Nach Foul an Salah Wann kapiert Sergio Ramos, dass Fußball ein Sport ist?

Von Udo Muras

Schmerzhafte Szene: Sergio Ramos zieht Mo Salah unfair zu Boden und beendet so sein Finale. Foto: imago/East NewsSchmerzhafte Szene: Sergio Ramos zieht Mo Salah unfair zu Boden und beendet so sein Finale. Foto: imago/East News

Frankfurt. Oft an der Grenze zum erlaubten, häufig unfair: Reals Abwehrspieler machte sich nicht erst bei seinem Foul an Liverpools Mo Salah im Champions-League-Finale einen Ruf als Bad Boy. Warum unser Kolumnist Udo Muras den Spanier mal zum Optiker schicken würde.

Fußballer verdienen viel zu viel, da erzähle ich ja nichts Neues. Aber dass einer eine Milliarde Euro – für die Bodenständigen: das sind 1000 Millionen – auf dem Konto hätte, das wäre doch eine Neuigkeit. Das schafft ja nicht mal Steuertrickser Cristiano Ronaldo. Sein Mitspieler bei Real Madrid, Welt- und Europameister Sergio Ramos, hat im Leben auch ganz gut verdient, ob man es dem Fußball-Rambo nun gönnt oder nicht. Aber wenn es kommt, wie es sich ein ägyptischer Anwalt wünscht, dann muss er wohl noch 50 Jahre in Katar spielen.

24 Mal ist Sergio Ramos schon vom Platz geflogen, wettbewerbsübergreifen. Dazu stehen 200 gelbe Karten auf dem Konto. Foto: Witters

Besagter Herr Bassem Whaba hat Ramos nämlich wegen schwerer Körperverletzung angezeigt und verklagt ihn auf die utopische Summe, als wäre der ein Ölkonzern, der den Nil auf Jahrzehnte verunreinigt hätte. Auch bei der Fifa hat der Anwalt angeblich Beschwerde eingelegt. Die Begründung ist von glühendem Patriotismus durchdrungen: es sei für „den physischen und psychischen Schaden, den Ramos den Menschen in Ägypten zugefügt hat.“ Und Mo Salah, dem aufregendsten Ägypter seit Kleopatra.

Klage ist reine Symbolik

Der Weltklasse-Stürmer des FC Liverpool wurde von Ramos im Champions League-Finale am Samstag bekanntlich zu Fall gebracht und schon vor der Pause aus dem Spiel genommen. Manche sprachen von Griechisch-Römisch, vielleicht war es auch die Erfindung des spanisch-ägyptischen Ringkampfstils.

In jedem Fall tat es schon beim Zuschauen weh und Salah schied mit schmerzender Schulter und unter Tränen aus. Kaputt ist sie aber nicht, wie erst befürchtet. Ob ihn die Attacke die WM kostet, wird sich noch zeigen. Falls nicht, dürfte der Anwalt von seiner Forderung vielleicht etwas herunter gehen. Im Grunde ist es egal, denn sie ist reine Symbolik.

Ramos muss mal zum Augenarzt

Die Klage ist völlig aussichtslos, wenn sie auch in der Fußballwelt viel Zuspruch findet angesichts des übel beleumundeten Ramos, der nach Ansicht vieler dem Finale noch mehr Schaden zugefügt hat als das Nervenbündel im Liverpooler Tor. Dortmund-Fans denken heute noch mit Schaudern daran, wie er vor fünf Jahren ihren Robert Lewandowski bearbeitet hat. 

Da steckte viel Frust in seinen Ellenbogenschlägen, denn der Pole schoss im Halbfinale vier Tore gegen Real und Ramos zahlte in seiner Hilflosigkeit mit der Art von Treffern, die er am besten beherrscht, zurück. So entstand ein Ruf. Gegen gesunde internationale Härte ist ja nichts zu sagen, aber wenn einer permanent Ball und Gegner verwechselt, muss er zum Augenarzt oder gleich zum Psychologen. Oliver Kahn hätte ihn auf dem Schulhof beim Pausenkick jedenfalls immer zuerst gewählt, damit der ihm nichts tut, gab er im ZDF zu. Und wenn der „Titan“ das schon sagt…

Robert Lewandowski gegen Sergio Ramos: Der eine trifft oft das Tor, der andere oft den Gegenspieler. Foto: Witters

Weil Bad Boy Ramos in die nicht ganz eindeutig zu wertende Rangelei verwickelt war, stellt sich vielen also die Frage, ob es überhaupt ein Foul war, gar nicht erst. Auch nicht die nach der Absicht. Dabei sah Ramos ja nicht mal Gelb – aber das will nichts heißen. Die Farbe bekam Toni Schumacher 1982 gegen Patrick Battiston auch nicht zu Gesicht.

Was bringt eine Klage?

Was bringt die Geschichte nun außer Schlagzeilen für einen bis gestern völlig unbekannten Anwalt? Würde Ramos in Deutschland vor Gericht gezerrt, hätte er wenig zu befürchten. In düsterer NS-Zeit wurde zwar mal ein Bochumer Amateurtorwart wegen eines Unterleibstritts für zwei Monate eingebuchtet, es sei eine „ausgesprochene Gemeinheit“ gewesen. Doch was im Kampf um den Ball geschieht, das gehört zum Berufsrisiko – sofern es für die Kämpfer ein Beruf ist. Und da müsse man Verletzungen in Kauf nehmen, urteilte der Bundes-gerichtshof schon 1974. Trotzdem klagten immer mal wieder welche, zumeist vergeblich. 

Fußball ist ein Sport, Herr Ramos

Nur wem „Grenzüberschreitungen“ nachgewiesen werden konnten, die etwa zur Berufsunfähigkeit führten, der wurde vor dem einen oder anderen Landgericht verurteilt. Aber das waren Amateure. Profis verklagen einander nicht, das ist ein ungeschriebenes Gesetz und wer es bricht, bereut es meist. Weil er nur verliert, den Prozess – und an Ansehen. Nun hat Mo Salah Sergio Ramos ja nicht verklagt, sondern ein Dritter. Und auch wenn der Anwalt ist, sind seine Chancen nicht größer. Eine interessante Frage ist übrigens, wer denn die Milliarde bekäme? Die wichtigere: wann kapiert Ramos endlich, dass der Gegner nicht sein Feind und Fußball, auch wenn es um Millionen geht, ein Sport ist? 

Bei einem Finale der Champions League laufen 22 Spieler auf, die für Aber-Millionen Kinder und Jugendliche Vorbilder sind. Schade, dass es immer noch Profis gibt, die das nicht interessiert. Das bewies Ramos in mehreren Szenen. Sollte die absurde Klage bewirken, dass er mal über sich nachdenkt, wäre schon viel gewonnen.