Tops und Flops Halbzeitbilanz der WM 2018: Friedliche Fans, späte Tore und gefallene Favoriten

Von Alexander Barklage

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Die Fans der Peruaner werden in der K.o.-Phase fehlen. Foto: imago/Agencia EFEDie Fans der Peruaner werden in der K.o.-Phase fehlen. Foto: imago/Agencia EFE

Hamburg. 32 von 64 Partien sind absolviert: Ein erstes Zwischenfazit zu bisherigen Überraschungen, Gewinnern und Verlierern des Turniers in Russland.

Es ist Halbzeit in Russland. Nach dem Ende des 2. Spieltages sind schon 32 der insgesamt 64 WM-Spiele absolviert. Zeit ein vorläufiges Fazit zu ziehen. Welches Team hat überrascht? Welche Mannschaften haben enttäuscht? Was war der bisheriger Aufreger des Turniers? Was klappte gut, was klappte nicht so gut?

Das Positive zuerst. In den 32 Partien gab es noch kein einziges torloses Spiel. Nach der ersten Turnierwochen dominierten noch die mageren 1:0-Siege, doch spätestens seit dem vergangenen Wochenende mit den torreichen Spielen der Gruppe G hat sich das Torkontingent auf 85 hochgeschraubt, das macht einen Schnitt von 2,7 Tore pro Partie. 

Die Flops des Wettbewerbs

Bereits vor dem letzten Spieltag hat es einige Teams erwischt. Acht Mannschaften haben schon keine Chance mehr auf das Achtelfinale. Dass Saudi-Arabien, Ägypten oder Panama dabei sind, ist sicherlich keine Überraschung. Das aber auch Polen unter diesen Teams zu finden ist, ist schon ungewöhnlich. Das Team um Stürmer-Star Robert Lewandowski enttäuschte in der Gruppe H gegen Senegal und Kolumbien völlig und kann sich im letzten Gruppenspiel gegen Japan nur noch ehrenhaft von der WM verabschieden. 

Bevor die WM so richtig losgeht, ist sie für Robert Lewandowski und Polen bereits schon wieder vorbei. Foto: imago/SVEN SIMON

Noch nicht ausgeschieden, aber bislang wenig überzeugt haben Argentinien und das DFB-Team. Die beiden Finalisten der WM 2014 taten sich bislang sehr schwer. Die Südamerikaner haben erst einen Punkt auf dem Konto, Deutschland gewann immerhin in allerletzter Minute gegen Schweden. Sowohl Argentinien als auch Deutschland können jedoch noch aus eigener Kraft ins Achtelfinale einziehen. 

Die Top-Teams

Besonders Belgien und England zeigten in der Gruppe G ihr enormes Offensivpotenzial. Vor dem Gipfeltreffen am letzten Spieltag, wenn es um den Gruppensieg geht, haben beide Teams das exakt selbe Punkte- und Torkonto. Englands Kapitän Harry Kane führt mit fünf Treffern die WM-Torschützenliste an und auch die Belgier haben gezeigt, dass sie mit ihren bisher acht geschossenen Toren im Angriff besonders gefährlich sind. Allerdings müssen beide Teams ihre gute Form noch gegen bessere Gegner zeigen, erst dann kann man die wahre Stärke beider einschätzen.

Dem engeren Favoritenkreis sind sie aber zuzuordnen. Als Geheimfavorit waren die Kroaten schon oft in ein Turnier gestartet. Doch seit dem Halbfinal-Einzug bei der WM 1998 in Frankreich konnten sie nicht mehr viel reißen. Nach dem überragenden 3:0 gegen Argentinien sind viele Experten davon überzeugt, dass Kroatien um Mittelfeldspieler Luca Modric dieses Mal um den Titel mitspielen kann. 

Mit zwei nicht gerade überzeugenden Gruppensiegen ist Frankreich bereits für das Achtelfinale qualifiziert. Die Franzosen deuteten bislang nur ihr großes Potenzial an, können sich im Verlauf des Turnier aber sicherlich noch steigern. Im Achtelfinale wäre aber ein Duell mit Vize-Weltmeister Argentinien möglich. Erfrischenden Fußball spielten bislang die Mexikaner. Nach dem Coup gegen Deutschland gewannen die Mittelamerikaner auch verdient gegen Südkorea. Das Team von Trainer Osorio ist sicherlich eine positive Überraschung des bisherigen Turniers.

Das beste Spiel des Turniers

Bereits am zweiten Turniertag standen sich mit Portugal und Spanien zwei Topteams gegenüber. Und dieses Mal hielt die Partie, was sich alle davon versprachen. Es war ein hochklassige Spiel mit sechs Treffern, Führungswechseln und einem Last-Minute-Tor von Portugal zum 3:3-Endstand. Mann des Abends war zweifelsfrei Cristiano Ronaldo. Der portugiesische Superstar schoss alle drei Tore für sein Land. Allein das 3:3 per direktem Freistoß war das Eintrittsgeld wert.



FIFA und VAR Gewinner des Turniers

Der bisherige Gewinner der WM ist die FIFA, die es geschafft hat, den Video-Assistenten besser einzusetzen, als es bisher in der Bundesliga der Fall war. Die ganz große Konfusion ist bisher ausgeblieben. Nur bei absolut unklaren Situation überprüft der Schiedsrichter noch einmal am Spielfeldrand. Die Diskussionen reißen aber natürlich nicht ab, vor allem wenn der Video-Assistent nicht eingreift: Brasilien fühlte sich schon betrogen, Serbien wütete über Schiedsrichter Felix Brych. Dass Spieler und Trainer mit ihren Händen die Bildschirm-Geste machen, hat das Gelb-Fordern als häufigste Protestform auf dem Rasen abgelöst.

Englands Harry Kane traf beim 6:1 gegen Panama gleich zweimal vom Punkt. Foto: imago/Sven Simon

Elfmeter und Standardtore deutlich über Niveau

Der Videobeweis lässt offensichtlich auch die Zahl der Strafstöße deutlich steigen. Nach 32 Spielen wurden 13 Elfmeter verwandelt, 16 gab es insgesamt - damit ist bereits der Wert der kompletten Weltmeisterschaften 2014 (13) und 2010 (15) übertroffen. 2002 wurden zuletzt 18 Strafstöße gepfiffen. Insgesamt gab es bei sechs Elfmetern in Russland eine Intervention des Video-Assistenten, die maßgeblich zur Entscheidung beitrug. Auch die Gesamt-Anzahl der Standardtore liegt deutlich über dem Niveau vergangener Weltmeisterschaften.




Späte Treffer im Trend

Toni Kroos macht es vor. Der Trend zum Treffer in der Nachspielzeit geht auch bei dieser WM ungebremst weiter. Der deutsche Star von Real Madrid sorgte für das zehnte Tor nach der 90. Minute. Bei der WM 2010 in Südafrika wurden über das komplette Turnier nur sechs Tore in der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit erzielt, vier Jahre später in Brasilien waren es schon zwölf. Begünstigt wird die Entwicklung in Russland auch durch die Anweisung, sämtliche durch den Videobeweis verlorene Zeit nachzuholen. So erzielte Brasiliens Superstar Neymar in der 90.+7 Minute laut Opta den spätesten, seit 1966 erfassten Treffer in der regulären Spielzeit der WM-Geschichte.

Fans bleiben friedlich

Nicht nur wegen der attraktiven Spielweise ist es ein großer Verlust, dass Peru nach der Vorrunde die Heimreise antreten muss. Vor allem die Fans der Südamerikaner sorgten bei den beiden Spielen für eine atemberaubende Stimmung. Bei den Auftritten in Saransk und Jekaterinenburg waren teilweise bis 20.000 Peruaner im Stadion. Aber auch die Fans von Kolumbien, Argentinien, Uruguay und Brasilien waren farbenfroh und stimmungsvoll. Für ein künstliches Erdbeben sorgten die mexikanischen Fans in ihrer Heimat, auch in Russland beleben sie das Turnier mit ihrem friedlichen und dennoch äußerst enthusiatischen Auftreten. Aus europäischer Sicht fehlen die Fans der Waliser oder Iren, die isländischen Fans beeindrucken, wie schon bei der EM 2016, mit ihrem einschüchternden Schlachtruf "Huh".

Mit dpa-Material


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