WM 2018 Wolgograd: Fußball auf dem einstigen Schlachtfeld

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Geschichtliche Exkursion mit Fanfahnen – viele Fußball-Anhänger besuchen auch die Gedenkstätten. Foto: Imago/ITAR-TASSGeschichtliche Exkursion mit Fanfahnen – viele Fußball-Anhänger besuchen auch die Gedenkstätten. Foto: Imago/ITAR-TASS

Wolgograd. Während der Fußball-WM 2018 in Russland finden die Spiele unter anderem in Wolgograd statt – ein besonderer Ort.

Beim WM-Spiel Ägypten gegen Saudi-Arabien leuchtete der Rasen der Wolgograd-Arena in lebendigem Grün. Vor Kurzem haben sie genau hier Leichenteile ausgegraben – normal bei Baustellen am Ort der wohl größten Kriegsschlacht aller Zeiten: Stalingrad 1942/43. Aktuell bringen Fußballfans aus aller Welt Leichtigkeit in die Gedenkstätten an der Arena. 

Die "Alte Mühle" - das einzige Gebäude Wolgograds, das im Zustand von 1943 erhalten worden ist, dient heute als Gedenkstätte. Foto: Benjamin Kraus

Vom Olympiastadion Berlin, Ort der Nazi-Spiele 1936, zur WM-Arena am Ufer der Wolga sind es über 2500 Kilometer – 30 Stunden mit dem Auto. Nonstop-Flüge nach Wolgograd gibt es nicht: Wer aus Deutschland kommt, reist über Moskau. Wolgograd ist selbst im Jahr 2018 ein Ort fernab von Mitteleuropa. Umso absurder erscheint es, dass Hitler-Deutschland die Stadt vor 75 Jahren erobern wollte – mit Gewaltexzessen, für deren Beschreibung es keine Worte gibt. 

Alte russische Panzer stehen vor der „Alten Mühle“.Foto: Benjamin Kraus

Zahlen helfen nur bedingt zur Erfassung des Leides, das mit der Schlacht von Stalingrad, wie die Stadt bis 1961 hieß, vor allem über die Russen hereinbrach. Man schätzt, dass im bitterkalten Winter 1942/43 über eine Dreiviertelmillion Soldaten und Zivilisten ihr Leben ließ – die meisten davon Einheimische. Nicht annähernd erfasst ist die Zahl der Verwundeten, die Arme, Beine und weitere Gliedmaßen verloren. Gar nicht statistisch erfasst sind Wunden in den Köpfen der Wolgograder, die erlebt haben, wie die Nazis Verwandte und Freunde töteten und kein intaktes Haus, dafür aber über 50 000 stinkende Pferdekadaver zurückgelassen haben. 

Stahlhelme liegen auf den Grabsteinen auf dem „Soldatenfriedhof Rossoschka“. Hier liegen gefallene Soldaten der deutschen Wehrmacht und der Roten Armee, nur getrennt durch eine schmale Straße. Foto: dpa

Bestattungen auf vielen Friedhöfen

Auch heute noch graben die Wolgograder auf Baustellen in der Stadt Leichenteile aus, die jener Schlacht zuzuordnen sind. Wie beim Ausbau der Wolgograd-Arena in den letzten Jahren. Die Bestattung der Leichen erfolgt dann wie immer auf einem der vielen Friedhöfe, die auch im Jahr 2018 weiter wachsen. Wer etwa auf dem 30 Kilometer außerhalb der Stadt liegenden Soldatenfriedhof „Rossoschka“ auf unscheinbare Granitquader zuläuft, die sich gegen den Wind in die karge russische Steppe ducken, erkennt plötzlich die Namen deutscher Gefallener – und findet fast sicher eine lange Liste mit seinem eigenen Nachnamen.

 Aber es ist nicht so, dass die Erinnerung an Deutsche nur in jene Provinz verbannt worden ist, die Hitler unter dem zynischen Motto „Lebensraum im Osten“ mit okkupieren wollte. Den zentralen Gedenkort der Russen in der Millionenstadt prägen leise Klänge aus Deutschland mit. Der „Saal des militärischen Ruhmes“ liegt zwischen der WM-Arena unten am Fluss und der gigantischen, 80 Meter hohen und 8000 Tonnen schweren Statue „Mutter Heimat ruft“ auf der Spitze des MamaiHügels. An den Wänden des Pantheons stehen Namen sowjetischer Gefallener. Zu hören ist aber deutsche Musik: Vom Band läuft in Endlosschleife „Träumerei“, ein Klavierstück des in Zwickau geborenen Komponisten Robert Schumann. Lange opponierten russische Veteranenverbände dagegen. Doch der Wunsch vieler Wolgograder, ein Zeichen der Versöhnung über alte Kriegsgräben hinweg zu senden, ist bis heute größer. 

Realistische Kriegsszenen

In diesen Tagen bringen Fußballfans aus allen Erdteilen eine gewisse Leichtigkeit in die monumentalen Gedenkstätten – ohne aber diesen die Würde zu nehmen. Ägypter, die später im Stadion frenetisch ihre Elf anfeuern, nähern sich der Ehrengarde in prunkvollen Uniformen respektvoll, bevor sie ihr Erinnerungsfoto an der ewigen Flamme schießen. Auf dem Weg hinunter zur Wolga senkt der Eindruck der in Fels gehauenen, beängstigend realistisch abgebildeten Kriegsszenen ihre Stimmen. Ein Effekt, den man auch bei mehr deutschen Fans gern beobachtet hätte – vor allem, wenn man erlebt, wie unbelastet und offen die Wolgograder heute Angehörigen jenes Volkes begegnen, das sie einst vernichten wollte. Der Turnierplan aber führt die Elf von Bundestrainer Joachim Löw nicht nach Wolgograd – und die Aktivitäten des DFB beschränkten sich auf ein U-18-Freundschaftsspiel weit im Vorfeld der WM.

Der "Saal des militärischen Ruhmes": Soldaten halten hier Ehrenwache vor dem ewigen Feuer. An den Wänden stehen die Namen der Gefallenen. Foto: Benjamin Kraus

Valeria findet das schade. Die 26-jährige Deutschlehrerin sieht die WM als große Chance für ihre Stadt, international den Anschluss zu halten. Denn das ist ein Thema unter jungen Wolgogradern: Das einstige industrielle Rückgrat der Sowjetunion hat nach deren Ende und in Zeiten des Aufkommens neuer starker Kräfte in den be nachbarten, teils selbstständigen Kaukasus-Republiken überregional an Bedeutung verloren. 

Wer vom Sockel der "Mutter Heimat ruft" die 103 Meter hinunter ins Flusstal blickt, sieht neben der futuristisch glänzenden Fassade des WM-Stadions auch großflächige Industriebrachen. Dabei ist Wolgograd eine wunderschöne Stadt, die im Juni 2018 unbekümmerte mediterrane Lebensart am Sandstrand der Wolga mit russischem Flair verbindet: Mit Oberleitungsbussen, von außen leicht abgerockt wirkenden Wohnblöcken und einem schmucken Zentrum, dessen Prachtmeile die FIFA mit ihrem Fanfest eingenommen hat.

Es ist der Ort, an dem Valeria und ihre Freunde immer feiern – nun mit den Gästen aus aller Welt. Es ist Sommer in Wolgograd. Nicht nur seinen Menschen ist zu wünschen, dass er möglichst lange dauert. 


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