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Interview mit "Collinas Erben" Schiedsrichter-Experte: "Man sollte dem Videobeweis eine faire Chance geben"

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Bei der WM hat Alex Feuerherdt von "Collinas Erben" besonders der Niederländer Björn Kuipers (Mitte) bislang gut gefallen. Foto: imago/UPI PhotoBei der WM hat Alex Feuerherdt von "Collinas Erben" besonders der Niederländer Björn Kuipers (Mitte) bislang gut gefallen. Foto: imago/UPI Photo

Hamburg. Alex Feuerherdt von "Collinas Erben" spricht im Interview über den Videobeweis bei der WM und die Leistung der Schiris.

Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Mann versuchen in 90 Minuten den Ball im jeweils gegnerischen Tor unterzubringen. Doch kuriose oder zweifelhafte Zwischenfälle bringen das simple Spiel ab und an durcheinander. Beim Podcast "Collinas Erben“ versuchen Alex Feuerherdt und Klaas Reese seit 2012 strittige Schiedsrichter-Entscheidungen zu erklären und Gründe aufzuzeigen, warum nicht immer alles komplett richtig oder falsch sein muss.

Im Interview spricht Alex Feuerherdt über die aktuellen Leistungen der Schiedsrichter bei der WM 2018, den dortigen Einsatz des Videobeweises und warum er an eine positive Zukunft des Videobeweises glaubt:


Herr Feuerherdt, die Weltmeisterschaft in Russland geht in die finale Phase - und sie scheinen viel zu tun zu haben derzeit…

Bei Twitter ist ziemlich viel los und ich schreibe außerdem noch für verschiedene Medien. Da bin ich gerade tatsächlich etwas in Produktionsstress. Aber ich will mich nicht beschweren.

Wie viele Fragen erreichen Sie während des Turniers täglich über Twitter?

Das hängt ganz davon ab, was in den jeweiligen Spielen passiert. Wenn Entscheidungen getroffen werden, die strittig sind oder zu denen die Leuten Fragen haben, sind das schon mal mehr. Es kommt aber auch immer darauf an, wer gegen wen spielt. Dass bei Ägypten gegen Saudi-Arabien vom Schiedsrichter viel Chaos angerichtet wurde, haben jetzt nicht so viele gesehen. Das war beim Spiel Argentinien gegen Nigeria dann anders. Da kamen sicherlich 50 bis 60 Nachfragen zu den verschiedenen Szenen, bei Twitter auf "Collinas Erben".

Erzählen Sie uns, wie der Account-Name „Collinas Erben“ entstanden ist.

Pierluigi Collina dürfte sogar den Leuten bekannt sein, die sonst keinen Schiedsrichternamen aufzählen könnten. Im Grund war er der erste Popstar unter den Schiedsrichtern. Als Schiedsrichter stand er immer über den Dingen, war absolute weltklasse, jeder hat ihn akzeptiert. Er hat die größten Spiele dieser Welt bekommen, bis hin zum WM-Finale 2002. Einen Stil, wie er ihn hatte, gab es vor ihm auf dem Platz nicht. Das waren alles Gründe, seinen Namen zu verwenden.

Weiß er davon, dass er als Namenspatron dient?

Ja, ein Kollege der DFB-Schiedsrichter-Zeitung hat mal ein Interview mit ihm geführt und ihm davon erzählt. Er hat sich darüber amüsiert, dass wir seinen Namen verwendet haben und hat damit kein Problem, er hat sich gefreut.

Wie oft müssen Sie bei Fragen anderer Twitter-Nutzer Fakten selbst nachschlagen?

Klaas Reese, mit dem ich das Projekt gestartet habe, macht die Moderation im Podcast – ich bin der Schiedsrichter. Ich bin seit 20 Jahren verantwortlicher Ausbilder für Schiedsrichter. Zuerst in Bonn, seit 2007 in Köln. Bis zur Regionalliga bin ich auch als Schiedsrichterbeobachter und -coach unterwegs. Wenn man so lange als Ausbilder tätig ist, hat man das Regelwerk ganz gut im Kopf, aber natürlich kann ich jetzt auch nicht alle 17 Fußballregeln im Detail auswendig zitieren.

Natürlich gibt es Fälle, wo ich auch lieber zur Sicherheit nochmal nachschaue. Das Regelbuch hab ich also schon meist neben mir liegen.

"Wir sind kein Sprachrohr des DFB"

Pfeifen Sie selbst noch aktiv?

Ich habe bis zur Amateur-Oberliga gepfiffen, das war damals die 4. Liga. Ich habe wegen einer Knieverletzung dann 2005 aufgehört. Seitdem bin ich nur noch gelegentlich in den unteren Klassen als Schiedsrichter unterwegs. Mein Schwerpunkt liegt auf der Aus- und Weiterbildung sowie der Beobachtung.

Seit wann gibt es Ihren Account und wie ist die Idee dazu entstanden?

Den Podcast gibt es seit 2012. Klaas Reese hat damals das Portal focus-fussball.de mitgegründet. Da sollten zu verschiedenen Fußballthemen Podcasts angegliedert werden. Klaas hatte die Idee, einen Schiedsrichter-Podcast zu machen, so etwas gab es damals noch nicht. Er fragte mich dann, ob ich dazu Lust hätte, weil ich immer auf Twitter so viel dazu erklärt habe.

Waren Sie direkt von der Idee überzeugt?

Ursprünglich wollten wir nur die 17 Fußballregeln durchgehen und diese dann in 17 Folgen erklären. Relativ schnell kamen aber Leute und sagten, dass wir Entscheidungen aus Spielen kommentieren sollen. Man merkte, dass es einen großen Bedarf gibt, Regeln und auch Entscheidungen von Schiedsrichtern erklärt zu bekommen. Das hing sicherlich auch damit zusammen, dass der DFB mit Erklärungen zu Schiedsrichterentscheidungen in der Öffentlichkeit nicht so wahnsinnig präsent ist.

"Viele Schiedsrichter sagen, dass sie durch uns ihr Wissen auffrischen"

Arbeiten Sie in dem Zusammenhang mittlerweile mit dem DFB zusammen?

Ich mache zwar Aus- und Fortbildungsarbeit für den Fußballkreis Köln und coache Schiedsrichter für den Fußballverband Mittelrhein, aber ich spreche nicht für den DFB bei dem Podcast. Wir können eine Einschätzung abgeben. Ich rede zwar auch regelmäßig mit Bundesliga-Schiedsrichtern oder mit Schiedsrichterfunktionären, aber die Leute sollen wissen, dass wir kein Sprachrohr des DFB sind.

Wie groß ist die Resonanz auf "Collinas Erben" in der Twitter-Gemeinde, wie haben sich beispielsweise ihre Followerzahlen entwickelt?

Man merkt, dass es durch die WM nochmal einen Schub gegeben hat. Das gab es auch schon vor vier Jahren. 2014 haben wir irgendwann die 5000er Marke bei Twitter geknackt. Die Anzahl ist dann kontinuierlich gestiegen. Inzwischen sind wir bei 24.000 Followern.

Wie würden Sie ihre Zielgruppe definieren?

Unsere Zielgruppe sind internetaffine Fußballfans, die aber nicht unbedingt Schiedsrichter sind. Es ging uns darum, die Regelkenntnis zu verbessern. Es schadet aber nicht, wenn man die Regeln des Sports auch ein bisschen besser kennt und versteht, warum die Schiedsrichter so und nicht anders entscheiden. Diese Grauzone, dass Entscheidungen nicht immer klar falsch oder richtig sind sowie die Gründe dafür, wollten wir aufzeigen.

Erhalten Sie Feedback zu "Collinas Erben" von anderen Schiedsrichtern? 

Es gibt durchaus auch Rückmeldungen von hochklassigen Schiedsrichtern, die den Podcast hören oder die Kolumne lesen. Die Resonanz ist da sehr positiv. Viel Feedback gibt es aber auch von Schiedsrichtern, die unterklassig pfeifen. Die sind oft froh, auf unsere Erklärungen zurückgreifen zu können, wenn sie selbst mit ihren Freunden diskutieren. Viele sagen auch, dass sie durch uns dazulernen und ihr Wissen auffrischen. Aber eine Sache ist dabei noch am Schönsten.

Die da wäre?

Wir haben schon mehreren duzend Zuschriften von Leuten bekommen, die sagen, dass sie wegen uns Schiedsrichter geworden sind, weil sie dadurch neugierig geworden sind. Dass ist eigentlich das schönste Lob, was man so bekommen kann.

Sitzen Sie während der Spiele direkt vor dem PC und warten, dass Anfragen kommen?

Genau so läuft das. Bei der WM ist es ganz praktisch, dass man direkt während des Spiels zurückspulen und sich die Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln anschauen kann. Dann sitzen wir mit dem Laptop vor dem TV und schauen, welche Fragen aufkommen, was die Leute interessiert. Oft schreiben wir aber auch direkt zu den Szenen oder dem Schiedsrichter, wenn uns etwas auffällt.

VAR? "Man sollte ihm eine faire Chance geben"

Können Sie Spiele noch als Fan schauen oder überwiegt stets die Schiri-Brille?

Die Schiri-Brille legt man nicht ganz ab. Bei Spielen, bei denen ich selber mitfiebere, da geht der Blick in erster Linie schon zu der Mannschaft mit der ich sympathisiere. Wenn ich stärker emotional involviert bin, dann twittere ich auch nicht nebenbei. Aber die Perspektive des Schiedsrichters wird man nicht los. Dadurch kann ich aber auch relativ gut trennen: Im einen Moment rege ich mich vielleicht über eine Entscheidung auf, in der anderen sehe ich dann aber auch, wenn der Schiedsrichter eine nachvollziehbare Entscheidung getroffen hat. "

Bei welchem Verein fiebern Sie denn mit?

Ich bin Bayern-Fan, da mache ich auch keinen Hehl raus. Aber auch da bemühe ich mich, wenn es um strittige Entscheidungen in Bayern-Spielen geht, die neutrale Perspektive einzunehmen. Da muss ich dazu sagen, dass es manche Leute gibt, die einem sagen „Ist ja klar, du hast die Bayern-Brille auf“, wenn ich eine strittige Entscheidung Pro-Bayern gut heiße. Dem ist aber nicht so. (lacht)

Und bei der WM?

Da ist es ehrlich gesagt völlig anders. Ich bin da nicht großartig als Fan involviert und war nie der große Deutschland-Fan. Wenn ich eine Mannschaft nennen müsste, wäre das England.

Was waren für Sie bis dato die diskussionswürdigsten Szenen und Entscheidungen bei der laufenden WM?

Ein Spiel, das ziemlich im Mittelpunkt stand, war Portugal gegen Iran. Im Zusammenspiel zwischen dem Videoassistenten Massimiliano Irrati aus Italien, eigentlich ein erfahrener Mann, und dem Schiedsrichter Enrique Caceres ist da einiges schief gelaufen. Schließlich bis zu dem Handelfmeter in der Nachspielzeit für den Iran. Da hätte der Videoassistent meiner Meinung nach gar nicht eingreifen dürfen, weil das Handspiel für mich niemals klar strafbar gewesen ist. Somit kann es auch keine klare Fehlentscheidung gewesen sein. Dann war es aber anschließend auch ein Fehler, den Strafstoß zu geben. Ansonsten muss man sagen - auch, wenn man immer viel Kritik am Videobeweis hört - natürlich hilft dieser dabei, klare Fehlentscheidungen zu vermeiden. 

Sind sie ein Fan des Videoschiedsrichterassistenten (VAR)?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Als Schiedsrichter neigt man eigentlich ein bisschen dazu, die Praxis, die man jahrelang auf den Platz gebracht hat, als völlig ausreichend zu begreifen. Was braucht man da noch jemanden, der aus dem Videoraum eingreift? Das haben wir schließlich auf den Amateurplätzen auch nicht und es lief immer gut.

Doch es geht in diesem Sport um sehr viel Geld. Die Vereine wollen ihr Risiko minimieren. Und es sind nicht mehr die 1980er Jahre. Heutzutage ist es eine schwierigere Angelegenheit. Jeder kann eine strittige Szene direkt auf seinem Smartphone nachschauen. Vor diesem Hintergrund bin ich dem Videoschiedsrichter gegenüber nicht abgeneigt. Man sollte ihm eine faire Chance geben. Es sind ja auch immer Kollegen, die da als Videoassistenten eingesetzt werden. Als solche sehe ich sie, deswegen begleite ich sie etwas sympathisierend.

Bislang gab es insgesamt wenige falsche oder strittige VAR-Entscheidungen. Wie sehen Sie den VAR bislang bei der WM?

Ich teile den Eindruck, dass es überwiegend gut gelaufen ist. Vor dem Turnier haben ja viele ein Chaos befürchtet, beispielsweise, weil einige Schiedsrichter aus kleineren Verbänden noch keine großen Erfahrungen mit dem Videobeweis hatten. Da kann man ganz klar sagen, dass das nicht der Fall ist. Die Videoassistenten sind von der Fifa gut auf ihren Job eingestimmt worden. In den allermeisten Fällen haben sie eine klare Linie verfolgt.

"Transparenz des VAR bei der WM ist im Vergleich zur Bundesliga viel größer"

Wie zeigt sich für Sie diese klare Linie?

Wenn der Schiedsrichter auf dem Feld sagt, ich hab das genau gesehen und bewusst so entschieden, dann hält sich der Videoassistent raus. Daran halten die sich auch weitestgehend.

Dann gibt es aber auch die Beispiele, die zeigen: Trotz Videoeinsatz bleibt die Entscheidung Auslegungssache. Beim Spiel Iran-Portugal wurde ein Handelfmeter gepfiffen, im Spiel zwischen Argentinien und Nigeria ging der Ball auch an die Hand, aber auch nach Einsatz des VARs gab es keinen Elfer.

Nein, es gibt auch keine komplett einheitliche Linie. Ich würde aber auch behaupten, die wird es niemals geben können. Um die Beispiele aufzugreifen: Man kann mit den Bildern immer nachweisen, ob der Ball mit der Hand berührt worden ist. Ob das jetzt aber auch strafbar gewesen ist, zeigen die Bilder nicht immer. Da gibt es verschiedene Kriterien, wodurch die Situationen nicht einheitlich sind, das ist dann eine Auslegungssache. Deswegen ist der Begriff „Beweis“ eigentlich falsch. Die Bilder beweisen oft nicht wirklich etwas. Die meisten Bilder müssen interpretiert werden. Und Interpretationen lassen sich nicht vereinheitlichen, dafür gibt’s im Regelwerk zu viel Platz für Spekulationen.

Deswegen würde ich immer schauen, wann haben sie eingegriffen und gibt’s in diesen Eingriffen eine einheitliche Linie. Und dahingehend würde ich sagen, dass das bis auf einige Entscheidungen, der Fall war. "

Wo zum Beispiel nicht? 

Beispielsweise beim Handelfmeter im Spiel Iran-Portugal kurz vor Schluss, den ich für falsch halte.

Blicken wir zurück auf das Spiel Deutschland gegen Schweden: Jerome Boateng brachte den Schweden Markus Berg im Sechszehner zu Fall, ein Pfiff blieb aus – wann soll, wann muss, wann darf der Schiri auf den VAR zurückgreifen? 

Der Videoassisstent darf immer dann auf den Schiri einwirken, wenn er auf Grundlage der Bilder sagt: ,Für mich ist das, was der Schiri gerade gemacht hat, klar und offensichtlich falsch.' In dem Beispiel sieht man einen harten, grenzwertigen Zweikampf. Als Schiedsrichter denkt man sich: ,Klar, den Kontakt habe ich auch wahrgenommen, aber das reicht mir noch nicht'. Dem Schiri der Partie war es zu wenig, um in einem bedeutenden Spiel nach 13 Minuten die härteste Sanktion zu treffen, die man treffen kann als Schiedsrichter. Die Situation war ihm nicht klar genug. Der Videoassistent sieht dann in Zeitlupe genau, wie der Kontakt war. Er muss sich dann fragen, ob es wirklich komplett falsch war, da weiterspielen zu lassen. Wenn der Schiri aber zu verstehen gibt: ,Hab ich gesehen, beurteilt, aber reicht mir nicht', dann geht der VAR nicht ran. Weil die Schiri-Entscheidung eben nicht komplett falsch war.

Gibt es einen Unterschied zwischen dem VAR-Einsatz bei der WM und dem in der Bundesliga?

Wenn man die Rückrunde der Bundesliga nimmt, sind die Unterschiede deutlich geringer, als man glaubt. In der Rückrunde wurde den Schiris gesagt: Bei schwarz-weiß Entscheidungen reicht es, wenn ihr auf euren Videoassistenten hört – bei allen anderen: Schaut selbst draußen nach. Das haben sie beherzigt. Auch die Anweisung, nicht mehr ganz so häufig dazwischen zu gehen wurde befolgt. In der Hinrunde hatten wir 48 Berichtigungen durch den Videobeweis, in der Rückrunde waren es nur noch 28 Korrekturen. Da ist die Linie deutlich geändert worden. Das, was wir bei der WM sehen, ist von dem, was in der Bundesliga war, nicht wahnsinnig weit entfernt. Es wird aber anders wahrgenommen.

Warum ist das so?

Man ist bei der WM in den allermeisten Spielen emotional deutlich weniger involviert, als in der Bundesliga, wo ja meist irgendwie der Lieblingsverein mitspielt. Viele, die den Videobeweis jetzt loben, die schauen Argentinien gegen Island, haben aber eine größere Distanz zu dem Spiel. Da werden Entscheidungen getroffen, nach denen groß diskutiert werden würde, wenn die Akteure Franck Ribéry und Gonzalo Castro hießen und das Spiel wäre Bayern gegen Dortmund. Außerdem wird der Videobeweis meiner Meinung nach positiver bewertet, weil die Transparenz im Vergleich zu Bundesliga viel größer ist.

Inwiefern?

Die Zuschauer bekommen bei einem Review genau die Bilder zu sehen, die sich auch der Schiedsrichter noch einmal anschaut Sie wissen, worum es geht. Was aber viel wichtiger ist: Auch die Zuschauer im Stadion bekommen mitgeteilt, aus welchen Gründen es den Videobeweis gibt. Und nach der Entscheidung wird ihnen die strittige Szene auf der Videowand gezeigt. Das wird in der Bundesliga nicht gemacht, was auch zu großer Kritik in den Stadien geführt hat. Die Leute haben einfach zu wenig mitbekommen. Die DFL überlegt aber mittlerweile, das ähnlich wie bei der WM zu machen.

Wo sehen Sie die Zukunft des VAR?

Die Bundesliga hat klar gemacht, dass sie ihn fortsetzt und auch in der 2. Bundesliga einführt. Andere Verbände kommen dazu, Spanien beispielsweise. Die Weltmeisterschaft, von der einige angenommen haben, dass sie das Grab des Videobeweises sein könnte, ist es bis jetzt nicht gewesen. Ich glaube, dass er gerade in den großen Ligen, die auch andere finanzielle und infrastrukturelle Möglichkeiten haben, bleiben wird. Die Praxis wird fortschreiten und den Videobeweis besser machen. Meine Prophezeiung wäre, dass er bleibt und sich noch mehr ausweitet.

"In den ersten Spielen hat die Fifa ihre besten Pferde ins Rennen geschickt"

Sind Sie bei der WM bislang mit der Leistung der Schiedsrichter zufrieden?

Ja, bin ich. Es ist besser, als ich dachte. Die Schiedsrichterkommission der FIFA hat da gute Arbeit geleistet. Es gab viele richtig gute Leistungen. Ich denke da an Björn Kuipers beispielsweise im Spiel Brasilien-Costa Rica, wo er den Elfmeter für Neymar zurückgenommen hat. Aber auch von Schiedsrichtern aus kleineren Verbänden, Malang Diedhiou aus dem Senegal hat mir gut gefallen. Die Leistung der WM-Schiedsrichter ist deutlich besser, als bei der WM 2014. Das hat einen nicht entscheidenden Grund.

Und zwar?

Bei der WM 2014 hat man beim Eröffnungsspiel einen Schiedsrichter aus Japan hingeschickt, der international eindeutig zweitklassig war. Der hat 70 Minuten lang gut gepfiffen und dann einen Elfmeter für Brasilien gegeben, der einfach keiner war. Damit hatten wir schon die erste Schiedsrichterdiskussion, die sich fortgesetzt hat. Auch, weil anschließend Schiedsrichter eingesetzt wurden, die viele falsche und schlechte Entscheidungen getroffen haben. So standen sie direkt in der Kritik.

In Russland hingegen wurde für einen besseren Start gesorgt?

In den ersten Spielen hat die Fifa ihre besten Pferde ins Rennen geschickt. Nestor Pitana aus Argentinen pfiff das Eröffnungsspiel, danach kam Cuneyt Cakir, Björn Kuipers und Gianluca Rocchi – alles gestandene, international erfahrene Schiedsrichter. Dadurch war erstmal Ruhe. Für Schiedsrichter ist ein guter Turnierstart ebenso wichtig, wie für die Mannschaften. Dieses Mal gab es dafür günstigere Voraussetzungen.

"Wilmar Roldan war 'unter aller Kanone'"

Gab es auch Totalausfälle?

Was Wilmar Roldan bei England-Tunesien und Ägypten-Saudi Arabien gepfiffen hat war „unter aller Kanone“, in beiden Spielen muss man klar sagen. Er ist ein umstrittener Schiedsrichter und das schon seit Jahren. Es hat mich gewundert, dass er überhaupt berufen worden ist. Der ist sicherlich negativ aufgefallen. Die positiven Leistungen überwiegen aber bei Weitem.

Welcher Schiedsrichter hat Ihnen am besten gefallen?

Was ich bis jetzt von Björn Kuipers aus den Niederlanden gesehen habe, war aller Ehren wert. Der Mann hat mit Sicherheit auch gute Chancen darauf, bis zum Turnierende dabei zu sein. Eben auch, weil die Niederlande nicht teilnehmen. Auch der Italiener Gianluca Rocci wird da in der Verlosung für das Finale dabei sein.

Kuipers fiel im Spiel Brasilien-Costa Rica unter anderem dadurch auf, dass er Neymar deutlich seine Grenzen aufzeigte, nachdem dieser wiederholt durch Meckern aufgefallen war. 

Das funktioniert in jeder Liga. Wenn man merkt, wer da quasi den Hut auf hat in der jeweiligen Mannschaft, dann kann man schon mal für einen schönen Spielzug loben, man kann ihm sagen: „Du euer Sechser, der ist grad etwas auffällig. Du hast hier doch was zu sagen, sieh mal zu, dass der mir vom Leib bleibt.“ Oder wenn man etwas fallen lässt wie: 'Schau mal, du bist so ein guter Fußballer, jetzt hast du da grad so ein Foul gemacht, hast du das wirklich nötig, dich da so daneben zu benehmen?'. Da gibt es verschiedene psychologische Mittel, die anzusprechen. Diese Psychotricks muss ein guter Schiedsrichter draufhaben.

Björn Kuipers hat das bei Neymar geschafft. Wenn man wie in dem Fall, dem Superstar den Elfmeter aberkennt, verschafft man sich Respekt. Anschließend bekommt er noch Gelb wegen Meckern. Da hat Kuipers klar gemacht, dass da eine Grenze überschritten wurde, Neymar zu häufig fällt und zu viel Diva ist. Da muss man die Persönlichkeit zu haben, sowas durchzuziehen.

Es gab bislang so viele Elfmeter wie bei noch keiner anderen WM. Ist der Grund nur der VAR oder wurde früher allgemein mehr laufen gelassen?

Der Videoassistent trägt zu dieser Bilanz nicht unentscheidend bei, keine Frage. Der andere Punkt ist die Veränderung der Spielweise. Da müsste man eigentlich mit Experten der Spielverlagerung zu sprechen. Dabei muss man sich Fragen stellen wie: Ist das Spiel möglicherweise schneller und direkter geworden, findet das Spiel mehr im Strafraum statt, sind die Verteidiger risikobereiter als früher. Ich habe den Eindruck, dass es vermehrt zu Strafraumszenen kommt. Viele Mannschaften sind auf Konter aus, da ist die Gefahr für ein Foul im Strafraum aufgrund der Schnelligkeit natürlich höher.


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