Huldigung eines Sportredakteurs Darum ist die Fußball-Weltmeisterschaft so großartig

Von Alexander Barklage

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Farbenfrohe Fans bei der Weltmeisterschaft. In Russland sorgen die Anhänger der 32 teilnehmenden Teams für ordentlich Stimmung im und vor den Stadien. Foto: imago/ITAR-TASSFarbenfrohe Fans bei der Weltmeisterschaft. In Russland sorgen die Anhänger der 32 teilnehmenden Teams für ordentlich Stimmung im und vor den Stadien. Foto: imago/ITAR-TASS

Hamburg. Wenn Fans sich in den Armen liegen und in den Straßen spontan ein Autokorso gestartet wird, weiß man: Es ist Fußball-WM.

Der erste Spieltag der 21. Fußball-Weltmeister ist (leider) schon wieder vorbei. Alle 32 Teams haben jetzt eine Partie absolviert. Schon die ersten 16 Spiele haben gezeigt, warum die Fußball-WM das größte, interessanteste und emotionalste Sportereignis der Welt ist. Eine Huldigung: 

Spätestens seit der Roten Karte gegen den Kolumbianer Carlos Sanchez im Spiel gegen Japan (1:2) hat die WM alles zu bieten: Spektakuläre Tore, hochklassige Partien, Last-Minute-Tore, Platzverweise, strauchelnde Favoriten und Außenseitersiege. Das ist die sportliche Seite – was dieses Ereignis aber so einzigartig und speziell macht, sind die vielen emotionalen Geschichte auf und neben dem Platz. Im Englischen spricht man vom Fußball als das "World's game", das Spiel, das auf der ganzen Welt gespielt wird. Und das zurecht. Keine andere Sportart mobilisiert die Massen so, wie der Fußball. In keiner anderen Sportart liegen Freud und Leid manchmal so eng beieinander. Die Faszination Fußball kulminiert alle vier Jahre bei der Weltmeisterschaft. 

Vier Wochen WM ist eine Art Ausnahmezustand

Ganz bewusst ist in diesem Artikel nur vom sportlichen Ereignis an sich die Rede. Natürlich ist mir schon bewusst, welche politischen Verstrickungen es rund um den Fußball gibt. Ich beschränke mich aber nur auf das Wesentliche und das spielt sich in den Stadien und davor ab. Als Sportredakteur befindet man sich während der vierwöchigen WM in einer Art Ausnahmezustand. Alles wird in dieser Zeit dem runden Leder untergeordnet. Der Tagesplan wird den Anstoßzeiten angepasst, damit man ja nicht auch nur ein einziges Spiel verpasst. Bislang ist es mir tatsächlich gelungen, alle bisherigen Partien live zu sehen. Und egal, was andere Leute sagen: Ich bin wie immer begeistert. Nicht vom Spielniveau, neuen taktischen Kniffen oder Ähnlichem, sondern vom Turnier an sich und den Geschichten, die es mit sich bringt.Alles in Rot und Weiß: In der Mordwinien-Arena von Saransk waren über 15.000 peruanische Fans im Stadion und sorgten für eine Heimspiel-Atmosphäre. Foto: imago/ITAR-TASS

Beispiele gefällig? Am Sonntagvormittag um 11:32 Uhr Ortszeit verzeichnete das seismologische Institut in Mexiko ein kleines künstlich hervorgerufen Erdbeben. Exakt zu dieser Zeit jubelten Hundertausende Mexikaner über das Tor ihres Landsmannes Hirving Lozano, der im über 10.000 Kilometer entfernten Moskau das 1:0 gegen Deutschland erzielte und damit für die erste Riesenüberraschung bei dieser Weltmeisterschaft sorgte.

Das "kleine" Mexiko, das noch nie über das Viertelfinale bei einer WM hinausgekommen ist, besiegte den amtierenden Weltmeister. Die mexikanische Zeitung "El Universal" schrieb über den Sieg: "Tor des Lebens, Tor des Sieges, Tor der Weltmeisterschaft. Unglaublicher Sieg und Epos. Der 17. Juni 2018 wird in die Geschichte des mexikanischen Fußballs eingehen, und man wird schwer vergessen, was im Luschniki-Stadion passiert ist. Ein historischer Triumph gegen Deutschland!“ Alleine an diesen Zeilen kann man ablesen, was Fußball vielen Menschen in der Welt bedeutet. Manchmal einfach alles. 


Noch ein Beispiel: Am vergangenen Freitag verwöhnten Marokko und der Iran die Zuschauer in St. Petersburg nicht gerade mit glanzvollem Fußball, aber kurz vor Ende der Partie fiel dann doch noch ein Tor. Der eingewechselte Marokkaner Aziz Bouhaddouz, seines Zeichens Spieler des FC St. Pauli, bugsierte völlig unbedrängt die Kugel ins eigene Netz. Die iranische Mannschaft gewann äußerst glücklich. Das war den Landsleuten jedoch völlig egal. Nach dem erst zweitem WM-Sieg der Verbandshistorie feierten die Iraner auf den Straßen von Teheran und starten spontan einen Autokorso durch die Hauptstadt. Das schafft nur der Fußball. 

Einen Autokorso starten die Isländer am Samstag nach dem überraschenden 1:1 gegen Vize-Weltmeister nicht. Aber in Sachen TV-Einschaltquoten hat das kleine Völkchen aus dem hohen Norden wohl einen neuen Rekord gebrochen: Das Remis gegen Messi und Co. verfolgten 99,6 Prozent der Einwohner. Angeblich wurden am vergangenen Samstag sogar extra Hochzeiten und Beerdigungen in Island verschoben, nur um das erste Spiel des WM-Neulings live im Fernsehen zu verfolgen.

Beim Spiel in Saransk zwischen Peru und Dänemark war das Stadion fest in Hand der Südamerikaner. Bis zu 15.000 peruanische Fans nahmen den langen Weg nach Russland auf sich, um ihre Mannschaft zu unterstützen, die sich erstmals seit 1982 wieder für eine Weltmeisterschaft qualifizieren konnte. Das lange Warten hatte für die Peruaner endlich ein Ende. Das die Partie unglücklich verloren ging, war fast zweitrangig, gefeiert wurde trotzdem. Auch die Anhänger des zweiten WM-Neulings Panama ließen sich von der 0:3-Schlappe gegen den haushohen Favoriten Belgien die Laune nicht verderben. Zum allerersten Mal qualifizierten sich die Mittelamerikaner für die WM. Den Tag nach der vollbrachten Qualifikation rief der panamaische Präsident spontan zum Feiertag aus. So etwas schafft nur der Fußball. Wohl in keiner anderen Sportart zittert ein ganzes Land so mit seinem Nationalteam. 


Viele Fußballfans sind auch von den Stars bei dieser WM begeistert: Der unglaubliche Dreierpack von Portugals Ausnahmeprofi Cristiano Ronaldo elektrisierte gegen Spanien die ganze (Fußball)-Welt. Über den Gesundheitszustand von Heilsbringer Mohamed Salah gab es in Ägypten Sondersendungen. Auch die Fitness von Neymar war und ist in Brasilien das Top-Thema. 

Reus oder Özil? Egal!

In Deutschland sahen 2014 unglaubliche 34,5 Millionen Menschen das Siegtor von Mario Götze im Endspiel gegen Argentinien im TV. Die Auftaktniederlage gegen Mexiko am Sonntag schauten immerhin fast 26 Millionen. Die Faszination Fußball ist weltweit einfach ein Phänomen. Erklären lässt es sich vielleicht auch damit, dass Fußball einfach ein so simples Spiel ist. Ein Ball, 22 Spieler und zwei Tore. Jeder kann gegen das Leder treten und hat eigene Meinung zu Aufstellung, Taktik und Lieblingsspielern. In Deutschland wird immer gerne davon gesprochen, dass die Nation aus 80 Millionen Bundestrainern besteht. 

Bis Samstag können wir noch munter diskutieren und spekulieren, wen Bundestrainer Löw im "Endspiel" gegen Schweden aufstellen wird. Özil raus, Reus rein? Egal, Hauptsache am Ende gewinnt Deutschland. Bis zum Finaltag am 15. Juli werden ich versuchen jedes Spiel irgendwie zu verfolgen, denn nur alle vier Jahren ist eine WM.


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