Das sind die Wackelkandidaten Wer muss noch zittern? Der WM-Kader in der Analyse

Von Sportredaktion

Löws Kader und vier Fragezeichen: Vier Spieler lässt aus dem vorläufigen Kader muss der Bundestrainer zu Hause lassen. Foto: imago/Sven SimonLöws Kader und vier Fragezeichen: Vier Spieler lässt aus dem vorläufigen Kader muss der Bundestrainer zu Hause lassen. Foto: imago/Sven Simon

Augsburg. Es waren etliche Telefonate, die Joachim Löw führen musste. Während er 27 Spielern die frohe Kunde überbrachte, dass sie im vorläufigen Kader für die Weltmeisterschaft stehen, musste er zahlreichen Akteuren mitteilen, dass das Turnier in Russland ohne ihre aktive Mithilfe angegangen wird. Bis zum 4. Juni muss er noch vier weitere Spieler in einen unfreiwilligen Urlaub schicken.

Das ist der Kader, aus dem Löw seine Auswahl für Russland wählt. 

Für sie stehen die Chancen gut:

Tor

Torwart Marc-Andre ter Stegen mit Pokal beim Confederations Cup 2017 in Russland. Foto: Witters

Marc-André ter Stegen: Wäre fast immer und überall als Nummer eins gesetzt. Wäre da nicht dieser Konkurrent aus München, der als weltbester Torwart gilt. Hat den Vorteil, über gesunde Mittelfußknochen zu verfügen. Könnte reichen, um bei der WM im Tor zu stehen. 

Bernd Leno: Spielte eine gute Saison. Liefert wenig Spektakel, patzt aber auch äußerst selten. Wäre eine solide Wahl als Nummer drei.

Abwehr

Bleiben beide fit, dürften sie die Stamm-Innenverteidigung bilden – wie beim FC Bayern: Jerome Boateng, Mats Hummels (rechts). Foto: Witters

Joshua Kimmich: War vor zwei Jahren bei der EM noch eine der Überraschungen. Überrascht mittlerweile niemanden mehr. Nicht mal seine beiden Treffer gegen Real Madrid im Halbfinale der Champions League überraschten. Schaffte es tatsächlich, dass Philipp Lahm nicht nachgetrauert wird. Ist immer noch erst 23 Jahre alt.

Matthias Ginter: Ist auch erst 24 Jahre alt. Und schon Weltmeister und olympischer Silbermedaillengewinner. Galt bei der vergangenen WM als Wackelkandidat. Diesmal wieder. Hat den Vorteil, rechts hinten aushelfen zu können, falls Kimmich doch mal ausfällt.

Jérôme Boateng: Der Oberschenkel ist seine Achillesferse. Hofft auf rasche Genesung seiner Muskulatur. Eine Hoffnung, die Joachim Löw teilt, denn „Jérôme ist nicht eins zu eins zu ersetzen“. Jérôme ist nämlich nicht nur stark im Zweikampf, er kann auch noch wunderbar das eigene Spiel aus der Abwehr antreiben.

Mats Hummels: Ist auch nicht eins zu eins zu ersetzen, falls er mal nicht zur Verfügung steht. Treibt das Spiel zwar nicht so schön an wie Jérôme, gibt dafür werthaltigere Interviews.

Niklas Süle: Ganz schön beweglich für ein Gebirgsmassiv. Hat bei den Bayern häufiger gespielt, als es vor der Saison anzunehmen war. Hat das viel besser gemacht, als anzunehmen war.

Antonio Rüdiger: Verpasste die EM, weil er sich im ersten Training in Frankreich das Kreuzband riss. Kämpfte sich zurück. Hat in seinem Spiel extrem an Seriosität zugelegt.

Jonas Hector: Linksverteidiger, der in Köln im defensiven Mittelfeld spielte. Liebling der Fußballromantiker. Bleibt trotz Abstiegs in Köln. In der Nationalmannschaft gesetzt.

Marvin Plattenhardt: Sein linker Fuß ist besser als sein rechter. Verletzt sich nicht bei Flankenversuchen und hat schon mal einen gegnerischen Angriff gestoppt. Auf der Position des Linksverteidigers reicht das für eine WM-Nominierung.

Mittelfeld/Angriff

Haben in ihren Ligen schon ihr enormes Potenzial auf den Platz bringen können – nun auch für den DFB? Leroy Sane und Timo Werner (rechts). Foto: Witters

Julian Draxler: Teilt das Schicksal von Trapp. Meist Bankdrücker in Paris. Die Konkurrenz mit Neymar, Cavani, Mbappé und Di Maria ist nicht so schlecht. Löw hält viel von Draxler. Der zahlt das Vertrauen immerhin manchmal zurück. 

Thomas Müller: Blühte unter Heynckes wieder auf. Spielt seine dritte WM. Traf bei den vorherigen beiden jeweils fünf Mal. Unverzichtbar.

Leon Goretzka: Wechselt zum FC Bayern. Wird wohl in Russland eine ähnliche Rolle einnehmen wie kommende Saison in München: Ergänzungsspieler.

Toni Kroos: Könnte dieses Jahr zum vierten Mal die Champions League gewinnen. Fixpunkt im Spiel von Real Madrid. Sagt schon alles.

Sami Khedira: Sieht sich als Stamm- und Führungsspieler. Ist das auch. Allerdings häufig angeschlagen.

Mesut Özil: Wunderbarer Techniker. Mit dem Hang, in wichtigen Spielen unterzutauchen. Tat sich keinen Gefallen, als er zusammen mit Recep Tayyip Erdogan posierte.

Ilkay Gündogan: Endlich gesund zu einem großen Turnier. Posierte mit Özil und Erdogan. Gibt im zentralen Mittelfeld eine bessere Figur ab.

Marco Reus: Es ist Turniersommer und Reus ist fit. Gab es bisher fast nie. Kann in jedem Spiel den Unterschied machen.

Leroy Sané: Hochbegabter Tempodribbler. Kann jede Abwehr vor unlösbare Aufgaben stellen. Stellte bislang Löw aber oft vor die Frage: Warum nutzt er sein Potenzial nicht in der Nationalmannschaft aus?

Timo Werner: Ebenso hochbegabt wie Sané. Darf sich vorerst im Sturmzentrum als gesetzt fühlen. Noch nicht endgültig geklärt ist die Frage: Kann er sich auch gegen Weltklasse-Verteidiger durchsetzen?

Mario Gomez: Auf ihn wartet die wohl letzte Chance, seine Nationalmannschaftskarriere einem glücklichen Ende zuzuführen. Schoss sich mit einer guten Rückrunde in Stuttgart noch in den Kader. Weil Löw auf Sandro Wagner verzichtete, darf er seinen Platz als sicher ansehen.

Die Wackelkandidaten:

Reicht es für Manuel Neuer noch für die WM? Foto: Witters

Manuel Neuer: Wäre immer und überall als Nummer eins gesetzt. Wäre nur nicht sein poröser Mittelfuß, der innerhalb eines Jahres drei Mal brach. Hat seit September kein Spiel mehr bestritten und soll sich im Trainingslager die notwendige Spielpraxis holen. Gegen die deutsche U20-Mannschaft und Österreich. Spannender Plan. 

Kevin Trapp: Ist nicht einmal in Paris die Nummer eins. In der Nationalmannschaft meistens überzeugend, allerdings gegen Brasilien zuletzt mit einigen Unsicherheiten.  

Jonathan Tah: Wurde zur EM für den verletzten Rüdiger nachnominiert. Hofft sicherlich nicht auf eine Verletzung eines seiner Konkurrenten. Dürfte aber die einzige Chance sein, in den endgültigen Kader zu rutschen. 

Nils Petersen kam bislang noch nicht für die A-Nationalmannschaft zum Einsatz. Foto: Witters

Sebastian Rudy: Hat keinen Grund, sich als Stamm- oder Führungsspieler zu sehen. Spielte selten in München und noch seltener überzeugend. Löw mag seine Sachlichkeit. Könnte aber eng werden mit einer endgültigen Nominierung. 

Julian Brandt: Überall in der Offensive einsetzbar. Spielte in Leverkusen eine starke Saison – und ist doch ein möglicher Streichkandidat. Linksverteidiger müsste man sein.

Nils Petersen: Trotz 15 Treffern in der Liga und somit der besten Quote aller deutschen Spieler eine Überraschung. Benötigt nicht viele Chancen, passt daher hervorragend nach Freiburg. Hat seine Nominierung auch der Tatsache zu verdanken, dass er sich einen formidablen Ruf als Joker erarbeitet hat. Ob das für eine endgültige Nominierung reicht? Es wäre eine weitere Überraschung.

Von Tilmann Mehl