zuletzt aktualisiert vor

WM-Reporter auf Reisen Im Nachtzug nach Sotchi: Ein unvergessliches Erlebnis

Von Benjamin Kraus

Reporter Benjamin Kraus (2.v.r.) freundet sich im Zug nach Sotchi mit drei schwedischen Fans an. Foto: Benjamin KrausReporter Benjamin Kraus (2.v.r.) freundet sich im Zug nach Sotchi mit drei schwedischen Fans an. Foto: Benjamin Kraus

Sotchi. 24 Stunden unterwegs, 1600 Kilometer ab Stück. Reporter Benjamin Kraus reist zum zweiten Spiel der Deutschen mit dem Zug.

30 Minuten Fahrt liegen hinter uns, als ich aus meiner Liegeposition unter der Decke des Abteils den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr wahrnehme. Die Wohnsilo-Vorstadtviertel Moskaus liegen hinter uns, seit einiger Zeit ziehen vor dem Zugfenster Birken gleichförmig an meinen Augen vorüber. Eine schöne, aber auch karge flache Landschaft, ab und zu unterbrochen durch Datscha-Siedlungen für Moskowiter, die sich das Häuschen vor den Toren der Stadt leisten können.

Russische Gastfreundschaft

Es ist der Moment, in dem mich Sveta aus meinen Gedanken reißt. Mit ihr, ihrem Mann Mischa und Sohn Sash teile ich das sechs, sieben Quadratmeter kleine Abteil mit zwei übereinander montierten Schlafpritschen auf jeder Seite. Jetzt strahlt mich Sveta aus großen braunen Augen an: Ich soll runterkommen, zu Mischa auf die Matratze: Essen ist fertig.


Wenn man kein Kyrillisch kann, ist schwer den richtigen Zug und das richtige Gleis zu finden. Foto: Benjamin Kraus


Essen im Zug in Russland: Keinesfalls nur das von der staatlichen Eisenbahngesellschaft gereichte Mahl, das mit dem vergleichbar ist, was man auf Flugreisen erhält. Essen im Zug in Russland ist ein Fest, eine Orgie. Sveta beginnt aufzutischen: Käse- und Wurst-Sandwiches, liebevoll vorbereitet, zusammengehalten durch Zahnstocher mit Herzchen obendrauf. Pastilla, der herrlich schmeckende süße Nachtisch aus getrocknetem Fruchtpüree. Und als Krönung der grandiose Schinken aus Pferdefleisch, den sie frisch vom Besuch eines WM-Spiels aus Kasan mitgebracht haben.

Reporter unterwegs bei Fußball-WM 2018: WM-Blog „Fussland“

Drei Partien haben sie schon gesehen, berichtet Mischa. Der Ingenieur, Anhänger von Spartak Moskau, wähnt sich derzeit – ähnlich wie ich angesichts des Festmahls – im Ausnahmezustand: "Auch wir Russen sind total überrascht, wie alles läuft: Unser Team gewinnt, und noch besser: Wir dürfen zur WM umsonst mit Fanzügen durchs Land reisen", sagt er. Den Regelzug haben sie nur diesmal genommen, weil Sash mitfährt. Der Fünfjährige, der den englisch sprechenden Fremden interessiert mustert, wird in Sotschi an die Großeltern übergeben. Sveta und Mischa gehen zum Deutschland-Spiel ins Stadion. Auch Tickets für das Spiel der Schweiz gegen Costa Rica in Nishni Nowgorood am Mittwoch haben sie schon.


Im Nachtzug nach Sotchi lernt Benjamin Kraus eine russische Familie kennen. Foto: Benjamin Kraus


Wie sie die 1800 Kilometer dorthin zurücklegen? Natürlich mit dem Zug, sagt Sveta – und lacht, als sie meinen fassungslosen Blick bemerkt. „Wir leben und arbeiten in Moskau, stammen aber aus Uljanowsk an der Wolga“, erklärt die Personalerin aus der Metallbranche. Wenn es am Wochenende zu Sashs Großeltern geht, fahren sie die 13 Stunden stets über Nacht – im Zug wird geschlafen, am Morgen danach gibt es bei Oma und Opa sofort Programm.

Zum Abendessen gibt's Borscht

Wie gut sie in den hin und her schwankenden Waggons entspannen können, erlebe ich, als Sveta am Abend ihrem Sohn bei herunter gedimmten Licht eine Geschichte vorliest und sich danach zum Einschlafen liebevoll an ihn kuschelt. Zuvor konnte ich mein schlechtes Gewissen angesichts ihrer überwältigenden Gastfreundschaft etwas beruhigen, indem ich die drei zum Abendessen eingeladen habe. Soljanka mit würzigen Ingredienzen, Borscht mit Roter Beete: deftige russische Suppen geben dem Tag im Speisewagen den perfekten Ausklang.

Dort fällt mein Blick auf die weiteren Fahrgäste – viele junge Menschen, die sich lautstark über mehrere Tische und den Gang hinweg unterhalten. Die meisten Russen, in der Mehrzahl eher keine Fußballfans. Dennoch erkenne ich biertrinkende Mexikaner, Deutsche mit einem selbstgebastelten WM-Pokal – und lande am Tisch bei Magnus, Fabian und Carl.


Mitten im Nirgendwo zwischen Moskau und Sotchi. Foto: Benjamin Kraus


Die Schweden kommen direkt aus Oslo, wo sie leben: Norwegens Hauptstadt hat eine große schwedische Gemeinde, weil es dort oft bessere Jobs gibt, erzählt mir Magnus, der seine Söhne zum Besuch des Deutschlandspiels eingeladen hat. Alle drei sind Fußballexperten: Beim Aufzählen der 20 Premier-League-Klubs der letzten Saison machen sie einen besseren Schnitt als der Sportjournalist und klatschen sich in Siegerpose ab. Ich bin erleichtert, dass ich die 16 zu 19-Pleite im Rückspiel mit der Primera Division ausgleichen kann.

Beim Halbzeit-Zwischenstopp am Abend in Liski versorgen wir uns am Bahnsteig mit Süßigkeiten und einem Feierabendbier. Denn der Schaffner im Bordrestaurant hat keins mehr, was er uns freundlich, aber bestimmt erklärt. Generell ist die Atmosphäre im fast komplett vollen Zug fernab der Eskalation – was auch daran liegt, dass für jeden der 15 Doppelstock-Waggons mit je 100 Schlafplätzen zwei Bahn-Bedienstete in Uniform zuständig sind. Sie passen auf, dass alles läuft.

Schaffnerin verschwindet mit Pass

Beim Einstieg am Kasaner Bahnhof am Morgen in Moskau fand ich das anstrengend: Diese Hektik angesichts der ausgedruckten Listen, auf denen sich mein Name nirgends wiederfand. So verschwand eine Bahn-Frau für 10 Minuten mit meinem in Deutschland gekauften Ticket sowie meinem Reisepass – was Magnus amüsiert hatte. Erste Züge von Panik seien auf meinem Gesicht erkennbar gewesen, sagt er mir.

Jetzt, in der Nacht, finde ich die Ruhe im Zug klasse. Ich bleibe noch ein wenig allein auf dem Gang stehen, genieße die letzten Strahlen des Sonnenuntergangs – und stelle beim Blick auf die Handy-Navigation plötzlich fest, dass wir uns auf ukrainischem Staatsgebiet befinden. Die politische Brisanz wird mir bewusst: Nicht weit von hier herrscht nach wie vor Krieg, schießen Russen auf Ukrainer, zerstören Häuser und Lebensgrundlagen, töten Menschen. Plötzlich klingt das Quietschen der Räder auf den Schienen aggressiv, die vorbeiziehenden Umrisse in der Dunkelheit draußen wirken unheimlich. Ich spähe angestrengt aus dem Fenster, erkenne aber kaum noch etwas. Als ich mich auf die Pritsche lege, bin ich relativ aufgewühlt.


Endlich angekommen an der Schwarzmeerküste. Foto: Benjamin Kraus


Doch das Wunder geschieht: Die wiederkehrenden Geräusche und das gleichmäßige Schaukeln wiegen mich in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Nur einmal wache ich kurz auf, als in Rostow am Don Deutsche einsteigen und ihr Abteil suchen. Einen von ihnen, Jakob aus Potsdam, treffe ich am neuen Morgen auf dem Gang. Er gehört zur Brandenburgischen Sportjugend, die gegen russische Youngster bei Straßenturnieren in Rostow und Sotschi antritt – ein vom DFB mit 25000 Euro gefördertes Begegnungsprojekt.

Geschlafen, wie ein Baby

Nun steht er wie ich gebannt am Fenster und nimmt den Wandel wahr: Erst die zügige Fahrt durch flaches Land, dann über die kurvigen Gleise durch die Ausläufer des Kaukasus-Gebirges – nun der Durchbruch ans Ufer des Schwarzen Meeres, das ruhig und endlos weit vor uns liegt. Angekommen im Urlaubsparadies: Der Kieselstrand würde nach westlichen Maßstäben nicht als luxuriös gelten, steht aber perfekt für den rauen Charme Russlands.

Dass ich diesen auf dieser Fahrt – so unmittelbar wie in einem mit 1500 Leuten besetzten Zug nur möglich – erleben durfte, war ein großes Geschenk.