden Erfolg gehabt. Aber eben nicht so, wie das seiner Perfektion entspricht. Warum er nicht erkannt hat, dass die Spieler seines Vertrauens nicht die, wie es Manuel Neuer formulierte, "letzte Bereitschaft" auf den Platz brachten, ist ihm anzulasten, er hatte die Signale nicht erkannt, keine Frage. Dass er aber auch zuletzt noch hoffte, dass seine Weltmeister es gegen den Fußballzwerg Südkorea richten werden, ist so abwegig nicht gewesen. Wenngleich wir jetzt wissen, dass dies ein Trugschluss war. Aber mal Hand aufs Herz: Hätte Leon Goretzka seine Kopfballchance in der ersten Halbzeit genutzt, hätte ganz Fußball-Deutschland die geniale Strategie des Joachim Löw bejubelt. Hatte er aber nicht. Auch nicht Mario Gomez, auch nicht Mats Hummels. Und schon gar nicht Mesut Özil. 

Erdogan-Affäre als Belastung

Inwiefern Löw an der Lösung der Erdogan-Affäre mitgewirkt hat, ist nicht überliefert, aber dass der DFB mit dieser Belastung im Gepäck zweier wichtiger Spieler nach Russland gefahren ist, muss sich eher DFB-Präsident Reinhard Grindel ankreiden. Und das Sportschulen-Camp geht auf die Rechnung von Oliver Bierhoff.

Also: Joachim Löw hat Fehler gemacht, Joachim Löw hat sich taktisch verzockt, Joachim Löw hat zu lange an seiner Idee mit einer Mischung zwischen vielen Weltmeistern und einigen Confed-Cup-Siegern festgehalten. Aber versagt haben in erster Linie die Spieler auf dem Platz.

Wer sollte ihn ersetzen?

Wer jetzt den Rücktritt des Bundestrainers fordert, sollte auch sagen, durch wen der zu ersetzen sei: Jürgen Klopp – geht nicht, Thomas Tuchel – geht nicht. Seine Assistenten Marcus Sorg und Thomas Scheider? Stefan Kuntz? Ralph Hasenhüttl? Matthias Sammer? Die kann keiner ernsthaft wollen.

Joachim Löw hat mit einer jungen Truppe den Confed-Cup gewonnen und er hat nach seiner verkorksten Aufstellung im Euro-Halbfinale in Warschau die richtige Konsequenz gezogen: Weitermachen und aus den Fehlern lernen. Er kann es und deshalb muss er bleiben.


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