Kampf gegen Armut und Rassismus Die bewegende Geschichte von Belgiens Star-Stürmer Lukaku

Von Alexander Barklage und Thomas Deterding

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Romelu Lukaku betet nach seinem Tor gegen Panama bei der Weltmeisterschaft in Russland. Foto: imago/BelgaRomelu Lukaku betet nach seinem Tor gegen Panama bei der Weltmeisterschaft in Russland. Foto: imago/Belga

Moskau. Er ist ein Star und verdient Millionen. Doch Romelu Lukaku lebte lange in Armut - dann gab er seiner Mutter ein Versprechen.

Am vergangenen Montag ebnete Romelu Lukaku Belgien mit seinen zwei Treffern beim 3:0-Erfolg gegen Panama den Weg zum Auftaktsieg bei der WM in Russland. Bereits am kommenden Samstag will er auf dem Platz erneut überzeugen, wenn es für die "Roten Teufel" in der Gruppe G gegen Tunesien geht. Auch abseits des Rasens sorgt der 25-jährige in diesen Tagen allerdings für Aufsehen: In einem eigens verfassten Beitrag für das Magazin Players' Tribune gewährt der Angreifer tiefgründige Einblicke in seine Kindheit in Belgien. Auch das Thema Rassismus spielt in seiner Lebensgeschichte eine große Rolle.

Lukaku wurde am 13. Mai 1993 in Antwerpen geboren, er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und verfolgte seit jeher nur einen Traum - jenen vom Fußballprofi. Auf dem beschwerlichen Weg dorthin begegneten dem Sohn eines zairischen Nationalspielers zahlreiche Vorbehalte, mediale Verurteilungen sowie der stetige Kampf gegen rassistische Anfeindungen. Noch in den frühen Jahren seiner Karriere sei er nach guten Spielen "Romelu Lukaku, der belgische Stürmer", genannt worden, schreibt er. "Als es nicht gut lief, nannten sie mich Romelu Lukaku, den belgischen Stürmer kongolesischer Herkunft."

Lukaku über seine Erfahrungen mit Rassismus: 

Noch heute ist der Rekordtorschütze Belgiens in der öffentlichen Wahrnehmung innerhalb seines Heimatlandes umstritten - trotz außergewöhnlicher sportlicher Leistungsdaten. "Vor allem von einigen Journalisten wurde und wird er immer wieder kritisiert. Selbst nach seinen beiden Toren gegen Panama warf man ihm beispielsweise vor, kaum am Spiel teilgenommen zu haben und Probleme mit dem Passspiel der technisch starken Mitspieler zu haben", erklärt Belgien-Experte Christian Schwarz vom Portal Transfermarkt.de.

Schwarz führt auch die stets bestehenden Zweifel an Lukakus Alter an, von denen der Stürmer im Artikel bei theplayerstribune.com ausführlich und emotional berichtet: "Als ich 11 Jahre alt war, spielte ich für die Jugendmannschaft von Lièrse und ein Elternteil eines Spielers der anderen Mannschaft versuchte buchstäblich, mich daran zu hindern, auf den Platz zu gehen. Er sagte: 'Wie alt ist dieses Kind? Wo ist sein Pass? Von wo kommt er?"`Ich dachte: Wo bin ich her? Was? Ich wurde in Antwerpen geboren. Ich komme aus Belgien." Den Kopf voller Gefühle rannte der junge Stürmer in die Kabine, holte seinen Pass und hielt diesen den anwesenden Eltern unter Tränen vor die Augen.



Mit jedem Schritt auf seinem beschwerlichen Weg verfestigte sich Lukakus Ziel: "Ich wollte der beste Fußballer der belgischen Geschichte sein. Nicht gut sein. Der Beste. Ich habe mit so viel Wut gespielt, aufgrund vieler Dinge... Wegen der Ratten, die in unserer Wohnung rumgelaufen sind... [...] Nicht zuletzt wegen der Art, wie die anderen Eltern mich ansahen. Ich war auf einer Mission."

Lukaku wuchs in Antwerpen in sehr ärmlichen Verhältnisse auf, das Geld der Eltern reichte nicht immer, um über die Runden zu kommen. "Wir hatten keinen Fernseher, manchmal keine Elektrizität oder heißes Wasser. Und als meine Mutter Wasser mit der Milch mischte, wusste ich: Wir sind pleite", schreibt der Belgier. Schon als Sechsjähriger versprach er seiner Mutter: "Ich hol uns hier raus." Als Fußballer. Am 24. Mai 2009 unterschrieb er beim RSC Anderlecht seinen ersten Profivertrag. 

"Ich sagte meiner Mutter, dass ich es mit 16 schaffen würde. Ich war um 11 Tage zu spät", schreibt Lukaku. Spätestens in diesem Moment ging sein Stern am Himmel des belgischen Fußballs endgültig auf. 

"Er galt schon sehr früh als absolutes Ausnahmetalent, seine 76 Tore in 34 Spielen als 12-Jähriger schürten beispielsweise die Erwartungen. Zugleich gab es aber auch Zweifel, ob er nicht nur von seiner körperlichen Präsenz im Jugendbereich profitierte. Als er sein Debüt als 16-Jähriger im entscheidenden Spiel um die Meisterschaft feierte, war die Euphorie um seine Person entsprechend groß", erklärt Transfermarkt-Redakteur Schwarz. 

Mit 15 Toren in 33 Ligaspielen bestätigte Lukaku bereits in der anschließenden Saison seinen außergewöhnlichen sportlichen Stellenwert. "Schon da war klar, dass er nicht allzu lange in Belgien spielen wird", so Schwarz weiter. Der Experte bewertet Lukakus 15-Mio-Euro-Wechsel von Antwerpen zum FC Chelsea 2011 allerdings als "etwas verfrüht, was sich auch in den wenigen Einsatzzeiten zeigte."

Während seiner Leihe zu West Brom gelang dem damals 19-Jährigen mit 24 Torbeteiligungen in 38 Pflichtspielen später jedoch auch auf der Insel der Durchbruch als Stammspieler. "Das ist für so einen jungen Spieler in England schon außergewöhnlich", so Schwarz. Es folgten die Schritte zum FC Everton und vergangenen Sommer schließlich zu Manchester United. Heute ist Lukaku mit einem Marktwert von 90 Mio. Euro einer der fünf wertvollsten Mittelstürmer der Welt.

Luft nach oben sieht der Experte beim 25-Jährigen dennoch: "Wenn er sich noch etwas mehr ins Spiel seiner Mannschaften einbringt, kann er sicherlich noch besser werden. Gerade in Spielen gegen Top-Teams kann er mehr zeigen, dort war auch seine Torquote zuletzt nicht allzu beeindruckend."

"Ich wünschte wirklich, mein Opa wäre noch da, um das mitzuerleben"

Bei der WM soll sich das ändern - spätestens im vermeintlichen Duell um den Gruppensieg mit England am 28. Juni kann Lukaku beweisen, dass er auch in den "großen Spielen" trifft. Egal, wie es sportlich für die „Rode Duivels“ in Russland weiter geht, ein Ziel hat der Junge aus Belgien längst erreicht - ein besseres Leben für sich und seine Familie zu schaffen. Mit Hilfe des Fußballs.

"Ich wünschte wirklich, mein Opa wäre noch da, um das mitzuerleben. Ich spreche nicht über die Premier League. Nicht Manchester United. Nicht die Champions League. Nicht die Weltmeisterschaften. Das ist nicht das, was ich meine. Ich wünschte nur, er wäre da, um das Leben zu sehen, das wir jetzt haben. Ich wünschte, ich könnte noch einen Anruf mit ihm haben, und ihm sagen: 'Siehst Du? Ich habe es dir gesagt. [...] Keine Ratten mehr in der Wohnung. Nicht mehr auf dem Boden schlafen. Kein Stress mehr. Es geht uns gut. Sie müssen nicht mehr nach dem Pass fragen. Sie kennen unseren Namen.'"


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