WM 2018 Abschneiden Afrikas und Asiens zeigt Lücke auf

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Ein betrübter senegalesischer Fan nach dem Ausscheiden seiner Nationalmannschaft. Foto: imago/XinhuaEin betrübter senegalesischer Fan nach dem Ausscheiden seiner Nationalmannschaft. Foto: imago/Xinhua

Samara. Auch im Jahr 2018 zeigt das WM-Tableau das gewohnte Bild: Vertreter aus Afrika und Asien spielen keine oder kaum eine Rolle, und der Titel führt wieder über Südamerika und Europa.

So schnell wollte die tapfere Schar der Trommler und Tänzer aus dem Senegal nicht abziehen: Zwei Fangruppen, jeweils nur eine Hundertschaft, hatten sich in der Kosmos-Arena von Samara mit ihrem unermüdlichen Eifer inmitten von 20.000 lärmenden Anhängern aus Kolumbien mehr als Respekt verdient. Gerade mal 300 der offiziell veräußerten 41.970 Tickets für das letzte Gruppenspiel zwischen Kolumbien gegen Senegal (1:0) waren an die Westküste Afrikas gegangen, wo sich nicht viele der 15 Millionen Einwohner eine WM-Reise leisten können. Das Land ächzt und stöhnt unter seinen vielen Problemen – und dem Bevölkerungswachstum.

Nationalmannschaft kann Zeichen der Hoffnung aussenden

Eine Fußball-Nationalmannschaft kann in die Heimat immerhin Zeichen der Hoffnung aussenden. Doch hatte das senegalesische Ensemble zwei Gelbe Karten zu viel auf dem Konto, der letzte Vertreter Afrikas musste wegen der Fairplay-Wertung die Segel streichen. Oder weil ihr Abwehrspieler Idrissa Gueye vom FC Everton beim Gegentor etwas zu lässig und lange am Pfosten lehnte? Genau wie zuvor Ägypten, Tunesien, Marokko und Nigeria schied auch ein mit Profis aus den europäischen Topnationen gespicktes Team aus. Gesamtbilanz des Quintetts: 15 Spiele, drei Siege, zwei Unentschieden, zehn Niederlagen. In der Bundesliga würde das einen Abstiegsplatz bedeuten. Erstmals seit der WM 1982 ist kein afrikanisches Team im Achtelfinale dabei.

Senegals Trainer Aliou Cissé. Foto: dpa/Natacha Pisarenko/AP

Senegals Nationaltrainer Aliou Cissé wollte gleichwohl nicht schwarzmalen: "Es passieren in der Zukunft noch großartige Dinge. Ich habe mir die anderen Spiele angeschaut: Wir sollten uns nicht schämen. Wir sind auf dem richtigen Weg." Woher der Ex-Profi aus der Premier League diese Zuversicht nimmt, erschließt sich nicht wirklich. Der 42-Jährige spielte selbst ja als Stütze bei der WM 2002 mit, als Senegal nur unglücklich im Viertelfinale gegen die Türkei in der Verlängerung scheiterte und als erster Vertreter nach Kamerun 1990 überhaupt in die Runde der letzten Acht eingezogen war. Doch wo sind die Nachahmer? 

Entwicklungsprogramme fruchten nicht

Die im Zuge der WM-Vergabe 2010 nach Südafrika aufgelegten Entwicklungsprogramme fruchten nicht wirklich. Weil die Länder ganz andere Sorgen haben? Weil die Fifa-Zuwendungen auf den Konten der Funktionäre landen? Afrika-Kenner und Nigerias Nationaltrainer Gernot Rohr mag sich mit den strukturellen Problemen arrangieren, andere Fußballlehrer verzweifeln daran. Die Chancen werden auch nicht zwangsläufig besser, wenn 2026 zum 48er-Mammutturnier in den USA, Kanada und Mexiko sogar neun Mannschaften vom zweitgrößten Erdteil teilnehmen. Durch Leistung wird die Beinahe-Verdopplung der Startplätze bislang nicht unterfüttert.

Die Mannschaften aus Europa (zehn) und Südamerika (vier) bilden im Wettstreit um den Weltpokal wie gewohnt die Benchmark – Mittelamerika mit Mexiko gibt fürs Achtelfinale den gewohnten Eindringling. Die gerne vom einstigen Fifa-Sonnenkönig Sepp Blatter vorhergesagte Ablösung der europäischen Dominanz zeichnet sich nicht mal entfernt am Horizont ab. Weil auch die asiatische Konföderation nicht den Anschluss schafft. Auch hier geht eine Schere auf. WM-Achtelfinalisten 2018: einer, die mit Ach und Krach qualifizierten Japaner. WM-Teilnehmer 2026: acht statt bisher vier oder fünf. Immerhin: Die Niveauunterschiede sind nicht mehr so groß wie früher. Die Zeiten, dass Exoten konfus übers Feld stolperten, sind längst passé. Und daher waren auch die mühelosen Torfestivals von England gegen Panama (6:1), Russland gegen Saudi-Arabien (5:0) oder Belgien gegen Tunesien (5:2) die Ausnahme.

Gruppenphase verlief spannend

So verlief die Gruppenphase, in der 122 Tore (2,54 pro Spiel) fielen und allein Uruguay ohne Gegentor durchkam, zwar selten so spektakulär wie beim Schlagabtausch Spanien gegen Portugal (3:3), aber immerhin spannend. "Es war ausgeglichen, es lagen Überraschungen in der Luft", urteilte José Pekerman, der argentinische Altmeister im Dienste von Kolumbien. In einer Gruppen-Konstellation mit Senegal, Polen und Japan – vier Kontrahenten von vier Kontinenten – konnte tatsächlich jeder jeden schlagen. Auch in zwei anderen Gruppen, darunter bekanntlich die deutsche, ereigneten sich am letzten Spieltag wirre Wendungen und spielten sich wahre Dramen ab. Mit wechselnden Tabellenständen. Mit unfassbaren Gefühlsschwankungen.

"Wenn sich die Regeln nicht verändern, wird der Graben noch tiefer"

Der Iran hätte in der Nachspielzeit fast den Europameister Portugal eliminiert. Welche Genugtuung wäre das für den einstigen portugiesischen Nationaltrainer und Cristiano-Ronaldo-Förderer Carlos Queiroz gewesen, der seit sieben Jahren als Aufbauhelfer am Persischen Golf arbeitet? Und doch glaubt der ehemalige Trainer von Real Madrid nicht, dass sich die Rückstände aufholen lassen. Im Gegenteil: Aus seiner Sicht färbt das globale Ungleichgewicht direkt auf den Fußball ab. "Wenn sich die Regeln nicht verändern, wird der Graben noch tiefer werden. Einen Benefit gibt es derzeit nur, wenn möglichst viele deiner Profis auf dem besten Niveau in Europa spielen." Doch eine Garantie fürs Achtelfinalticket ist damit nicht verbunden. Siehe Senegal, deren Trommler und Tänzer wieder in der Heimat sind, wenn jetzt die K.o.-Phase beginnt.


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