Holstein Kiel gegen Wolfsburg Relegation: Wo die Störche den Wolf packen können

Von Alexander Barklage

Konnte mit dem kommenden Relegations-Gegner Holstein Kiel noch nichts anfangen: Wolfsburgs Stürmer Divock Origi. Foto: imago/regios24Konnte mit dem kommenden Relegations-Gegner Holstein Kiel noch nichts anfangen: Wolfsburgs Stürmer Divock Origi. Foto: imago/regios24

Wolfsburg/Kiel. Zweitliga-Überflieger Holstein Kiel geht als klarer Außenseiter in die Relegation gegen Wolfsburg - doch Potenzial für die Überraschung ist da.

Ungleicher kann ein Duell wohl kaum sein: Am Donnerstagabend (20.30 Uhr) empfängt die Millionen-Truppe des VfL Wolfsburg den Underdog Holstein Kiel im Relegations-Hinspiel. Während die Wolfsburger zum zweiten Mal in Folge eine total verkorkste Saison noch irgendwie retten wollen, schweben die Kieler "Störche" auf Wolke sieben. Der Aufsteiger spielte eine überragende Saison in der 2. Bundesliga und will jetzt den Durchmarsch ins Oberhaus schaffen. 

Es ist ein Duell David gegen Goliath, wenn man sich rein auf die Fakten stützt: Der VfL Wolfsburg ist ehemaliger Deutscher Meister (2009) und DFB-Pokalsieger (2015). Der Marktwert der Mannschaft liegt laut "Transfermarkt.de" bei 142 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der Kader Holstein Kiels bringt es auf zirka 14 Millionen Euro. Vor der Saison wechselte der Herthaner John-Anthony Brooks für zirka 17 Millionen Euro zu den Wölfen, während die Kieler für ihre gesamten Zugängen nicht einen Euro ausgaben. Der Zweitliga-Aufsteiger war in Sachen Kaderplanung vielmehr gezwungen, größtenteils auf Leihspieler zu setzen. 

Überragende Holstein-Offensive

Einer dieser Kieler Leihspieler ist Marvin Ducksch. Der 24-jährige Stürmer steht noch bis Juni 2019 beim Ligarivalen FC St. Pauli unter Vertrag und spielt jetzt seine zweite Saison bei den Kielern. Ducksch holte sich nun in der 2. Bundesliga die Torjägerkrone. Er traf insgesamt 18 Mal und ist einer der großen Stützen des Teams von Trainer Markus Anfang. Aber nicht nur Ducksch brilliert in der Kieler Offensive auch Domenic Drexler (12 Tore) und Kingsley Schindler (12 Tore) wirbelten die Abwehrreihen im Unterhaus mächtig durcheinander. Holstein erzielte mit Abstand die meisten Tore in der Liga (71). Das 6:2 am letzten Spieltag zuhause gegen Eintracht Braunschweig zeigte erneut eindrucksvoll, wie offensivstark die Mannschaft ist. 


Die Wolfsburger Minimalisten

Weniger oft zappelte der Ball bei Gegnern des VfL Wolfsburg im Netz. Während die Abwehr zumindest statistisch betrachtet zu den konstanteren der Liga gehörte, war das größte Manko beim VfL in der abgelaufenen Saison das Toreschießen. Mit 36 erzielten Treffern war die VfL-Offensive die dritt harmloseste der Bundesliga. Auf der anderen Seite stand die Defensive kompakt: Achtmal ließen die Niedersachsen kein Tor zu und kassierten insgesamt auch nur 36 Gegentreffer. Zwischen dem fünften und elften Spieltag spielte der VfL sieben Mal in Folge unentschieden. 

Erfahrung gegen Euphorie

Ein Punkt der im Duell "Wölfe" gegen "Störche" sicherlich für den Bundesligisten spricht, ist die Erfahrung in wichtigen Spielen. Erst in der vergangenen Saison kämpfte sich der VfL durch die Relegation. Zweimal gewannen die Wolfsburger gegen den Lokalrivalen Eintracht Braunschweig. Auch vor einem Jahr spielte der Meister von 2009 eine grottenschlechte Saison, um sich dann doch relativ souverän gegen Braunschweig (1:0/1:0) durchzusetzen. Auch Trainer Bruno Labbadia ist in Sachen Relegation ein alter Hase. Mit dem HSV setzte er sich 2015 in allerletzter Sekunde egen den Karlsruher SC durch. Aber auch die Kieler haben schon Relegations-Erfahrung. Allerdings schlechte. In der Saison 2014/15 stand Holstein schon mit einem Bein in der 2. Bundesliga, doch ein Treffer von 1860 München-Verteidiger Kai Bülow in der Nachspielzeit zum 2:1 verhinderte den damaligen Aufstieg der "Störche". Dieses Mal wollen es die Norddeutschen besser machen und das Momentum spricht auch für die Kieler, die voller Selbstvertrauen in die beiden Duelle gehen.


Sechserpack: Mit einem 6:2-Heimsieg über Absteiger Eintracht Braunschweig schossen sich die Kieler warm für den VfL Wolfsburg. Kapitän Rafael Czichos und Steven Lewerenz erzielten dabei fünf der sechs Tore. Foto: imago/Hübner



Anfang nach Köln - Labbadias Zukunft ungewiss

Fraglich ist übrigens noch, wer bei beiden Vereinen in der kommenden Saison auf der Trainerbank sitzen wird. Sicher ist der Abgang von Kiels Trainer Markus Anfang, der bereits einen Vertrag beim Bundesliga-Absteiger 1. FC Köln unterzeichnet hat. Ob es für Bruno Labbadia bei den Niedersachsen weitergeht, ist noch unklar. Es wird natürlich auch einiges davon abhängen in welcher Liga der VfL dann spielen wird. 

Origi: Arrogant oder unwissend?

Zu locker sollte es der VfL auf jeden Fall nicht nehmen, denn die Kieler sind vor allem im Offensivspiel nicht zu unterschätzen. Im Hinspiel werden sie sicherlich auf Konter setzen und versuchen mit ihren überragenden Angreifern mindestens ein Tor zu erzielen. Wolfsburgs Stürmer Divock Origi muss sich bis Donnerstag anscheinend noch einmal mit dem kommenden Gegner intensiv beschäftigen. Auf die Frage, ob er schon mal von Holstein Kiel gehört habe, antwortete der Belgier in einem "ZDF"-Interview: "Nein." "Gegen die spielen Sie am Donnerstag." "Ah, interessant." 

Prognose

Auf den ersten Blick sollte sich der VfL Wolfsburg aufgrund der höheren individuellen Klasse und auch der Erfahrung aus dem Vorjahr gegen die Kieler souverän durchsetzen. Allerdings sollten die Wölfe die Störche nicht unterschätzen. Besonders in der Offensive haben die Kieler sehr viel Qualität und auch der Faktor Euphorie spricht für den Zweitligisten. Sollte es den Kielern gelingen am Donnerstag mit nur einer knappen Niederlage aus Wolfsburg heimzukehren, stünden die Chance für den Durchmarsch nicht schlecht.


Modus der Relegation

Der Tabellen-16. der Bundesliga tritt in der zur Saison 2008/09 wieder eingeführten Relegation mit Hin- und Rückspiel gegen den Dritten der 2. Bundesliga an. Der Sieger des Duells erhält den 18. Startplatz für die kommende Saison in der Bundesliga. Beim Relegationsspiel gilt die aus dem Europapokal bekannte Auswärtstorregel, wonach auswärts erzielte Tore bei Gleichstand im Gesamtergebnis mehr zählen als zu Hause erzielte Treffer. Falls nach Ende der regulären Spielzeit noch keine Entscheidung gefallen ist, gibt es zweimal 15 Minuten Verlängerung. Steht danach immer noch kein Sieger fest, findet ein Elfmeterschießen statt.